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Einmal um den zweitgrößten Gebirgssee

Oberbernbach - Und mag die Idee noch so aberwitzig klingen, wenn's irgendwie möglich ist, setzt er diese um. Viktor Reger ist Extremsportler, egal, ob er durch die glühend heiße Wüste läuft oder über einen zugefrorenen See irgendwo in Sibirien bei Temperaturen unter dem Gefrierpunkt. Und auch für dieses Jahr hat er sich wieder etwas Außergewöhnliches vorgenommen. Weil es wegen der weltweiten Corona-Pandemie kaum Wettkämpfe gibt, hat er sich als Ziel gesetzt, an jedem Tag 2021 zu laufen. Stand Freitag, 16. Juli, hat er an den bislang 197 Tagen des Jahres bereits rund 4000 Kilometer laufend zurückgelegt.


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Nur ganz wenige Abschnitte bei der Umrundung des Yssykköls lief Viktor Reger abseits der Hauptverkehrsstraße. Für den traumhaften Ausblick auf den Märchen-Canyon (rechtes Bild) mit seinen bunten Sandsteinfelsen nahm der Oberbernbacher ein paar Kilometer mehr in Kauf. Fotos: privat


Von seinem Wohnort Oberbernbach aus zieht es in meistens in den Bernbacher Wald. Inzwischen kennt er dort jeden Wiesen- und Waldweg, jeden Stein und Baum. "Ich konnte das aber nicht mehr sehen, ich musste woanders hin, weil mir sonst das Laufen keinen Spaß mehr gemacht hätte", erzählt Reger, warum er jetzt unbedingt eine Abwechslung benötigte. Und die hat er gefunden. In seinem Geburtsland Kirgistan. In Tokmok, der fünftgrößten Stadt des Landes im Norden, direkt an der Grenze zu Kasachstan und unweit der Hauptstadt Bischkek gelegen, wurde Reger geboren. Nach dem Zerfall der Sowjetunion und noch vor der Unabhängigkeit Kirgistans im Jahre 1991 kam er als Zehnjähriger nach Deutschland.
Und als er so überlegt, wohin es in auf diesem Planeten zum Laufen verschlagen würde, flammte bei Reger eine 15 Jahre alte Idee wieder auf. Bei seinem letzten Besuch in der Heimat lief er ein paar kürzere Strecken am Yssykköl (auf deutsch "heißer See"), der nach dem Titicacasee in Südamerika mit einer Fläche von 6236 Quadratkilometern der zweitgrößte Gebirgssee der Welt ist. "Damals habe ich mir gedacht, ob es möglich wäre, den See zu umrunden", sagt Reger, "habe aber dann die Idee wieder schnell verworfen."
Nun hat er den Gedanken von damals wieder abgerufen - einmal um den Yssykköl zu laufen. Und nachdem Kirgistan kein Corona-Risikogebiet ist, er bei der Rückkehr nach Deutschland nicht in Quarantäne müsste sowie für die Einreise in das zentralasiatische Land nur einen PCR-Test benötigte, machte sich Reger an die Planung. Und die Ausarbeitung, vor allem aber die Unterstützung eines Einheimischen, eines fließend russisch sprechenden Tartaren, mit dem sich Reger unterhalten konnte, sollte sich als besonders wertvoll erweisen. "Auf eigene Faust hätte es nicht geklappt", sagt der selbstständige Schreiner im Nachhinein. Denn gerade am Südufer, an dem sich so gut wie nie Touristen aufhalten, wäre es mit der Unterkunft schwierig geworden. Sein treuer Begleiter, der mit dem Auto unterwegs war, erwartete ihn immer an den vereinbarten Treffpunkten, um ihn mit Getränken und auch Essen zu versorgen. Abends chauffierte er ihn in die Unterkunft, teilweise war die nächste zwischen 20 und 30 Kilometern entfernt. Am Morgen fuhr er Reger wieder zurück zum Ausgangspunkt, wo er dann jeweils die nächste Tagesetappe wieder aufnahm. 450 Kilometer waren es insgesamt, täglich lief er in dieser einen Woche zwischen 50 und 80 Kilometer.
Eigentlich wollte Reger erst in der nächsten Woche nach Kirgistan aufbrechen, aber sein Guide habe ihm empfohlen, doch schon in der ersten Juli-Woche zu kommen. Denn obwohl über 90 Prozent des kirgisischen Territoriums sich oberhalb von 1500 Metern befindet - der Yssykköl liegt auf 1607 Metern über dem Meeresspiegel, wäre es dort jetzt wesentlich heißer gewesen als in der vergangenen Woche. Bei seiner Ankunft in Bischkek zeigte das Thermometer schon knapp 40 Grad an, die 25 bis 28 Grad am Yssykköl seien dagegen angenehm gewesen, so Reger.
Start- und Zielpunkt war Balyktschy am schmalen Westufer des Sees gelegen. Die fünf Stunden Flug von Istanbul nach Bischkek sowie die anschließend gut dreistündige Autofahrt lief er sich gleich aus den Beinen. Noch am Nachmittag um zwei Uhr machte er sich auf den ersten Teilabschnitt, der gleich einmal 50 Kilometer lang war, für die er gut sechs Stunden benötigte. Es ging im Uhrzeigersinn erst Richtung Norden. "Eigentlich hat es geheißen, dass sich so Rückenwind hätte, ich hatte dann aber Gegenwind", sagte er lachend. Und er hat sich auch, obwohl Kirgistan zu "80 Prozent aus Bergen" besteht, die Runde um den See etwas flacher vorgestellt. "Du siehst dann schon, was dich auf den nächsten fünf bis zehn Kilometern erwartet", sagt der 41-Jährige. Es waren immer wieder längere Anstiege sowie ein paar Passüberquerungen dabei, am Ende der Woche hatte Reger gut 2500 Höhenmeter zurückgelegt.
Und dennoch gab es trotz des erfolgreichen Unternehmens einen kleinen Wermutstropfen: Denn als er am vergangenen Sonntag nach seiner Rückkehr aus dem Flieger stieg und abends noch eine kleine Runde drehen wollte, um seinen Nimbus zu wahren, jeden Tag im Jahr zu laufen, musste er kapitulieren. Die linke Achillessehne machte ihm schwer zu schaffen. "Das hat mir schon ein bisschen gestunken", ärgert sich Reger. "Aber ich bin ja auch des Öfteren zwei Mal am Tag gelaufen", fügt er mit einem Augenzwinkern hinzu.
Die Strecke um den Yssykköl führte zu 90 Prozent über die Hauptverkehrsstraße, wo es keine Leitplanken oder Seitenstreifen gibt. Und um von den, wie er erzählte, "verrückten Autofahrern nicht abgeschossen" zu werden, lief er ein paar Meter neben der Teerstraße. "Das war schon besser, als die ganze Zeit dem Verkehr auszuweichen. Denn das stresst schon brutal", sagt Reger. So lief er mit seinem linken Fuß die meisten der 450 Kilometer in leichter Schräglage. "Die dauerhafte Fehlstellung war dann wohl der Grund für meine Achillessehnenbeschwerden", vermutet Reger.
Für den Fall, dass es ihm in den heimischen Wäldern bald wieder zu eintönig wird, hat Reger für heuer noch etwas in der Hinterhand. Im Herbst, so hofft er und ist inzwischen auch überzeugt, dass sich dieses Vorhaben auch realisieren lässt, will er 250 Kilometer durch die Namib-Wüste laufen. Nach 2500 Höhenmetern: "Ich hatte es mir eigentlich flacher vorgestellt"

Von Herbert Walther


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Veröffentlicht am 17.07.2021 08:53 Uhr