Aichach    

Verurteilter Räuber bekommt die Kurve

Aichach - Vor fast genau drei Jahren stürmten zwei maskierte Jugendliche in den Feinkostladen Schwab-Zettl in der Schulstraße in Aichach und bedrohten den Inhaber und eine Kundin mit einem Messer. Einer der beiden Räuber, die wenige Tage nach dem Überfall gefasst werden konnten, saß am Dienstag noch einmal vor Gericht.


Diesmal wurde dem mittlerweile 19-Jährigen aus dem Landkreis Aichach-Friedberg vorgeworfen, im März 2019 einem Mann mit den Armen so fest gegen die Brust geschlagen zu haben, dass dieser nach hinten umfiel, auf den Randstein schlug und einige Zeit benommen liegenblieb. Das Pikante an der Sache: Die Tat ereignete sich, als der junge Mann noch unter Bewährung stand.
Für die versuchte räuberische Erpressung, so der juristische Fachausdruck für den Raub im Juli 2017 in Aichach, erhielt der Angeklagte damals ein Jahr und sechs Monate Jugendstrafe. Ausgesetzt wurde die Freiheitsstrafe jedoch zur Bewährung.
In Fällen wie diesem, wenn Straftäter während einer offenen Bewährung neue Straftaten begehen, ist die Sache häufig klar: Der Betreffende wandert ins Gefängnis. Dabei handelt es sich allerdings um keinen Automatismus. In dem Fall der Körperverletzung, der in der Schöffensitzung am Dienstag verhandelt wurde, lautete das Urteil zwar auf schuldig; der Angeklagte ist aber weiterhin auf freiem Fuß. Jugendrichterin Eva-Maria Grosse setzte die Jugendstrafe des Mannes zusammen mit den beiden Schöffen auf ein Jahr und zehn Monaten fest, die Freiheitsstrafe wurde erneut zur Bewährung ausgesetzt (auf drei Jahre). Zudem muss der 19-Jährige regelmäßig Urinproben abgeben, da er laut Bewährungshelfer noch immer ein "Suchtproblem" hat.
Warum der junge Mann so vergleichsweise milde davonkam? Weil er, so sah es das Schöffengericht, aber auch seine Anwältin und sogar die Staatsanwaltschaft, seit der Tat im Fasching 2019 "alles richtig gemacht hat", wie Eva-Maria Grosse am Ende der Verhandlung hervorhob. So macht der Angeklagte seit einem Jahr eine kaufmännische Ausbildung und wird sowohl in seinem Betrieb als auch in der Berufsschule geschätzt, er hat eine feste Freundin, mit der er sich eine Familie wünscht, und hat keine Schwierigkeiten mehr mit seiner Familie, bei der er wohnt. Das war allerdings nicht immer so, wie ein Bewährungshelfer dem Schöffengericht auseinandersetzte. Demnach hatten die Eltern des Angeklagten offenbar schon früh Schwierigkeiten mit dem Jungen, mehrmals wendeten sie sich ans Jugendamt.
Trauriger Höhepunkt: Mit gerade mal 16 Jahren überfiel der Heranwachsende zusammen mit einem Freund den Aichacher Feinkosthändler. Der Angeklagte war es auch, der den Inhaber und eine Kundin mit dem Messer bedrohte. Das Verbrecher-Duo wurde zwar bald darauf gefasst, der Überfall war aber durchaus professionell eingefädelt worden. Die Kleidung für die Tat zogen sie sich erst im Keller eines Bekannten über und stürmten dann mit Strickmütze und Schal maskiert in das Geschäft. Zuvor war der Jugendliche übrigens schon einmal strafrechtlich in Erscheinung getreten: Er machte sich des Hausfriedensbruchs schuldig.
Der Bewährungshelfer attestierte dem jungen Mann - trotz aller positiven Entwicklungen - eine gewisse Erregbarkeit beziehungsweise "kurze Lunte". Die wurde dem jungen Mann wohl auch im März 2019 "zum Verhängnis".
Bei der besagten Faschingsfeier in Friedberg sei er gemeinsam mit Freunden von zwei Fremden provoziert worden, erklärte der Angeklagte dem Schöffengericht. Die Männer hätten seine Mutter beschimpft, und das könne er gar nicht ausstehen. Obwohl er kein aggressiver Mensch sei, so der Angeklagte weiter, habe es ihm irgendwann gereicht und er habe einen der Männer geschubst, "damit er endlich verschwindet".
Dass der Geschubste nach dem Sturz kurz weggetreten war, sei ihm nicht aufgefallen, behauptete der 19-Jährige. Mitbekommen haben die Szene rund um die Kehrausparty in der Friedberger Tiefgarage Ost hingegen zwei Zivilbeamte der Polizei. Als der junge Mann von der Polizei angehalten wurde, gab er die Tat zu.
Der Geschädigte der Feiernacht Anfang März, der Vorfall ereignete sich um 0.35 Uhr, konnte bis heute nicht aufgefunden werden. Wer hingegen am Dienstag am Amtsgericht erschien, war sein damaliger Begleiter. Er konnte zu den genauen Abläufen aufgrund seiner Alkoholisierung aber nur vage Angaben machen.
Am Ende sah es das Schöffengericht als erwiesen an, dass sich der 19-jährige Angeklagte zwar der Körperverletzung schuldig gemacht hat, dabei allerdings niemand zu Schaden kam und der junge Mann seither bewiesen habe, dass der die Kurve gekriegt hat. Richterin Eva-Maria Grosse gab dem jungen Mann mit auf dem Weg: "Ich würde mir wünschen, dass Sie ihren Weg weitergehen. Das Potenzial dazu haben Sie." Wenn ihn künftig jemand provoziere, solle er sich einfach umdrehen und gehen. "Ich würde mir wünschen, dass Sie ihren Weg weitergehen. Das Potenzial dazu haben Sie"

Von Thomas Winter


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Veröffentlicht am 29.07.2020 15:45 Uhr



 
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