Aichach    

Unterschneitbach ist ein Ort der Demokratie in Bayern

Unterschneitbach - "Dies alles hat natürlich nichts mit dem Verständnis von moderner Demokratie zu tun, aber doch mit Vorformen des Parlamentarismus". Das schreibt Prof. Dr. Dieter J. Weiß in einem Aufsatz in der Zeitschrift für bayerische Landesgeschichte, und einen freut dieser Satz ganz besonders: Den Unterschneitbacher Historiker, Kreisarchivpfleger und Leiter der Kreisheimatbücherei Wolfgang Brandner.

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Denn Weiß, Inhaber des Lehrstuhls für Bayerische Geschichte und Vergleichende Landesgeschichte an der LMU München, schreibt über die sogenannte Schneitbacher Einung von 1302 und bestätigt in dem Aufsatz die Einordnung und Deutung, die Brandner vor 16 Jahren vorgenommen hat. Als "Meilenstein des bayerischen Parlamentarismus" verstand der Aichacher das Ereignis in einem Aufsatz, den er 2002, als sich die Einung zum 700. Mal jährte, im zweiten Band von "Schwaben in Altbayern" veröffentlichte. Der Aufsatz von Weiß beruht auf dessen Vortrag, den er bei einer Tagung der Kommission für Bayerische Landesgeschichte 2018 gehalten hat. Die stand unter dem Titel "Orte der Demokratie in Bayern". Brander und seine Forschungen dürfen sich damit sozusagen von höchster historischer Instanz bestätigt fühlen. Unterschneitbach ist eine frühe, aber wichtige Etappe auf dem Weg zu Parlamentarismus und Demokratie in Bayern.
"Das ist so etwas wie ein Ritterschlag", sagt denn auch Brandner, während er in dem Band der Zeitschrift blättert, der die Tagung dokumentiert. Das anstehende Jubiläum im Jahr 2002 war damals der Anlass für den Unterschneitbacher, sich intensiver mit dem zu beschäftigen, was 700 Jahre vorher nur wenige Meter von seinem Wohnhaus entfernt geschah.
Damals planten die Herzöge Rudolf und Ludwig IV. von Bayern eine allgemeine Viehsteuer. Sie war der Hintergrund eines Rittertags in Schneitbach mit Grafen, Rittern und Herren. Die Adeligen stimmten einer Viehsteuer zu. Im Gegenzug erhielten sie die Zusage, dass die Herzöge keine weiteren Steuern fordern wollten. Sollten die sich nicht daran halten, erhielten die Adligen das Recht, dem Landesherrn Widerstand zu leisten und ihm geschlossen gegenüber zu treten. "Dieses zugesicherte Kooperations- und Widerstandsrecht wird als Beginn der landesständischen Verfassung in Bayern gewertet", schrieb Brandner damals. Genau diese Bewertung wird von Weiß nun aufgegriffen und bestätigt: "Man kann dies als Anfangspunkt der landesständischen Verfassung in Oberbayern werten", lautet sein Urteil in dem Aufsatz "Schneitbach 1302. Die Entwicklung der Landstände in Bayern".
Am 2. Januar 2002 feierte Aichach auf Anregung Branders das Jubiläum, zwei Jahre fand die Einweihung des Denkmals statt, das seitdem in Sichtweite des Burgstalls vor der Pfarrkirche St. Emmeran an das historische Geschehen erinnert.
Für den Landeshistoriker Weiß hat Aichach damit beispielhaft gehandelt: "Mit dieser lebendig gewordenen Erinnerung ist Unterschneitbach tatsächlich zu einem bayerischen Erinnerungsort auf dem Weg zum Parlamentarismus geworden", schließt Weiß seinen Aufsatz ab. Im persönlichen Gespräch mit Brandner habe er ähnlich geurteilt. Es gebe wenige Orte, wo historische Erinnerungskultur so praktiziert wird und so nachvollziehbar sei.

Von Dr. Berndt Herrmann
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Veröffentlicht am 13.06.2019 17:39 Uhr




 

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