Ringen    

Sport-Klassiker (2): Der Motor im Aichacher Ringersport

Aichach - In den 1980er- und 1990er-Jahren und noch zu Beginn des neuen Jahrtausends hatte das Ringen in Aichach einen besonders hohen Stellenwert. Die Heimkämpfe waren stets gut besucht, doch der 18. Dezember 1993 toppte alles, was bis dahin und auch danach war (eine Ausnahme bildete das Derby 2012 gegen Mering mit 400 Besuchern im Kampf um den Bayernliga-Klassenerhalt). Am letzten Kampftag der Bayernliga gab es das direkte Aufeinandertreffen zwischen dem TSV Aichach und dem SC Isaria Unterföhring. Die Ausgangslage war klar: Der Sieger (den Hinkampf hatte Aichach mit einem halben Punkt Unterschied gewonnen) ist Meister und Aufsteiger in die dritthöchste deutsche Ringerklasse, die bayerische Oberliga.


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Franz Achter.


"Da war der Teufel los", erinnert sich der damalige TSV-Trainer Franz Achter noch heute gut daran. Weit über 700 Zuschauer, davon 150 aus Unterföhring, drängten sich auf den Rängen und um die Matte, um das "Endspiel" um den Titel zu sehen. Am Ende stand die Halle Kopf - Aichach siegte mit 20,5:14,5 und kehrte nach dreijähriger Abstinenz in die bayerische Oberliga zurück. Es herrschte überhaupt eine aufgeladene Atmosphäre in der Halle - und das nicht nur wegen des Titelgewinns für den TSV. In der Unterföhringer Ecke lagen die Nerven blank, weil die Gäste mit einigen Kampfrichterentscheidungen nicht einverstanden gewesen waren.
Sofort kommt Peter Thurner, dem langjährigen Pressewart der TSV-Ringer, der Kampf in der 52-kg-Klasse in den Sinn, der für ihn im Nachgang "der Schlüsselkampf" gewesen ist. Der Aichacher Türke Besir Ünsal musste ordentlich abkochen, um in dieser Gewichtskategorie überhaupt auf die Matte gehen zu dürfen. Und dann lag er, gebeutelt von Wadenkrämpfen, gegen den mehrfachen bayerischen Meister Thomas Schwürzinger schier aussichtslos 4:18 zurück. Dem Unterföhringer hätte noch ein einziger Punkt zum Überlegenheitssieg gereicht, doch dem durch das Abkochen geschwächten Ünsal reichte eine Aktion, um Schwürzinger aufs Kreuz zu legen. Die Stimmung in der Halle erreichte erstmals den Siedepunkt, während die Oberbayern heftig mit dem iranischen Kampfrichter Schakerie haderten, der nach ihrer Auffassung zu schnell, wie bei Schulterniederlagen üblich, auf der Matte abgeklopft hatte. Die fest eingeplanten vier Punkte fehlten der Staffel aus dem nördlichen Münchner Speckgürtel in der Endabrechnung und somit zu Meisterschaft und Aufstieg. "Das war ein guter Abend", sagt Achter und schmunzelt. Und auch an eine "lange Feier" hinterher im Burghof in Unterwittelsbach kann er sich noch prima erinnern.
Die Euphorie um die Aichacher Ringer war an diesem Abend riesig. Eigentlich begann sie schon ein paar Monate zuvor, als Achter, heute 58, der zuvor zehn Jahre für den SV Siegfried Hallbergmoos in der 1. und 2. Bundesliga gerungen hatte, als sozusagen "kämpfender Trainer" zu seinem Heimatverein zurückgekehrt war. Die Verpflichtung des Modellathleten weckte beim TSV schon eine enorme Erwartungshaltung. "Er ist unser Motor, und zwar ein guter. Und mit einem guten Motor fährst du lange", umschrieb der damalige Abteilungsleiter Robert Held in der Aichacher Zeitung die Hoffnungen, die in den gebürtigen Zahlinger gesetzt wurden. Und Achter, der sich auf die griechisch-römische Stilart spezialisiert hatte, erfüllte diese Hoffnungen: Auf der Matte war er, egal ob im Halbschwer- oder Schwergewicht ringend, nicht zu besiegen.
"Wir hatten aber auch eine gute Mannschaft", erinnert sich Achter. Es war eine gesunde Mischung aus gestandenen Ringern wie Norbert Wolinski, den Pfister-Brüdern Alex und Manfred, Otto Isele, Izzet Yeter oder dem Deutsch-Ungarn Desiderius Kurz, den Achter aus Hallbergmoos mit in die Paarstadt gebrachte hatte, sowie aus Nachwuchsleuten wie Peter Gutmann oder Oguz Özdemir. "Oguz war damals noch ein Bub", erinnert sich Achter an den damals 14-Jährigen, der später für den bayerischen Spitzenklub Hof rang und nach seiner Rückkehr viele Jahre TSV-Trainer war. Konditionell waren Achters Ringer damals top in Schuss, aber er verlangte auch einiges von ihnen. "Das Training mit Achter ist hart, aber es macht Spaß", sagte seinerzeit Manfred Pfister.
Achter mag Sportarten, in denen man sich körperlich einsetzen muss. Seit er 1995 mit dem Ringen aufgehört hat, widmet er sich bis heute verstärkt dem Radsport, ist im Dress des Radteams Aichach auch einige Rennen gefahren.
Sein größter Erfolg im Ringen war sicherlich die deutsche Vizemeisterschaft. Dabei begann er erst mit knapp 19 Jahren als Mattenkämpfer, wurde aber schnell zu einem Spitzenringer, so dass er schon bald nach Hallbergmoos wechselte. In dieser Zeit machte der Zimmerer seine Meister- und Technikerschule. "Heute denke ich manchmal, wie das alles gegangen ist", so Achter über den schwierigen Spagat, Beruf und Spitzensport unter einen Hut zu bringen. Selbst an den Samstagen, an den Kampftagen, hat er hart gearbeitet - und am Abend die Gegner geschultert. "Aber nicht immer", wendet er schmunzelnd ein.
Mit knapp 32 Jahren erreichte Achter den Punkt, um sportlich etwas kürzer zu treten. Inzwischen war er selbstständig, hatte sich in Ecknach einen Zimmereibetrieb aufgebaut. Heute beschäftigt er knapp 50 Angestellte. Abteilungsleiter Held ("Er hat viel bewegt"/Achter) holte ihn nach Aichach zurück, drei Jahre, bis 1995, ging Achter noch einmal für seinen Heimatverein auf die Matte. Auch wenn Achter heute meist mit dem Rennrad unterwegs ist, hat er die Ringer nie aus den Augen verloren. Er ist nach wie vor TSV-Mitglied und schaut auch ab und zu mal bei den Heimkämpfen vorbei.
Zu Beginn der 1980er-Jahre waren die Aichacher Ringer in Bayern die Fahrstuhl-Mannschaft schlechthin, pendelten zwischen 2. Bundesliga und bayerischer Oberliga. Über die meiste Zeit war der TSV fester Bestandteil der Oberliga. Nach dem Aufstieg 1993 gehörten die Aichacher dieser neun Jahre an. 2006 waren sie letztmals drittklassig. Inzwischen ist der TSV, hauptsächlich mit einheimischen Ringern, sportlich in der Landesliga Süd zu Hause. In der treffen sie in der kommenden Saison auch wieder auf den einstigen Rivalen Isaria Unterföhring. Achter begann erst mit knapp 19 mit dem Ringen und wurde schon ein paar Jahre später deutscher Vizemeister

Von Herbert Walther



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Veröffentlicht am 10.04.2020 16:04 Uhr