Augsburg    

Solwodi Augsburg: Dort helfen, wo viele Menschen nicht hinschauen wollen

Augsburg - Linda Greiter wird in ihrer Arbeit mit vielen Schicksalen konfrontiert. Zum Beispiel mit dem einer jungen Frau aus Gambia, die mit zwölf Jahren von ihrem Vater zwangsverheiratet und von ihrem Ehemann mehrfach vergewaltigt wurde. Mit 13 wurde das Mädchen schwanger und brachte Zwillinge zur Welt. Die zweite Frau ihres Mannes wendete "massiv Gewalt gegen sie an", erzählt Linda Greiter. Sie betreut die junge Frau, die inzwischen in Augsburg lebt. Denn das Mädchen floh mit ihren Kindern aus der Situation und kam "über verschiedenste Umstände und einen Menschenhändler nach Deutschland". Dort landete sie in der Zwangsprostitution.


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Ausländische Frauen, die nun in Deutschland leben und die Not und Gewalt erfahren haben, seien es Opfer von Menschenhandel, sexueller Ausbeutung und Prostitution, Zwangsheirat oder sonstiger Gewalt, finden beim Verein "Solwodi" große Unterstützung. Die betroffenen Frauen werden von erfahrenen Sozialarbeiterinnen begleitet. Foto: Symbolfoto: Verein Solwodi


Greiter und ihre Kolleginnen helfen ausländischen Frauen, die in Deutschland Opfer von Menschenhandel, sexueller Ausbeutung, Zwangsheirat oder sonstiger Gewalt werden. Sie arbeiten für den gemeinnützigen Verein "Solwodi" (Solidarity for Women in Distress - Solidarität mit Frauen in Not) in Augsburg.
Linda Greiter leitet die Augsburger Beratungsstelle und ist auch selbst als Sozialarbeiterin tätig. Ein Standardverfahren gibt es für die Arbeit mit den Frauen nicht, betont sie. "Wir orientieren uns sehr individuell an den Bedürfnissen der Klientinnen."
Los geht es aber meist mit einem Erstgespräch, falls nötig mit Unterstützung eines Dolmetschers. Linda Greiter und ihre vier Mitarbeiterinnen vermitteln dann zum Beispiel juristische Hilfe, stellen Kontakte zu anderen Unterstützungsangeboten wie dem Jugendamt her, begleiten im Asylverfahren oder vermitteln Deutschkurse. Viele der betreuten Frauen haben nur eine rudimentäre Bildung und sind Analphabetinnen. Für sie sei es oft schwierig, Angebote in Deutschland wahrzunehmen, "oder auch erstmal die Struktur hier zu verstehen, was man machen muss". Oft brauche es viel Zeit, um den Frauen das zu erklären "und sie da auch mitzunehmen", sagt Greiter. Oft seien die Frauen auch psychisch sehr belastet.
Die junge Frau aus Gambia war kein Ausnahmefall. Sie kam in Deutschland in einem anderen Bundesland an und war dort eingesperrt. "Der Mann, der sie gehandelt hat, hat dann täglich mehrere Männer zu ihr ins Zimmer gebracht", erzählt die Sozialarbeiterin. Schließlich konnte sich die junge Frau befreien und kam nach Augsburg. Heute besucht sie einen Deutschkurs "und ist sehr motiviert". Vor der Corona-Pandemie verbrachte sie viel Zeit in der Stadtbücherei. Greiter klingt stolz, wenn sie von der Entwicklung ihrer jungen Klientin erzählt. Solwodi unterstützt die junge Frau nun auch in ihrem Asylverfahren.
Viele der Frauen, denen der Verein in Augsburg hilft, kommen derzeit aus Gambia und Nigeria. Bei den meisten betreuten Frauen handle es sich um Opfer von Menschenhandel und Zwangsprostitution. Im Streetwork-Bereich stammen dagegen viele der Klienten aus Ost-Europa.
Eine Kollegin Greiters besuchte, vor der Corona-Pandemie, regelmäßig die Bordelle mit einer Mitarbeiterin des Gesundheitsamts, um ihre Hilfe anzubieten. Aktuell sind Bordelle aus Gründen des Infektionsschutzes weiterhin geschlossen. Wieder öffnen durften dagegen nach einer Entscheidung des Bayerischen Verwaltungsgerichtshofs "Prostitutionsstätten", in denen sich nur wenige Personen gleichzeitig aufhalten. Die Bordelle seien bei der Prostitution "natürlich das Hellfeld", betont Greiter, also die Bereiche, die am sichtbarsten und am besten kontrolliert sind. Es gebe allerdings auch "eine sehr hohe Dunkelziffer". Der Verein habe deshalb auch eine sehr gute Kooperation mit der Polizei.
Doch Solwodi hilft Frauen nicht nur aus der Prostitution. Manchmal melden sich zum Beispiel auch Frauen, die mit ihrem Mann angereist sind "und dann merken, dass Frauen hier andere Rechte haben, als sie das aus ihrem Herkunftsland kannten". Wenn diese Frauen sich trennen wollen, sei das für die Männer oft sehr schwer zu akzeptieren und es komme auch zu massiver Gewalt.
Der Verein vermittelt die Frauen unter anderem in Schutzhäuser. Viele der betreuten Frauen haben inzwischen auch Fluchterfahrung. Die Probleme seien häufig sehr komplex, die Frauen hätten "kein isoliertes Einzelproblem", sondern viele Probleme, die miteinander verbunden sind. Insgesamt 155 Frauen hat die Augsburger Beratungsstelle des bundesweit agierenden Vereins im Jahr 2020 betreut. Dabei fand in 108 Fällen auch der Erstkontakt in diesem Jahr statt, die anderen Frauen waren noch aus den Vorjahren in Beratung. Oft bräuchten die Frauen über mehrere Jahre hinweg Unterstützung. Solwodi wird vom Freistaat, der Stadt Augsburg und verschiedenen EU-Projekten finanziell unterstützt, doch finanziert sich auch viel über Spendengelder.
Ihre Arbeit ist nicht immer einfach, denn der Erfolg ist vor allem auch von den Frauen selbst abhängig. Die Frauen, die nicht in die Prostitution gezwungen wurden, gäben oft an, dass sie das freiwillig machten. "Oft stecken aber große finanzielle Nöte dahinter, gerade bei den Frauen aus Osteuropa", betont Greiter.
Die Arbeit für Solwodi sei psychisch und emotional sehr belastend. Persönlich nimmt Greiter es darum nicht, wenn eine ihrer Klientinnen den Ausstieg nicht schafft. "Letztendlich ist es so, dass wir ein Angebot machen, und es liegt bei der Frau, es anzunehmen", sagt sie und ergänzt: "Wir helfen dort, wo viele Menschen nicht hinschauen können oder wollen." 155 Frauen wurden vergangenes Jahr in Augsburg betreut

Von Laura Türk


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Veröffentlicht am 04.08.2021 16:38 Uhr