Aichach    

"Der Meister hat sie mir in die Feder diktiert": Premiere von Sisi-Stück

Aichach - "Liebe Zukunftsseele, Dir übergebe ich diese Schriften, der Meister hat sie mir in meine Feder diktiert, und auch er hat ihren Zweck bestimmt, nämlich: Vom Jahre 1889 an in 60 Jahren, sollen sie veröffentlicht werden..." so schrieb es die Kaiserin von Österreich. Mit diesem Zitat legte Regisseur Alexander vom Stein den Grundstein seiner großartigen "Tanzmelancholie", wie er es nennt. Das Theater Weiss feierte damit am Samstagabend im Aichacher Pfarrzentrum Premiere.


Alles andere als eine Fernsehstory mit Happy End erlebt bei "Sisi - Schwarz ist der Kronprinz meiner Farben". Ein herausragendes Ensemble setzt seine Fähigkeiten gekonnt ein und gleichzeitig einen neuen Akzent in der Beschäftigung mit der Kaiserin Elisabeth.
Das Stück beginnt im Märchenwald mit dem Prolog "Dieser Ehe und allem was daraus hervor geht, soll der Segen Gottes fehlen bis ans Ende". Diesen Fluch stieß Ludowiga Wilhelmine, künftige Prinzessin von Bayern aus, nachdem sie dem Herzog von Bayern zu ehelichen verpflichtet wurde, und ihrer eigentlichen Liebe entsagen musste. Später gebar sie ihre Tochter Elisabeth.
Sisi schrieb ein Gedichte-Tagebuch, von dem zu Lebzeiten nur eine Handvoll Menschen wusste. Darin hat sie Zeitgenossen bewertet, Zeitgeschehen dokumentiert, sehr viel Melancholisches geschrieben, schlüpfte in ihm in verschiedene Rollen, bewunderte verschiedene Figuren. Zentrale Figur ihrer Bewunderung und ihr geistiges Zuhause war Heinrich Heine, der zu der Zeit schon tot war.
Nicole Mahrenholtz schrieb dazu eindrücklich über die "Beziehung" zwischen der Kaiserin und Heinrich Heine. "Die Heine-Begeisterung war ein Phänomen der Kaiserzeit. Für den Schriftsteller Jakob Wassermann ist diese Begeisterung unbegreiflich. Er selbst findet Heine sentimental, süßlich und zugleich satirisch, frivol und von roher Melancholie", so Mahrenholtz.
Alexander vom Stein lässt in seinem Stück diese beiden Figuren aufeinandertreffen. Sisi und Heinrich Heine (Ferdinand Kreitmair) treten in einen lyrischen Dialog. Kreitmair verkörpert Heine sehr intensiv, in schauspielerischer Perfektion. Aber nicht nur sein schauspielerisches Können stellt er unter Beweis, er ist auch ein Meister bei der Mitgestaltung von Kompositionen; er spielt nicht nur seine Gitarre - er lebt sie.
Gedichte von Heine und Sisi vermischen sich im Laufe des Spiels. Heinrich Heines Schlussmonolog in der Tanzmelancholie "Schwarz ist der Kronprinz meiner Farben" war das letzte und auch schönste Gedicht, das Sisi geschrieben und vollendet hat. Der Regisseur vom Stein hat sich entschieden, durch die Implementierung der Gedichte die drei Sparten, Schauspiel und Gesang sowie Tanz zu integrieren. Er lässt drei verschiedene Persönlichkeitsmerkmale von drei verschiedenen Sisi-Schauspielerinnen darstellen.
Zum einen erlebt man die tanzende Sisi (Elena Ludwig). Sie ist nach dem Tode ihres Sohnes Rudolf verstummt, sie dichtet nicht mehr und trägt nur noch schwarz. Mit ihrem modernen Tanz berührt und verkörpert sie Trauer, Schwermut, Verzweiflung. Sie leidet am meisten, bewahrt dabei aber ihre Haltung. Sie verkörpert eine zentrale Figur in dem Stück.
Bei der lyrischen Sisi (Mathilde Mahrenholtz) kann man andeutungsweise eine Portion Schalk im Nacken heraushören. Zum anderen werden die melancholische Seite und der rege Stimmungswechsel von Mahrenholtz herausragend thematisiert. Die junge Schauspielerin brillierte textsicher mit passender Stimmfärbung und einer unübertroffenen Mimik.
Die stolze Kaiserin-Figur (Anna Singer) singt, basierend auf den Gedichten, sehr ergreifend. Mit den Texten sowie dem kraftvollen Stimmvolumen und ihrer musikalischer Wendigkeit nimmt sie eine relevante Rolle in dem Stück ein. Emotional und sehr bewegend beeindruckt Singer meisterlich in ihrer Rolle. Vom ersten Akt an, beginnend mit "O schöne Sphinx", ist ihre unglaubliche Stimme bis zum Epilog zu hören. Auch sie hat sich an Kompositionen mit Alexander vom Stein und Ferdinand Kreitmair beteiligt. Die drei Sisi-Persönlichkeiten verschmelzen und gehen wieder auseinander, suchen Zuflucht beieinander, leiden gemeinsam. Sie sind hin- und hergerissen, was eindrücklich gezeigt wird.
Als eine Art Moderator und Begleiter muss man sich die von Sisi erfundene Zukunftsseele vorstellen. Alexander vom Stein füllte ausdrucksstarke, mit nuancierter Textinterpretation diese Rolle.
Den Epilog am Ende des abendfüllenden, aber sehr kurzweiligen Stückes liest vom Stein. Dieser Obduktionsbericht vom 31.1.1889 besagt, dass Kronprinz Rudolf Selbstmord begangen hat. Einer seiner vielen Abschiedsbriefe war seiner Mutter gewidmet.
Der finale Totentanz fesselt den Zuschauer und entfaltet seine ganze eigene, ganz besondere Kraft.

Von Claudia Neumüller


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Tanz voller Dynamik und Ausdruckskraft bei der Tanzmelanchlolie: Elena Ludwig.



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Veröffentlicht am 20.09.2020 16:17 Uhr



 
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