Ringen    

Eine Saison im Miniformat

Aichach - "Es hat sich für uns nichts geändert", ist Stefan Günter, dem Pressesprecher des Bayerischen Ringerverbandes (BRV), die Enttäuschung deutlich anzuhören, "uns fehlt die Perspektive." Der Freude vor etwa drei Wochen, dass unter Beachtung der Hygiene- und Schutzmaßnahmen das Ringertraining mit Körperkontakt wieder zugelassen ist, wich am vergangenen Dienstag dem Frust. Bei der letzten Kabinettsitzung der Bayerischen Staatsregierung vor der Sommerpause gab es zum Thema Sport nur die Aussage, dass ab dem 1. August die derzeit geltende Begrenzung der Trainingsgruppen in Kampfsportarten auf höchstens fünf Personen auf diejenigen Kampfsportarten beschränkt ist, bei denen durchgängig oder über einen längeren Zeitraum ein unmittelbarer Körperkontakt erforderlich ist. Und dazu zählt nun einmal das Ringen. Doch ab wann in Bayern wieder Wettkampfsport möglich ist, vermissten an diesem Tag nicht nur die Ringer. Dabei gab es vor kurzem noch positive Signale der Sportminister der Länder für eine mögliche Wiederaufnahme des bundesweiten Wettkampfbetriebs ab September.


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Das Coronavirus hat die Vollkontaktsportarten wie das Ringen im Griff. Vergeblich wartete der Bayerische Ringerverband in dieser Woche auf ein Signal, wie es mit der Traditionssportart im Herbst weitergeht. Fotos: Peter Thurner


"Man darf nicht nur auf ,König Fußball' schauen", betont Günter, "denn der ist auch nichts anderes als ein Kontaktsport." Wie berichtet, bekamen die bayerischen Fußballer am Mittwochabend die Freigabe, wieder Freundschaftsspiele austragen zu dürfen. Die Ringer hingegen fühlen sich im Stich gelassen. Für die Verantwortlichen des BRV ist die derzeitige Situation einfach nicht mehr tragbar. "Das benachteiligt uns als Sportart nicht nur ganz explizit, sondern verschärft auch weiterhin die drohende Problematik des Nachwuchsverlusts für das Ringen enorm", kritisiert der für den Sport zuständige BRV-Vizepräsident Florian Geiger.
Geiger hat sich in den zurückliegenden Wochen für die Durchführung einer Wettkampfsaison in Bayern stark gemacht, weil eine Absage den Ringersport enorm ins Abseits manövrieren würde. Der Traditionssportart drohte vor sieben Jahren schon einmal der Sturz in die Bedeutungslosigkeit, als das Internationale Olympische Komitee das Ringen ab 2020 aus dem Olympia-Programm streichen wollte. Dazu ist es dann bekanntlich nicht gekommen. Aber in Hessen und Nordrhein-Westfalen wird im Herbst 2020 nicht gerungen, auch die höchste Liga in Baden-Württemberg, die Regionalliga, findet heuer nicht statt. "Die Hauptsache ist doch, dass die Jungs wieder ringen können", betont Günter. Deshalb planen die bayerischen Ringer auch, wenn auch in abgespeckter Version, Mannschaftskämpfe im Herbst durchzuführen, sofern die Politik grünes Licht gibt.
An diesem Freitag endete für die Vereine, die am Ligenbetrieb teilnehmen wollen, die Frist, den Fragebogen an den BRV zurückzuschicken. "Viele theoretische Antworten auf viele theoretische Fragen", sagt TSV-Trainer Moritz Oberhauser. Denn aktuell müssen Verband und Vereine zweigleisig planen, ob denn im Herbst tatsächlich Mannschaftskämpfe, und wenn ja in welcher Form (mit oder ohne Zuschauer), überhaupt zugelassen werden. Allerdings hätten sich die Verbandsfunktionäre schon eine höhere Zustimmung gewünscht, so wird es wohl nur eine Saison im Miniformat geben. "Von den 75 Vereinen im Wettkampfbetrieb wollen nur 25 mitmachen", sagt Günter - einer davon ist der TSV Aichach. "Vielleicht bekommen wir vier Ligen zusammen", hofft der Neugablonzer.
"Wir haben uns dafür entschieden teilzunehmen", betont Aichachs Ringer-Abteilungsleiter Matthäus Gschwendtner. Ansonsten würden die Aichacher Mattenfüchse für ein Jahr nahezu komplett von der Bildfläche verschwinden. "Für eine Sportart wie unsere, die jetzt nicht so im Rampenlicht steht, ist es wichtig, wahrgenommen zu werden", fügt Oberhauser an.
Der TV Traunstein, der im vergangenen Jahr vor den Aichachern Meister der Landesliga Süd wurde, aber auf den Aufstieg verzichtete, wird dagegen keine Mannschaftskämpfe bestreiten. "Die Entscheidung ist uns nicht leicht gefallen. Dennoch sind wir überzeugt, dass es die richtige Entscheidung ist. Die Gesundheit unserer Sportler, Helfer und natürlich auch unserer Zuschauer geht vor", erklärt Abteilungsleiter Hartmut Hille auf der vereinseigenen Homepage. Sanktionen durch den Verband braucht übrigens kein Verein zu fürchten. Für die Saison 2021 wird jeder Klub in der Liga eingruppiert, für die er auch 2020 vorgesehen war. Ähnlich wie im Tennis gibt es heuer somit auch im Ringen eine Übergangssaison. "Es wird keine Auf- und Absteiger geben", erklärt Günter, "nur Corona-Meister, wobei auf diesen Titel wohl keiner scharf ist."
An den traditionellen Saisonstart am ersten Samstag im September ist in diesem Jahr natürlich nicht zu denken. "Die Vorbereitungszeit wäre auch viel zu kurz, wodurch auch eine höhere Verletzungsgefahr entstehen würde", erklärt Oberhauser. Am Freitag vor einer Woche standen die TSV-Ringer erstmals, mit fünf Personen pro Trainingsgruppe, auf der Matte. Nachdem die Sporthalle am Gymnasium wegen des Austauschs des Hallenbodens bis mindestens September geschlossen ist, finden die Übungseinheiten in den gesamten Sommerferien über in der alten TSV-Halle statt - selbstredend unter Einhaltung der Sicherheits- und Hygieneregeln (u.a. Pause zwischen den Trainingseinheiten von einer halben Stunde, damit ein vollständiger Frischluftaustausch stattfinden kann; desinfizieren der Matte).
Geplant ist der Saisonstart in Bayern in der zweiten Oktober-Hälfte. Auch im benachbarten Baden-Württemberg wird dann ebenfalls wieder um Punkte gerungen. Etwas neidisch blicken die Bayern ins "Ländle", nachdem die dortige Landesregierung bereits zum 1. Juli reguläres Mattentraining sowie den Sportbetrieb im Herbst gestattet hatte. Auch der württembergerische Ringerverband (WRV) stellte es seinen Vereinen frei, für die Saison zu melden oder nicht. Doch anders als in Bayern hat sich eine große Anzahl für die Teilnahme an der Mannschaftsrunde entschieden, somit kann im Verbandsgebiet des WRV in allen Leistungsklassen eine Mannschaftsrunde stattfinden. "Bei den Kämpfen dürfen dann auch 500 Leute in die Halle, so lange der Abstand unter den Zuschauern gewährleistet ist", weiß der frühere Aichacher Ringertrainer Oguz Özdemir, der seit vier Jahren den KSV Unterelchingen trainiert. Doch für die in der württembergischen Verbandsliga beheimateten "Elchfighter", wie die KSV-Ringer genannt werden, gelten andere Corona-Regeln. Denn die Gemeinde Elchingen, zu der Unterelchingen gehört, liegt in Bayern... Neidischer Blick ins "Ländle"

Von Herbert Walther

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Ringer-Abteilungsleiter Matthäus Gschwendtner (rechts) und TSV-Trainer Moritz Oberhauser haben sich dazu entschieden, für die Mannschaftskämpfe eine Staffel zu melden.



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Veröffentlicht am 31.07.2020 16:30 Uhr



 
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