Aichach    

Verdreckt von oben bis unten: Mietnomaden zu Bewährungsstrafe verurteilt

Augsburg - Einen "klassischen Fall von Mietnomaden" verhandelte Richterin Ulrike Ebel-Scheufel gestern vor dem Augsburger Amtsgericht: Eine 53-jährige Mutter und ihre 25-jährige Tochter haben laut Anklage zwischen April 2018 und Juli 2019 nacheinander drei Wohnungen in Augsburg, Kissing und Mering angemietet, ohne je die Absicht gehabt zu haben, die Mieten zu bezahlen. Dazu kommt, dass sie die Wohnungen in einem "katastrophalen Zustand" hinterließen. Das wurde in der Verhandlung mehrmals betont. Da beide Angeklagten geständig waren, gab es an der Schuldfrage nichts zu rütteln. Das Gericht verurteilte die Frauen zu jeweils einem Jahr und drei Monaten Freiheitsstrafe, ausgesetzt zur Bewährung. Zusätzlich müssen sie die entstandenen Schulden zurückzahlen und jeweils 60 Stunden gemeinnützige Arbeit leisten.


Die Geschädigten - die drei Vermieter, die als Zeugen befragt wurden - äußerten sich nach der Verhandlung eher enttäuscht über die Freiheitsstrafe, die zur Bewährung ausgesetzt wurde. Dass sie ihr Geld jemals wiedersehen, bezweifelten sie. In einem Fall jedoch wurde mit der Rückzahlung in kleinen Beträgen bereits begonnen.
Was den Frauen zur Last gelegt wird, ist schnell erzählt: Sie haben sich schöne, große Wohnungen ausgesucht und im Wissen, dass sie die Mieten von jeweils etwa 1100 Euro nie bezahlen können, Verträge unterzeichnet. Mietzins und Kaution haben die Eigentümer nie oder selten bekommen. Auf Nachfragen, wo das Geld bleibe, haben die Frauen ihre Vermieter vertröstet und teils mit gefälschten Überweisungsträgern betrogen, schilderten die Zeugen in der Verhandlung. Drei Mal wiederholten die 53-Jährige und ihre Tochter laut Anklage dieses Spiel.
Ebenfalls drei Mal hinterließen sie die angemieteten Wohnungen in einem "katastrophalen Zustand". Die Zeugen und auch die Richterin, die sich auf Fotos berief, sprachen von Tierkot, Müll und Wäschebergen, von beschädigten Türen, Fenstern und Böden. In seinem Fall seien Renovierungskosten von über 30 000 Euro angefallen, schilderte einer der Vermieter. Hunde seien tagelang in der Wohnung eingesperrt gewesen, war zu hören. Nicht nur die Zeugen, sondern auch der Staatsanwalt wählten die Formulierung: "Solche Bilder, meint man, sieht man nur im Fernsehen."
Abgesehen vom Schaden an den Wohnungen sind den Wohnungseigentümern insgesamt rund 11 000 Euro Schaden durch die Mietschulden entstanden.
"Sehr überzeugend" sei das Mutter-Tochter-Gespann jeweils aufgetreten, wenn es um Mietverträge oder ausstehendes Geld ging, schilderten die Zeugen unisono. Die Verteidigerin der Tochter, Rechtsanwältin Martina Sulzberger, die zusammen mit Rechtsanwalt Moritz Bode auftrat (beide aus Augsburg), bezeichnete das Zusammenleben von Mutter und Tochter als "ungesund" und als eine "gefährliche Kombination". Ähnlich sah das der Verteidiger der Mutter, Rechtsanwalt Werner Ruisinger (Augsburg), der von einem "Gespann, das nicht funktioniert hat", sprach. Den beiden Angeklagten wurde aber eine positive Sozialprognose gestellt. "Beeindruckt von der Verhandlung", und die Tochter zudem von einer Woche Untersuchungshaft in der JVA Aichach, sei nicht davon auszugehen, dass sie weitere Straftaten begehen. Das legte Richterin Ebel-Scheufel den beiden Frauen eindringlich ans Herz.
Die 25-Jährige versprach mehrmals, so etwas werde nicht mehr vorkommen. An ihre ehemaligen Vermieter richtete sie murmelnd jeweils entschuldigende Worte - es tue ihr leid und sie schäme sich - ohne die Adressaten jedoch anzusehen.
Auf den Zuhörerstühlen der öffentlichen Verhandlung saßen offenbar weitere Personen, die dem Mutter-Tochter-Gespann auf den Leim gegangen sind. Von weiteren betrogenen Vermietern war die Rede, von Personen, denen hoher finanzieller Schaden entstanden ist, weil sie gutgläubig herzzerreißenden Geschichten geglaubt und daher Geld verliehen haben, oder auf deren Namen teure Artikel im Internet bestellt und nie bezahlt wurden. Anzeigen habe man jedoch nicht erstattet.
Im Vorstrafenregister der Mutter finden sich einschlägige Einträge. zwei Fälle von Betrug und eine Beleidigung.
Die verhängte Strafe liegt zwischen der von Staatsanwalt Daniel Kulawig geforderten - ein Jahr und sechs Monate - und der von der Verteidigung angeregten Verurteilung zu einer Freiheitsstrafe von einem Jahr. Das Urteil fußt auf einem Rechtsgespräch, das Gericht, Staatsanwaltschaft und Verteidigung hinter verschlossenen Türen geführt haben. "So etwas sieht man nur im Fernsehen"

Von Ines Speck



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Veröffentlicht am 09.07.2020 15:43 Uhr



 
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