Augsburg    

Eine Million Besucher

Augsburg - Die Seniorin aus einem Dorf im Wittelsbacher Land staunt. So hat es in dem Gebäude nicht ausgesehen, als sie dort in den 60er Jahren als junge Frau in der Augsburger Kammgarnspinnerei gearbeitet hat. Heute begleitet sie ihre Tochter zum Textilmarkt im Textilmuseum Tim, die beiden gönnen sich nach dem anstrengenden Gang durch die wegen des Besucheransturms recht warmen Räume noch einen Imbiss im angegliederten Restaurant Nunó.


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Veranstaltungen wie der Textilmarkt, Workshops unter Mottos wie "Upcycling", "Handlettering" oder "Siebdruck" sowie Sonderschauen wie etwa ab Mai 2020, wenn es um Amish Quilts geht, tragen zur Erfolgsgeschichte bei.


Ausgerechnet zu einer Schulklasse aus Italien gehörte der millionste Besucher, der am Mittwoch im Tim gefeiert wurde. So ein Zufall, dass der Jubiläumsbesucher quasi internationales Flair mitbringt, kommt dem Marketing natürlich gelegen. Das Augsburger Museum zieht Besucher an, nicht nur aus der Region, sondern sogar aus dem Ausland. In den rund zehn Jahren seines Bestehens ist das Tim eine Erfolgsgeschichte geworden. Und nicht nur bei Schulklassen ein beliebtes Ausflugsziel, wenn es darum geht, Heimatgeschichte erlebbar zu machen.
Zum Erfolg des Tim tragen zahlreiche Veranstaltungen bei, wie auch der Textilmarkt, der am Freitag und Samstag Scharen von Gästen anlockte. Gewebt, gewaltkt, genäht und geflochten, geformt, gebastelt, bedruckt und gestrickt: Zeitweise ist kaum noch ein Durchkommen zu den Ständen, an denen sich 65 Ateliers - nicht nur aus Augsburg und ganz Deutschland, auch aus Tschechien und Österreich stammen die Künstler - mit Kleidung, Schmuck, Heimtextilen, Taschen, Dekoartikeln und Schuhen präsentieren. Bei kostenlosem Eintritt riskierten die Besucher gern die lange Parkplatzsuche - oder stellten ihren Wagen gleich in der Garage der zumindest am Samstag übervollen City-Galerie in der Nähe ab, um dann zu dem Museum zu laufen.
Die Anbieter bewiesen ihre teils unglaubliche Kreativität, ob es sich um kleine Dinge wie einen Eierwärmer aus einem gefilzten Ziegenbock oder ein Igelchen als Bleistiftaufsetzer handelte oder um kunstvoll bedruckte Leinen-Tücher oder große Stoff-Gemälde, die sich vor allem in einer Altbauwohnung mit hohen Wänden sicher gut machen würden. Ein Gewirr aus bunten Ketten, gefertigt aus mit Stoff umwickelten Drähten, faszinierte die Kunden ebenso wie nicht alltägliche Trachten. Und dann erst die gehäkelten Spieluhren!
Das Museum im Herzen des Textilviertels ist eine Einrichtung des Freistaats, es ist das erste Landesmuseum in Schwaben. Darin wird man erinnert an die Blütezeit der Fuggerstadt, als die Webstühle niemals still standen. Noch vor 40 Jahren waren 20 000 Menschen in der Textilbranche tätig - bevor vielen Herstellern die Fertigung in Deutschland zu teuer wurde und sie diese in Billiglohnländer auslagerten. Viele alte "Textiler" gehören nun zum Förderverein des Tim, ihr Know-how ist wertvoll. Sie wissen, wovon sie reden, wenn sie den Besuchern zeigen, wie die Maschinen funktionieren.
Im zehnten Jahr seines Bestehens - das Tim wurde 2010 eröffnet, nachdem viele schon nicht mehr geglaubt hatten, dass das geschehen würde, schließlich hatte es neun Jahre vom Gründungsbeschluss bis zur Schlüsselübergabe gedauert - steht fest, dass das Geld, das es gekostet hat, wohl gut angelegt ist. Kalkuliert hatte man einst mit 2,6 Millionen D-Mark, das Museum sollte im Glaspalast situiert sein. Dann wurden es 21 Millionen Euro, eröffnet wurde schließlich in der ehemaligen Augsburger Kammgarnspinnerei AKS. So überdauert auch diese irgendwie ihre Schließung, wenn irgendwann einmal niemand mehr davon berichten kann, wie hektisch es einst zuging, wenn mal ein Faden riss und die Produktion zum Erliegen brachte. Im Gebäude der ehemaligen Kammgarnspinnerei

Von Monika Grunert Glas


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Was darf es denn sein? Ein geometrisch gemusterter Schal vielleicht, oder etwas zur Deko? Der Textilmarkt im Tim an der Provinostraße lockte Scharen von Besuchern an. Foto: Monika Grunert Glas



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Veröffentlicht am 24.11.2019 16:12 Uhr



 
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