Aichach    

Parallelen zur Gegenwart

Aichach – Das Publikum rätselte in der Pause: „Volpone wird zum Schluss fliehen“, vermutete ein gediegener Aichacher. „Colomba wird Leone heiraten“, spekulierte eine Dame. Worauf sich ihr Gatte empörte: „Das geht nicht, sie ist doch schon verheiratet.“ Wenn Premieren-Gespräche so ablaufen, dann wissen Regisseur und Ensemble: Sie haben alles richtig gemacht und die Besucher in ihren Bann gezogen. Der frenetische Schlussapplaus bestätigte es: Dem Volkstheater-Team um Florian Kreis ist mit „Volpone“ von Ben Jonson/Stefan Zweig ein großer Wurf gelungen.

Das Renaissance-Stück in seiner deutschen Bearbeitung aus dem Jahr 1926 ist eine bitterböse Abrechnung mit der Geldgier der ehrbaren bürgerlichen Gesellschaft und ihrer schier unendlichen Fähigkeit, sich mit jeder Schurkerei zu arrangieren – sofern der eigene Profit stimmt. Angesiedelt in einem historischen Venedig ist der Text wunderbar aktuell.

Wer will, kann in Aufstieg und Fall des großen Manipulators Volpone Parallelen zur Gegenwart finden. Zum Beispiel zur Causa Wulff oder auch zum Fall Hoeneß. Speziell bei Sätzen wie: „Das wäre doch ein sonderbar Gericht, wo ein reicher Mann nicht schließlich recht bekäme.“

Die Inszenierung tut ein übriges: Außer auf der Hauptbühne agieren die Schauspieler auf seitlichen Nebenbühnen; sie bewegen sich zudem frei zwischen den Sitzreihen, setzen sich neben die Zuschauer und agieren auf deren Augenhöhe. Die Botschaft des Augsburger Spielleiters Florian Kreis ist klar: Diese Protagonisten sind wie wir – wir, das Publikum, sind kein bisschen besser als die Helden auf der Bühne. Zumal es selbst im beschaulichen Aichach schon geldgierige Intriganten gegeben haben soll, und auch im Wittelsbacher Land scheinen Erbstreitigkeiten nicht ganz unbekannt.

Robert Predasch in der Titelrolle präsentiert den vorgeblichen Kranken mit mitreißender Verve und viel Augenzwinkern. Der eigentliche Held des Stückes ist Mosca (Alexander von Stein): Er wandelt sich vom naiven Hedonisten zum hinterhältigen Strippenzieher, um schlussendlich zum opportunistischen, beinahe sympathischen Verschwender zu mutieren. Von Stein gibt den Mosca wunderbar ölig – er ist der Mann, den man liebt zu verabscheuen.

Publikumslieblinge sind ohne Zweifel Jörg Richartz, der den alten Wucherer Corbaccio (die Krähe) darstellt, und Stefan Tauber in der Rolle des Kaufmanns Corvino (der Rabe). Ähnlich leidenschaftlich agiert Udo Artmann als tumb-wahrheitsliebender Capitano Leone, Corbaccios Sohn. Seine lautstarke und gestenreiche Empörung über die Gemeinheiten der anderen Akteure könnte mitleiderregend wirken, wäre nicht Leones einziges Motiv der Zorn über die Enterbung durch seinen Vater. Plakativ sind auch beide Frauenrollen: Nicole Mahrenholtz verkörpert die schöne Kurtisane Canina (das Hündchen). Sie stellt ganz klar den Blickfang für den männlichen Teil der Zuschauerschaft dar: langbeinig, verführerisch, verrucht. Colomba (Teresa Neumaier) ist die geplagte Ehefrau des eifersüchtigen Corvino, Neumaier gibt sie als das Gegenstück zu Canina: eine scheinbare Madonna, die sich aber dennoch verkuppeln lässt; wenn auch mit einem unschuldigen Augenaufschlag, der Oscar verdächtig ist. Abgerundet wird das Ensemble durch drei liebenswerte Nebenrollen (Elisabeth Drescher, Anna Kuschke und Theresa Schilberth), die ihre Auftritte zuweilen mit einer kleinen Slapstick-Note würzten. Das kluge Bühnenbild, die opulenten Kostüme und die farbenfrohe Maske – einer Commedia dell’ arte mehr als würdig – verwandelten den nüchternen TSV-Saal zusammen mit Technik und Licht in eine große Theater-Erlebniswelt.Weitere Aufführungen am Freitag, 22., und Samstag, 23. November, sowie am 29. und 30. November. Beginn ist jeweils 19.30 Uhr. Den kompletten Bericht lesen Sie in der Aichacher Zeitung vom 18. November.

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Veröffentlicht am 17.11.2013 16:26 Uhr