Der Jahresrückblick 2023 der Aichacher Zeitung
Veröffentlicht am 02.11.2023 06:30

Wechseljahre einer „alten Lady”

Das Biomasse-Heizkraftwerk in Aichach. (Foto: Mathilde Mahrenholz)
Das Biomasse-Heizkraftwerk in Aichach. (Foto: Mathilde Mahrenholz)
Das Biomasse-Heizkraftwerk in Aichach. (Foto: Mathilde Mahrenholz)
Das Biomasse-Heizkraftwerk in Aichach. (Foto: Mathilde Mahrenholz)
Das Biomasse-Heizkraftwerk in Aichach. (Foto: Mathilde Mahrenholz)

Am Ende unterstrichen BWA-Geschäftsführer Richard Brandner und Bürgermeister Klaus Habermann, der als Aufsichtsratsvorsitzender der Biomasse Wärmeverbund GmbH fungiert, dass ihnen um die Zukunft des Biomasseheizkraftwerkes in Aichach-Nord nicht bange, die Versorgungssicherheit keineswegs gefährdet sei. Zuvor allerdings hatte Brandner im Stadtrat deutlich gemacht, wie bewegt die Zeiten auf einem zunehmend labilen Energiemarkt geworden sind. Die „alte Lady”, wie der Geschäftsführer die inzwischen 28 Jahre alte Anlage nannte, müsse mit Bedacht durch unruhige Gewässer manövriert werden. Man fahre letztlich auf Sicht, räumte Brandner ein. Bis 2045 muss das Kraftwerk zur CO2-Neutralität überführt werden, wie das geschehen soll, ist völlig offen.

Eine der Herausforderungen: der „Transformationsplan”. Er soll darstellen, welcher zusätzliche Energieträger dem Heizkraftwerk helfen soll, seine mehr als 1000 Kunden kontinuierlich zu bedienen. Allein zum Ausfüllen des Förderantrages brauche man ein Ingenieurbüro, sagte Brandner. Zu komplex und unübersichtlich ist die Lage.

Klar ist: Hackschnitzel allein können es nicht richten. Abgesehen davon, dass der Holzeinsatz im Zusammenhang mit dem Ziel der Klimaneutralität politisch heftig diskutiert wird, befindet sich auch der Hackschnitzelmarkt in wirtschaftlichen Turbulenzen. Rund 34 000 Kubikmeter Hackschnitzel werden jährlich in Aichach-Nord benötigt, der Deckungsgrad durch Biomasse beläuft sich auf rund 94 Prozent. Bisher wurde das Material für ein ganzes Jahr ausgeschrieben. Das macht aber keinen Sinn mehr, zu schwankend sind die Preise. In der Tendenz steigen sie natürlich. Das ist auch momentan so, wie Richard Brandner am Rande der Sitzung erläuterte. Dabei hatte der Käferdruck im Wald eigentlich ein Sinken erwarten lassen. Angesichts der sich im Sinkflug befindlichen Baukonjunktur wurde der Holzeinschlag aber deutlich runtergefahren – mit entsprechenden Folgen für den Preis.

Ähnlich verwirrend und schier unplanbar stellt sich der Strompreis dar. 2007 wurde das einstige Biomasse-Heizwerk zum Biomasseheizkraftwerk umgerüstet, seitdem wird neben der Wärme auch Strom erzeugt. Eine ausgesprochen sinnvolle Maßnahme, die inzwischen aber ebenfalls diverse Unwägbarkeiten nach sich zieht. Eine Einspeisevergütung von 18,5 Cent pro Kilowattstunde wurde der Biomasse Wärmeverbund GmbH seinerzeit gewährt, vertraglich festgezurrt auf 20 Jahre. Klingt gut, doch inzwischen sind die Kosten der Stromerzeugung nun mal deutlich angestiegen. Vor allem im Sommer, wenn kaum Wärme benötigt wird, stellt sich da zunehmend die Frage der Wirtschaftlichkeit. Verrückt: Der selbst erzeugte Strom kann da schon mal teurer sein, als der momentane Marktpreis. Und dennoch: Allein im zurückliegenden Jahr hat das Unternehmen, an dem die Stadt Aichach mit 63 Prozent Mehrheitsgesellschafter ist, 65 000 Euro mehr für den Strom bezahlt, den das Kraftwerk selbst benötigt, als in den Jahren zuvor.

Die Debatte um das Gebäudeenergiegesetz hat die Telefone bei der Biomasse Wärmeverbund GmbH heiß laufen lassen. Normalerweise gibt es pro Jahr zwischen 20 und 25 Anfragen von potenziellen Neukunden, die gerne an das Nahwärmenetz anschließen würden. Heuer schlugen 100 Bewerber in nur zwei Monaten auf. Helfen konnte ihnen Richard Brandner in der Mehrheit nicht. Angesichts der vielen Unsicherheiten wurde Abstand genommen von einer Netzerweiterung.

Allein die Preise für zusätzliche Leitungen sind explodiert. An die 600 Euro kostete der laufende Meter Nahwärmeleitung bisher, nun seien 2000 (!) Euro aufgerufen worden, so Brandner. Direkt betroffen davon ist der Erweiterungsbau am Tandlmarkt-Verwaltungsgebäude. Er soll an die Biomasse angeschlossen werden. Doch der Preis ist zu heiß. Die entsprechende Ausschreibung für die notwendigen Leitungen wurde schon zwei mal aufgehoben!

Fernwärme trotz allem der richtige Weg

„Wir wissen heute nicht, wo wir in fünf Jahren stehen werden”, räumte der BWA-Geschäftsführer unumwunden ein. Die „alte Lady” sei aber gut in Schuss, man werde sich den Aufgaben stellen und sie auch bewältigen. Denn, und auch davon ist Brandner überzeugt: Fernwärme ist der richtige Weg in die Energiezukunft. Bis 2026 muss der Wärmeleitplan für Aichach stehen. Dabei wird auch das Heizkraftwerk in Aichach-Nord sicherlich eine große Rolle spielen.

Ohne Diskussion nahm der Stadtrat den BWA-Jahresabschluss entgegen. Mit einem Überschuss von gut 400 000 Euro konnte das Eigenkapital weiter aufgerüstet werden. Diese positiven Zeiten könnten freilich vorbei sein. Brandner stellte die Stadträte schon mal darauf ein, „dass wir in Zukunft an unsere Reserven ran müssen”.


Von Robert Edler

Redakteur

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