Augsburg    

"Alle sind wir ja unterschiedlich"

Augsburg - Seit vier Jahren lebt der 13-jährige Lukas in einer Wohngruppe für Kinder und Jugendliche mit Autismus im Augsburger Frère-Roger-Kinderzentrum, das zur Katholischen Jugendfürsorge (KJF) Augsburg gehört "Hier fühle ich mich zuhause", sagt er. Kinder und Jugendliche aus dem sogenannten autistischen Spektrum, die ins Frère-Roger-Kinderzentrum kommen, haben laut dem KJF oft einen langen Weg der Schwierigkeiten und des Scheiterns hinter sich. "Das Gefühl, angenommen zu werden so wie sie sind, ist für die meisten total neu und darum auch so wertvoll", sagt Heilpädagogin Manuela Paulak vom Fachdienst Autismus des Frère-Roger-Kinderzentrums.


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Der 13-jährige Lukas lebt seit vier Jahren in einer Wohngruppe für Kinder und Jugendliche mit Autismus im Frère-Roger-Kinderzentrum. Foto: KJF Augsburg/Barbara Gandenheimer


Denn die Kinder und Jugendlichen nehmen die Welt anders wahr: Aufgrund besonderer neurologischer Entwicklungen werden Informationen aus der Umwelt im Gehirn eines Autisten anders aufgenommen und verarbeitet. Und diese andere Wahrnehmung hat wiederum Auswirkungen auf die soziale Interaktion, die Kommunikation und das Verhalten.
"Wenn ich mir die Mühe mache, in die Welt des Autismus einzutauchen, dann macht das Verhalten des jeweiligen Kindes oder Jugendlichen immer Sinn", betont Manuela Paulak. "Es sind Handlungen, die sie sich antrainiert haben, um in ihrem Leben zurechtzukommen. Häufig werden diese Verhaltensweisen aber zunächst als provozierend oder anstrengend wahrgenommen."
Genau diese Herausforderung in der Arbeit mit den Kindern und Jugendlichen fasziniert die Heilpädagogin. "Man braucht immer ein Mehr an Kreativität und Ideen, um herauszufinden, was genau der Einzelne braucht", sagt sie. "Die Standard-Pädagogik greift da sehr oft eben nicht." Generell bräuchten Kinder und Jugendliche aus dem autistischen Spektrum viel Vorhersehbarkeit und Sicherheit, "und das ist in unserer Welt der Punkt, an dem sie sehr oft scheitern", so Paulak.
Um die täglichen Abläufe deutlich zu machen, gibt es in den Wohngruppen des Frère-Roger-Kinderzentrums unter anderem Wochenpläne auf einem Whiteboard. "Unsere Jugendlichen müssen wissen, wer was macht, wann mit wem, wo und wie lange", sagt die Heilpädagogin.
Etwa 20 Prozent aller Kinder und Jugendlichen, die in den ambulanten, teilstätionären oder stationären Angeboten des Frère-Roger-Kinderzentrums begleitet werden, sind Menschen aus dem autistischen Spektrum. Und Psychologe Markus Bauer beobachtet eine gestiegene Nachfrage nach diesen Hilfsangeboten. "Die gesellschaftlichen Anforderungen machen es dem Personenkreis zunehmend schwer und sie brauchen vermehrt gezielte Unterstützung", glaubt er.
Darum empfinden Manuela Paulak, Markus Bauer und auch Lukas und Burghardt den Welt-Autismus-Tag am 2. April als gute Möglichkeit, auf das Thema aufmerksam zu machen. Der 15-jährige Burghardt würde sich von Nicht-Autisten wünschen, dass sie nachsichtiger mit ihm und anderen Autisten sind, denn: "Alle sind wir ja unterschiedlich." Für seine eigene Zukunft wünscht sich Burghardt, dass er unabhängiger von fremder Unterstützung wird und irgendwann in einer eigenen Wohnung leben kann. Der nächste große Schritt auf dieses Ziel hin ist eine Berufsausbildung zum Metallbauer. Und auch der 13-jährige Lukas hat seit vielen Jahren eine konkrete Vorstellung von seiner beruflichen Zukunft: "Ich will Architekt werden." Die Kinder brauchen Vorhersehbarkeit


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Veröffentlicht am 02.04.2021 14:19 Uhr