Aichach    

Kinderpornos aus dem Darknet: 34-Jähriger zu Bewährungsstrafe verurteilt

Aichach - Der Vorwurf lautete Besitz von kinderpornografischen Schriften. Trotzdem rang sich das Aichacher Amtsgericht am Mittwoch mit einer Freiheitsstrafe von zwei Jahren zu dem Strafmaß durch, das man gerade noch zur Bewährung aussetzen kann. Alles darüber bedeutet Haft. Dass das Schöffengericht den Strafrahmen ausgerechnet für einen Mann wohlwollend niedrig drückte, der sich des massenhaften Besitzes von Kinderpornografie schuldig gemacht hat, ist auf den ersten Blick ein Aufreger. Allerdings hat der 34 Jahre alte Angeklagte nur ein einziges Bild selbst geteilt (das er nicht selbst aufgenommen hat) und hinterließ bei Polizei, psychiatrischem Gutachter und schließlich auch vor Gericht den Eindruck, dass er sehr reumütig ist und sehr bemüht, seine Neigungen zu kontrollieren.


Der Angeklagte gestand alle Vorwürfe der Anklage ohne Einschränkung. Rund 33 000 Dateien - Fotos und Videos - waren auf seinem Notebook entdeckt worden. Besonders schlimm: 250 Dateien mit der Darstellung sexueller Handlungen zeigen Kinder die jünger als zwei Jahre sind.
Er habe mal sehen wollen, wie das Darknet funktioniere und sich dafür den entsprechenden Browser installiert, erklärte der Monteur, der zum Tatzeitpunkt im nördlichen Landkreis Aichach-Friedberg lebte. Dann sei er zunächst auf Seiten mit den Schwerpunkten Drogen und Waffen gelandet, anschließend gelangte er zu den kinderpornografischen Angeboten, wobei sein sexuelles Interesse nicht den unter 14-Jährigen gelte, erklärte er. Das ist insofern relevant, als man bis zu diesem Alter von Kinderpornografie spricht, darüber von Jugendpornografie, was sich im möglichen Strafmaß niederschlägt. Trotzdem war der Anteil kinderpornografischer Dateien mit 27 000 Stück der weitaus größte. An Zufall wollte Richter Axel Hellriegel da nicht glauben.
Aufmerksam wurde die Polizei auf den Angeklagten, weil er ein Bild selbst hochgeladen hat. Das ist üblich: Nur wer sich am Tausch von Bildern beteiligt, wird von der Szene als glaubwürdiger Nutzer eingestuft. Er habe das Bild aus dem Internet herunter- und dann wieder hochgeladen, erklärte der Mann. Das Hochladen des Bildes registrierte eine amerikanische Ermittlungsbehörde. Sie meldete dies noch in der selben Nacht an das deutsche Bundeskriminalamt, wie Richter Hellriegel mit Hinweis darauf feststellte, dass es dann weitere eineinhalb Jahre dauerte, bis es zu einer Durchsuchung beim Angeklagten kam. Inzwischen seien die zeitlichen Abläufe besser, versicherte der Staatsanwalt. Man liege derzeit bei etwa sechs Monaten.
Die große Menge an Fotos und Videos wurden vom Angeklagten als Zip-Dateien heruntergeladen. Der Sachverständige, der die Dateien ausgewertet hat und dessen Büro schon weit über 600 Fälle bearbeitet hat, sprach auf Nachfrage von einer Datenmenge, die sich gemessen an seiner Erfahrung im oberen Bereich bewege.
Umgekehrt schilderten die Akten der polizeilichen Vernehmung sowie das psychiatrische Gutachten, dass der 34-Jährige sofort alles gestanden habe, maximal kooperativ gewesen sei, fast schon froh, dass man ihn erwischt habe. Von den polizeilichen Folgen war er laut Gutachter so schockiert, dass er über seine ohnehin schon sehr unsichere Persönlichkeit hinaus depressive Neigungen entwickelt habe.
Ungewöhnlich war sowohl aus Sicht des Psychiaters, der keine "ausschließliche Pädophilie" feststellte, als auch aus der des Gerichts, dass der Mann sich an keiner Stelle aus dem hochstigmatisierten Thema herausredete. Er hat auf eigene Initiative und eigene Kosten eine Therapie begonnen, wenngleich nicht bei einem Therapeuten, sondern bei einer Heilpraktikerin - was wesentlich dem Umstand geschuldet ist, dass es allgemein kaum Therapieplätze gibt und spezielle Angebote für Pädophile erst recht rar sind.
Eindruck machte bei Gericht auch, dass der 34-Jährige seinen aktuellen Arbeitgeber über das Verfahren und den Tatvorwurf informiert hat. Das zeige, dass er bereit sei, sich dem Problem trotz aller Unannehmlichkeiten zu stellen. Der Arbeitgeber stellte dem Mann nicht nur ein erstklassiges Zeugnis aus, sondern erklärte schriftlich, dass er ihn auch im Falle einer Bewährungsstrafe behalten wolle.
Richter Axel Hellriegel registrierte ebenfalls wohlwollend, dass der Angeklagte trotz einer familiär und finanziell schwierigen Biografie keine einzige Vorstrafe habe. So kam es, dass das Schöffengericht unter der Forderung der Staatsanwaltschaft blieb, die zwei Jahre und drei Monate Haft gefordert hatte. Damit ermöglichte es eine Bewährungsstrafe. Der 34-Jährige muss in dieser Zeit weiter Therapie machen und wird von einem Bewährungshelfer begleitet. Für seine kurzen Schlussworte erhob er sich von seinem Platz und sprach das Gericht, den Staatsanwalt und die Presse direkt an: "Ich habe einen Fehler gemacht. Ich mache alles, damit ich kein Täter werde, das verspreche ich Ihnen hoch und heilig."

Auf der Seite kein-taeter-werde.de finden Menschen mit pädophilen Neigungen Hilfsangebote. "Ich mache alles, damit ich kein Täter werde, das verspreche ich Ihnen hoch und heilig"

Von Carina Lautenbacher


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Veröffentlicht am 13.10.2021 17:28 Uhr