Aichach    

Rollifahrer kommt auf der Paartalbahn nur mit Hilfe der Feuerwehr nach Hause

Aichach/Friedberg - Bahnkunden erzählen oft und gerne von den Zumutungen, die der öffentliche Nahverkehr mit sich bringen kann. Was Dieter Neumann aus Friedberg aber jüngst erlebte, dürfte alles toppen. Statt abends um 23 Uhr kam er gegen 2.30 Uhr morgens zu Hause an und dass auch nur, weil die Berufsfeuerwehr Augsburg geholfen hat. Dieter Neumanns Pech: Er sitzt im Rollstuhl.


barrierefrei
Schon vor einem Jahr diskutierte Bayerns damaliger Verkehrsminister Hans Reichhart (Mitte, schwarz gekleidet) mit Landtagsabgeordnetem Peter Tomaschko (links daneben), dem Behindertenbeauftragten des Landkreises, Josef Koppold (rechts daneben), sowie Landrat Klaus Metzger und Vertretern der weiteren Anrainergemeinden über die Bahnstrecke und den barreirefreien Ausbau. Archivfoto: Carina Lautenbacher


Vielleicht hätte die Geschichte unsere Zeitung gar nicht erreicht, wenn Neumann nicht mit Dieter Nießner, der im Vorstand der Landkreis-ÖDP als Schriftführer aktiv ist, zum Bezirksparteitag der ÖDP nach Memmingen gefahren wäre. Trotzdem ist der Vorfall kein Einzelfall: "Als Rollstuhlfahrer selbstständig mit dem öffentlichen Nahverkehr unterwegs zu sein ist fast nicht machbar", bestätigt auch der Behindertenbeauftragte des Landkreises, Josef Koppold.
Was ist passiert? Um 21.07 Uhr wollten Nießner und Neumann von Memmingen nach Hause fahren. Neumann habe bei der Einfahrt des Zuges sofort gesehen, dass es sich um einen Zug älterer Bauart handelte, berichtet sein Reisegefährte: Keine Chance mit dem Elektrorollstuhl reinzukommen. "Der freundliche Lokführer nahm Kontakt mit dem Folgezug eine Stunde später auf. Dieser war barrierefrei, fuhr aber nach München, was heißt in Buchloe Richtung Augsburg umsteigen", berichtet Nießner. Doch: In Buchloe wäre wieder ein ungeeigneter Zug gekommen, mit dem dann Dieter Nießner alleine weiterfuhr. Der hilfsbereite Zugbegleiter hatte davor geraten, über München zu fahren. Er organisierte auch, dass in München Hilfe für das Umsteigen Richtung Augsburg bereitstehen sollte. So kam Neumann spät, aber immerhin in Hochzoll an, von wo aus er mit dem Rollstuhl nach Hause fahren kann.
Doch am Bahnsteig war der Aufzug außer Betrieb. Dabei hatte er sich bei der Servicezentrale vergewissert, dass der Aufzug funktioniert. So war er nachts um 1 Uhr auf dem Bahnsteig in Augsburg-Hochzoll gefangen. Er musste die Servicezentrale um Hilfe bitten, die die Berufsfeuerwehr Augsburg verständigte. Die acht Mann starke Einsatzgruppe seilte den schweren Elektrorollstuhl Stufe für Stufe ab und trug anschließend Dieter Neumann auf der Trage hinunter. "So kam er gegen 2.30 Uhr zu Hause an", schließt Dieter Nießner seine Schilderung, und stellt ernüchtert fest: "Anscheinend gilt Inklusion nur bis 19 Uhr."
"Meine Freunde und ich haben das Zugfahren längst aufgegeben", bestätigt der Behindertenbeauftragte des Landkreises Aichach-Friedberg. Seit 30 Jahren sitzt Josef Koppold im Rollstuhl: "Ich hätte nie gedacht, dass es so lange dauert, bis etwas vorangeht." Zuletzt hat er vor zwei Jahren versucht, eine Bahnreise nach Dortmund zu unternehmen. Alles in allem sehr schwierig und dabei längst nicht das schlimmste Debakel, das Koppold mit der Bahn erlebt hat. "Jeder Rollstuhlfahrer kennt das."
Dabei sind die technischen Einrichtungen nicht einmal das größte Problem. Trotzdem erfordern sie regelmäßig Wartung, damit der Aufzug oder die Rolltreppe auch wirklich funktionieren. Defekte und Vandalismus können aber jederzeit die Nutzung verhindern, selbst dann, wenn man sich wie Dieter Neumann im Vorfeld danach erkundigt hat.
Ein größereres Problem sind die unterschiedlichen Fahrzeughöhen: Weder auf Landes- noch auf Bundesebene sind die Höhen einheitlich, also ist es von Bahnsteigen und Zügen abhängig, ob und welche Barrieren vorhanden sind. Aber aus dem Wittelsbacher Land ist sogar die "Reise" nach Augsburg schwierig. Und groteskerweise wird sie noch schwieriger, wenn der Umbau des Hauptbahnhofs in Augsburg abgeschlossen ist. Derzeit können dort Rollstuhlfahrer noch alte Rampen nutzen, über die früher Beladungen stattgefunden haben. Das wird später nicht mehr möglich sein. Dann geht der Aufzug. Oder die Reise ist zu Ende. Einfache Rollstühle können auch die Rolltreppe benutzten. Mit den größeren und erheblich schwereren Elektrorollstühlen geht das ebenso wenig, wie die Benutzung von mobilen Rampen zum Besteigen des Zugs.
Josef Koppold neigt nicht dazu, in Frust zu verfallen. Zu dem Thema aber sagt er: "Es gibt beim öffentlichen Nahverkehr keine Hoffnung auf Besserung. Dazu fehlt einfach der Wille." Zwar habe es Initiativen gegeben, zuletzt "Bayern barrierefrei", die das Thema zumindest mehr ins Bewusstsein bringen. Es gibt auch eine Gesprächsrunde, die sich mit der Situation auf der Paartalbahn befasst. Konkrete Besserung ist aber nicht in Sicht. "Das ist keine Teilhabe", bringt es Josef Koppold auf den Punkt. "Anscheinend gilt Inklusion nur bis 19 Uhr"

Von Carina Lautenbacher



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Veröffentlicht am 23.09.2020 16:54 Uhr