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"In großer Sorge um unsere Gesellschaft": 80 Persönlichkeiten aus dem Landkreis Dachau warnen vor dem Rechtsruck

Dachau - 80 Persönlichkeiten aus Kultur, Kirche, Wirtschaft und Medizin im Landkreis haben in privater Initiative einen offenen Brief mit dem Titel "In großer Sorge um unsere demokratische und solidarische Gesellschaft" geschrieben, in dem sie sich gegen den Rechtsruck wenden und eine scharfe Abgrenzung gegen rechte Parteien fordern. Wie die Initiatoren betonen, haben Politiker den Brief nicht unterzeichnet, um ihn aus dem Wahlkampf herauszuhalten. Die AICHACHER ZEITUNG veröffentlicht den Brief hier in voller Länge:


"Die Geschichte hat uns gezeigt, wie fragil und verletzlich Demokratien sind. Schleichend, aber systematisch suchen sich autoritäre Gedanken ihre Wege durch die Institutionen. Durch Vereinfachen, durch das Brechen von Tabus und durch das Anstacheln von Emotionen schaffen sie bei vielen Menschen ein Gefühl von Echtheit und Authentizität.
Die Gegner der offenen Gesellschaft scheinen mutig und spontan zu sein, sind aber in Wirklichkeit nur skrupellos, zynisch und berechnend. Aktuell bedrängende, aber lösbare Probleme wie die Flüchtlingskrise werden von ihnen nur als Vorwand benutzt, einen anderen, einen autoritären Staat zu schaffen.
Natürlich muss auch ein liberaler und demokratischer Staat Stärke zeigen, dies hat uns nicht zuletzt der Untergang der Weimarer Republik gelehrt. Der Staat muss in allen Belangen die Gestaltungshoheit der inneren und äußeren Sicherheit behalten und diese manchmal auch mit unpopulären Maßnahmen durchsetzen. Niemals aber darf er dabei seine eigenen Grundprinzipien verletzen. Willkür und Einschränkung der bürgerlichen Rechte zerstören unsere humanitäre Gesellschaft und führen geradewegs in den Totalitarismus.
Einige unserer Nachbarländer haben leider diesen unheilvollen Weg bereits beschritten. Nur unsere wirtschaftliche Stabilität hat uns bisher davor bewahrt. Sie ist aber kein dauerhaftes Schutzschild. Personifizierter Hass gegen einzelne Gruppen unserer Gesellschaft und verfälschte Informationen schaffen Legenden, die sich selbst verstärken und wie Wanderdünen jede realistische und differenzierte Betrachtung unter Bergen von Unwahrheiten und Gerüchten verschwinden lassen.
Das macht es den Demagogen leicht und den Nachdenklichen so schwer. Wie deutlich muss es uns die Geschichte noch lehren? Nationalistischer Hass führt zur Spaltung im Inneren und zum Krieg im Äußeren.
Den Teufel treibt man nicht mit dem Beelzebub aus. Wer sich auf die Inhalte und Symbolpolitik einer AfD und ähnlicher Gruppierungen einlässt, wird irgendwann nicht mehr von ihr zu unterscheiden sein.
Gerade unsere konservativen Parteien tragen hier eine große Verantwortung, alle Graubereiche zu vermeiden und sich klar abzugrenzen. Jeder Ruck nach Rechts schafft keine Wählerstimmen, sondern vergrößert den Raum der Radikalen. Ein bisschen radikal in der Politik geht ebenso wenig wie ein bisschen echt bei einem Rembrandt. Sind Anstand und schützende Tabus erst einmal über Bord gegangen, holt sie keiner mehr zurück. Die Verrohung der politischen Sprache und die Relativierung des nationalsozialistischen Unrechtsstaates sind sensible und entlarvende Seismographen für diese Erosion des Humanen.
Verdruss über bestehende Politik und ihre Entscheidungen mag berechtigt sein, aus Protest aber den eigenen Untergang zu wählen, ist vollkommen irrational. Nur von etwas weg zu wollen ist keine Lösung.
Jeder möge sich überlegen, ob man in einem Staat leben möchte, in dem populistische Politiker Demokratie und Rechtssicherheit, Meinungs- und Pressefreiheit als liberalen Luxus bezeichnen - allesamt Errungenschaften der Aufklärung, die sich unsere Vorfahren mit dem eigenen Leben erkämpft haben. Errungenschaften, die den wirtschaftlichen Erfolg und die Lebensqualität in unserem Land erst möglich gemacht haben.
Schweigen wir nicht in unseren Freundeskreisen und Stammtischen, beziehen wir Position in unseren Gremien. Geben wir der schweigenden Mehrheit eine Stimme.
Geschichte wiederholt sich zwar nicht, aber sie reimt sich, dieses Wort wird Mark Twain zugeschrieben. Er hatte wohl Recht damit."

Prof. Dr. Sybille Steinbacher, Dr. Jürgen Zarusky, Prof. Dr. Annette Eberle, Dr. Birgitta Unger-Richter, Dr. Norbert Göttler, Dr. Annegret Braun, Prof. Dr. Wilhelm Liebhart, Anna Andlauer, Thomas Schlichenmayer und Hedi Esters, Dr. Irmgard Jehle, Michaela Maria Müller, Helmut Größ, Hildegard Windholz, Edi Hörl, Wolfgang Möckl, Johannes Karl, Sebastian Feldhofer und Bettina Redlich, Rosmarie Schmid-Münster, Norbert Kiening, Margot Krottenthaler, Kathrin Krückl, Felix Plahl, Herbert Müller und Hoftheater Bergkirchen, Renate Zauscher, Heinz Neumaier, Klaus Eberlein, Heinz Eder, Walther Hoch und Petra Hoch-Dosch, Gaby und Helmut Metzger, Martin Off, Thomas Müller (Sumitomo), Dr. Christian und Inge Hofer, Franz Baur, Wolf-Rüdiger und Ingeborg Lange, Katharina Osterauer und Matthias Schilcher, Sophia von Trebra-Lindenau, Carola Hain Fischer und Martin Fischer, Reinhard Jahn, Dr. Gotthard und Johanna Dobmeier, Pfr. Josef Mayer, Heidi Schaitl, Irmi Haas, Dr. Wolfgang Sturm, Pfr. Wolfgang Borm, Prof. Dr. Herbert Kaltner , Pfr. Michael Bartmann, Diakon Raimund Richter, Prof. Dr. Ludwig Mödl, Ludwig Schmiedinger, Anneliese und Alfred Bayer, Christian Weisner, Diakon Klaus Schulz, Andreas Kreutzkam, Annerose Stanglmaier, Anton Jais, Jochen Sommer, Gabriele Oswald-Kammerer, Anton Wagatha, Peter Heller, Ernst Spiegel, Waltraud Wolfsmüller, Angelika Eisenmann, Roswitha und Dr. Hans von Engel, Dr. Jürgen Schreiner, Dr. Jürgen und Ingeborg Müller-Hohagen, Dr. Dr. Carola Wagner-Manslau, Dr. Ina Pöhlmann.

Wer sich mit dem vorliegenden Brief solidarisieren möchte, kann dies unter folgender Email-Adresse tun: insorge2018@gmail.com


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Veröffentlicht am 29.09.2018 12:00 Uhr