Augsburg    

Drastische Maßnahmen am Ende der "Versagenskette"

Augsburg - Die Grippeendemie lässt die Krankenhäuser in der Region an ihre Belastungsgrenzen stoßen. Nun muss auch der Maximalversorger, das Klinikum, der erdrückenden Patientenzahl nachgeben - derzeit werden nur noch Notfälle aufgenommen. Ein Gespräch mit der Ärztlichen Leitung des Rettungsdienstes zeigt, wie dramatisch die Lage für alle Beteiligten derzeit ist.


"Ihr kommt hier nicht rein", ist ein Spruch, den Betrunkene vor einer Disko vom Türsteher zu hören bekommen. Wenn der Satz allerdings Rettungssanitätern entgegengeschmettert wird, die einen Patienten in einer Notaufnahme abliefern wollen, ist er ein Beleg dafür, dass etwas gehörig außer Kontrolle ist.
Die Krankenhäuser in der Region leiden unter der anhaltenden Grippeepidemie, zahlreiche Notaufnahmen meldeten der Leitstelle vergangene Woche einen Aufnahmestop. Nun hat die Entwicklung einen weiteren Tiefpunkt erreicht. Auch das Klinikum Augsburg, der Maximalversorger der Region, musste sich am Dienstag dem Patientendruck beugen - und drastische Maßnahmen ergreifen.
So werden seit Dienstag nur mehr Notfallpatienten versorgt. Alle Eingriffe, die als aufschiebbar eingestuft wurden, hat das Klinikum verschoben. Auch entließ man sämtliche Patienten, bei denen es medizinisch vertretbar sei. Die Einzelzimmerbelegung für Privatpatienten wurde aufgehoben, um zusätzlichen Platz für Betten zu schaffen. Weil auch Mitarbeiter erkrankt sind, schieben die anderen Überstunden, verzichten darauf, ihren Urlaub anzutreten. "Die Versorgungskapazitäten am Klinikum sind vollständig erschöpft", heißt es aus dem Krankenhaus-Vorstand.
Das schmerzt besonders, denn die Notaufnahme am Klinikum ist die letzte Anlaufstelle, in einer "medizinischen Versagenskette", wie es Renate Demharter ausdrückt. Sie ist Teil der Ärztlichen Leitung des Rettungsdienstes und mittendrin im derzeitigen Dilemma.
Die Kette des Versagens hängt am Personalmangel und mangelnder Absprache ihrer Glieder. Es beginnt schon am Telefon. Wer nachts ein Problem hat und eine Notfallpraxis der Kassenärztlichen Vereinigung aufsuchen möchte, ruft in dessen Callcenter an, das regelmäßig überlastet sei. Als nächstes versucht es der Patient also unter der 112. In der Leitstelle hat ein Mitarbeiter nach Vorgaben drei Minuten Zeit, den Anrufer zu betreuen und zu entscheiden, ob der Patient umgehend Hilfe benötigt.
"Sicherheitshalber schickt der dann einen Rettungswagen", schildert Demharter. Da die Sanitäter zwar um die immense Auslastung der Notaufnahmen wissen, aber keine ärztliche Diagnose stellen dürfen, müssen sie im Zweifel einen Notarzt konsultieren, ob der Patient in die Klinik muss oder am nächsten Tag ein Besuch beim Hausarzt ausreicht. "Das nächste Dilemma, denn auch Notärzte sind rar gesät", sagt Demharter.
Also transportiert der Sanka den Patienten in die nächstgelegene Notaufnahme. Dorthin, wo laut Demharter eben jener ominöse Satz fiel, "Ihr kommt hier nicht rein", und eine Pflegekraft mit ausgebreiteten Armen den Weg versperrte. Eine Szene, stellvertretend für viele dieser Tage der Grippewelle. Szenen, "in denen es regelmäßig Reibereien gibt", wie Demharter berichtet.

Von David Libossek


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Veröffentlicht am 15.03.2018 10:04 Uhr




 

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