Sielenbach    

"Einserschüler sind keine besseren Ärzte"

Sielenbach - "Mein Wunsch war es immer, Medizin zu studieren" sagt Peter Michalovics. Seit seiner Kindheit träumte der heute 28-jährige Sielenbacher davon. Ursprünglich wollte er Hausarzt werden. Während seines Studiums in Wien entdeckte er die Herzchirurgie für sich. Seine Karriere wäre für ihn in Deutschland jedoch unmöglich gewesen: Der Numerus clausus (NC) verhinderte das Medizinstudium in seiner Heimat.


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"Es war nicht einfach dorthin zu kommen": Peter Michalovics vor dem Massachusetts General Hospital während seines Praktikums in den USA 2019. Das Lehrkrankenhaus gehört zur renommierten Havard University. Der Sielenbacher setzte sich in Boston gegen tausende Bewerber durch. Fotos: privat/Mathilde Mahrenholtz


Dass sein Abiturschnitt nicht passte, davon ließ sich der Student nicht unterkriegen. Er wagte sich an den Aufnahmetest der Universität in Wien. Dort erwies sich, dass er mehr als geeignet für das gewünschte Studium war. Nun appelliert Michalovics an die Gesellschaft, das Zulassungssystem infrage zu stellen.
Studenten und Lehrende protestieren seit der Einführung des NC gegen diese Form der Zulassungsbeschränkung. Drei Klagen vor dem Verfassungsgericht hielt der NC bereits stand. Der Vorwurf richtet sich nicht gegen eine Begrenzung der Studienplätze an sich. Nur so, wie sie in Deutschland durchgeführt wird, sei sie erneuerungsbedürftig. Gründe dafür führt Michalovics an.
So seien zum Beispiel Unterschiede zwischen Schulen und Bundesländern problematisch. An manchen Schulen sind die Bewertungskriterien strenger, der Unterricht anspruchsvoller. "Dann wird man mit Schülern verglichen, deren Lernziele nicht vergleichbar sind", sagt Michalovics. Am Ende zählt nur der Schnitt. Aber in diesen fließen auch Fächer ein, die keinerlei Bedeutung für ein Medizinstudium haben. Während andere, wichtige Kompetenzen außer Acht gelassen werden.
Das sei falsch, behauptet Peter Michalovics: "Aus Einserschülern werden nicht unbedingt die besseren Ärzte." Deren Mentalität zeige sich auch im Verhalten der Mediziner untereinander: Im Vergleich zu den USA und Österreich sei man hierzulande deutlich unkollegialer. Erfolge würden einem nicht gegönnt, es herrsche ein Konkurrenzkampf. Natürlich betreffe das nicht alle, aber der Unterschied sei signifikant.
Besonders kritisch sieht es der Medizinstudent, dass Lehrer in Deutschland eine große Macht bei der Wahl des späteren Studiengangs haben. Sympathien oder Ressentiments beeinflussen die Noten; Manche Schüler würden bewusst bevorzugt. Aber: "Unter den Benachteiligten findet sich das ein oder andere Ausnahmetalent."
Auch ihm sei es nicht gelungen, bessere Leistungen zu erzielen, egal, wie sehr er sich angestrengt habe. "Wenn man sich nicht verbessert, fängt man an, den Glauben an sich selbst zu verlieren", weiß der 28-Jährige aus eigener Erfahrung. 2011 verließ er das Gymnasium mit einem Schnitt von 2,7. Zu schlecht für einen Studienplatz in Deutschland. Dass Michalovics diesen mehr als verdient, zeigte sich später: 2013 setzte er sich in Wien im MedAT gegen tausende Bewerber durch und landete auf Platz 47. 2018 gewann er als erster Co-Autor den "Y.Nosé Fellowship Award" in Washington. Ein Preis, den normalerweise Doktoranden und langjährige Forscher erhalten.
2019 ging der Sielenbacher für zwei Monate in die USA, an die zwei größten Lehrkrankenhäuser der Harvard Medical School. Nur zehn ausländische Bewerber pro Jahr bekommen dazu die Gelegenheit. Mittlerweile steht er in Wien vor seinen letzten zwei Prüfungen. Für ein Forschungsjahr in den Vereinigten Staaten steht bereits die Zusage. Danach möchte er dort weiter praktizieren. Seine Pläne sind nun deutlich ehrgeiziger: Herzchirurg in den USA statt Hausarzt in Deutschland.
Mit seiner Geschichte möchte der angehende Mediziner aufrütteln. Erstens dazu, das Zulassungssystem in Deutschland zu verändern. Und zweitens appelliert er an talentierte, junge Menschen mit "schlechtem" Abitur: "Wer Medizin studieren will, muss es in die eigene Hand nehmen. Wenn man es tief in sich spürt, Arzt werden zu wollen, sollte man alles dafür mobilisieren." Wichtig seien der Glaube an sich selbst, und dass man diesen nicht wegen der Lehrer verliere: "Ich habe meine größten Erfolge immer dann erzielt, wenn ich eigene Wege gegangen bin." Nicht von den Lehrern unterkriegen lassen

Von Mathilde Mahrenholtz



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Veröffentlicht am 24.05.2020 15:19 Uhr



 
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