Affing    

Der Mann der Knochen

Affing - Als der Grafiker Marcel Klemm mit 20 Jahren zum ersten Mal Schmerzen in Schläfe und Auge verspürte, dachte er, er hätte einen Gehirntumor, so heftig, unerträglich und bohrend war das Gefühl. Mittlerweile gehören die chronischen Kopfschmerz-Attacken zu seinem Leben, "sie sind Routine", wie er selbst sagt. Und der 28-Jährige hat sogar einen Weg gefunden, damit umzugehen - er schafft Kunst. Dabei haben all seine Werke eines gemeinsam: Sie bestehen aus Knochen oder aus Nachbildungen von Rippen, Schädeln und Wirbeln.

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Das mag zunächst ungewöhnlich klingen, kommt in der Kunstgeschichte aber durchaus häufiger vor. Joseph Beuys beispielsweise wusste nicht nur mit Filz und Fett etwas anzustellen. Er benutzte auch Tierknochen, Vogelschädel und Fell für seine Kunstwerke.
In der Malerei und Literatur dienen Knochen und dergleichen als Motive, die zeigen sollen, dass der Mensch keine Gewalt hat über das Leben, dass alles nichtig ist, Schein und Prahlerei - oder wie Martin Luther sagen würde: "Es ist alles eitel."
Bei Marcel Klemm haben die Tierknochen und Abgüsse menschlicher Schädel eine andere Bedeutung. "Für mich sind sie Jagdtrophäen", erklärt der 28-Jährige. Was damit gemeint ist, wird deutlich, wenn man einige seiner "figürlichen Bilder" sieht. Aus einer Art Rückgrat aus Zement stehen Knochen heraus. Die Leinwand darunter bildet eine schuppenartige Struktur.
"Menschen, die an Clusterkopfschmerz leiden, beschreiben ihren Schmerz oft als Dämon, der irgendwo in ihrem Kopf sitzt und sie peinigt", sagt Klemm. Seine Bilder aus Lack, Zement und Knochen wirken, als hätte er das Schreckgespenst in seinem Schädel erlegt und ihm als Symbol für seinen Sieg ein Stück aus seinem Rücken herausgeschnitten.
Marcel Klemm bietet seine Kunstwerke im Internet an - über das Netz bezieht er auch das wichtigste Material für seine Werke: die Tierknochen. Besonders angesprochen von seiner Kunst fühlen sich übrigens Mitglieder der Schwarzen Szene, erzählt der Affinger. Mit Gothic, eine Subkultur, die fasziniert ist von den Themen Tod und Vergänglichkeit, hat er aber wenig am Hut.
Marcel Klemm ist trotz seiner chronischen Schmerzen durchaus lebensbejahend. Er führt in Affing das Designerbüro Bandeet, hat einen kleinen Sohn und gestaltet gerne - egal ob mit dem Stift, am Computer oder mit den Händen.

Von Thomas Winter


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Veröffentlicht am 12.06.2019 23:00 Uhr




 

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