Schiltberg    

Das Waisen-Kitz von Ruppertszell

Ruppertszell - "Himbeeren, lecker!" Rehdame Finja verschwindet fast im saftigen Blätterbüschel, den ihr "Papa" Johann Wagner mitbringt. Aber auch das Gras in ihrem Gehege in Ruppertszell und verschiedene Blätter, die reinwachsen, sagen der Feinschmeckerin zu. Dass sich zu ihren "Eltern" auch noch eine Fremde gesellt hat, deren Fotoapparat komisch klackert, scheint das Reh nicht zu stören. Von wegen scheu: Finja ist neugierig, was im Garten ihrer "Mama" Claudia Wagner passiert.




Gut ein Jahr ist es her, dass die 40-Jährige unverhofft zu ihrem Reh kam. Ein Anruf vom Jagdinhaber stellte alles auf den Kopf. Der wusste, dass Johann Wagner immer mal wieder geholfen hat, Wiesen nach Kitzen abzusuchen, dass Wagner selbst ein Dammwildgehege und einfach etwas für Tiere übrig hat. "Er hat sich bei uns gemeldet und erzählt, dass die Mama eines Kitzes beim Wiesen-Mähen erwischt wurde", sagt Claudia Wagner. Das verletzte Reh musste er erschießen. Und dann war da das Kitz. Vermutlich nicht viel älter als einen Tag. Ohne Mutter hatte es keine Chance. "Eigentlich hätte er das Kleine auch erschießen müssen, aber er hat es nicht übers Herz gebracht und es uns gegeben", erinnert sich Wagner.
Sie überlegte nicht lange und nahm das Waisen-Kitz auf. Der alte Hasenstall in Claudia Wagners Garten wurde zum Reh-Domizil. Mit Lamm-Milch-Pulver aus der Flasche fütterten sie das Kitz. Fast alle zwei Stunden, vier Wochen lang.
Ein Vollzeitjob, den sich die Nagelstudioinhaberin mit ihrem Vater Johann, der in Rente ist, teilte. Zwischendurch ging es dem Kitz nicht gut, es fing sich aber wieder. Dann machte es Zicken: "Vom Vater wollte sie die Flasche nicht, wir haben dann sogar mal ein Hemd von ihm in den Stall gehängt, damit sie sich an den Geruch gewöhnt... Not macht eben erfinderisch."
/> Die Tierliebe hat sich offenbar vom Vater auf die Tochter übertragen. Auch als der heute 74-Jährige noch als Kraftfahrer unterwegs war, hatten die Wagners schon Tiere daheim. "Zu Hoch-Zeiten hatte ich drei Katzen, einen Hund, Hamster, zwei Hasen und drei Chinchillas", erzählt die gelernte Arzthelferin. Zu den meisten kam sie eher durch Zufall: Mal fand der Vater verunglückte Feldhasen, mal fragten sie Bekannte, ob sie nicht ein Tier übernehmen könne. "Ich kann so schwer Nein sagen", erklärt Claudia Wagner. Sie weiß auch, dass man nicht alle retten kann, "aber zumindest a bissl helfen", meint sie. So wie Oskar, dem einäugigen Kater, der auch beim Rehgehege vorbeischaut.
Dort scheint sich Bambi sichtlich wohl zu fühlen. Der umgebaute Hasenstall ist ihr Rückzugsort. Wenn Kundschaft in Claudia Wagners "Ladys Lounge" kommt, sieht sie nach dem Rechten und futtert sich durch den Garten.
Von Verena Heißerer


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Veröffentlicht am 18.09.2019 09:13 Uhr




 

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