Motorsport    

Pilot oder TV-Experte?

Aichach - Es ist die Frage, die Stefan Bradl in den zurückliegenden Wochen und Tagen nicht das erste Mal gestellt bekam. Wird er am letzten März-Wochenende, beim Auftakt in die neue Grand-Prix-Saison in Katar, die Werks-Honda RC213V in der MotoGP-Klasse pilotieren? "Ich weiß es selber noch nicht, ob ich noch einmal zum Zug komme. Das liegt nicht in meiner Hand", sagt Bradl vor zwei Tagen gegenüber der Aichacher Zeitung.


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Der Aichacher Stefan Bradl aus Deutschland vom Team Repsol Honda in Aktion. Foto: Expa/Johann Groder/APA/dpa


Normalerweise ist der insgesamt achtmalige Weltmeister Marc Marquez mit dieser Maschine unterwegs, doch die Zeit bis zum Saisonstart könnte für den 28-jährigen Spanier knapp werden. Nach einem Sturz im ersten Rennen des Jahres 2020, dem Großen Preis von Spanien in Jerez, musste er insgesamt drei Mal am rechten Oberarm operiert werden, beim Eingriff Anfang Dezember musste gar eine Knochentransplantation vorgenommen werden. Von den Ärzten hat Marquez inzwischen grünes Licht bekommen, mit dem Motorradtraining beginnen zu können, an diesem Mittwoch saß er in Barcelona schon wieder zu einem Privattest auf einer Straßenversion seiner MotoGP-Honda. Das Comeback rückt näher, das Repsol Honda Team hat seinen Starfahrer bereits in die provisorische Teilnehmerliste für das erste Rennwochenende der Saison in Katar aufgenommen. Das ist aber nur ein formeller Vorgang und noch lange kein Hinweis.
"Ich stehe jedenfalls bereit", betont Bradl. Der in Zahling aufgewachsene Moto2-Weltmeister von 2011 hat in den zurückliegenden Wochen fleißig getestet, im Januar und Februar jeweils im andalusischen Jerez sowie zu Beginn dieses Monats für zwölf Tage in Katar. Im Wüstenstaat ist es für den 31-Jährigen prima gelaufen: "Ich war jeden Tag in den Top Ten, die Performance hat gepasst. Ich bin sehr zufrieden." Er traut sich jedenfalls zu, dort anzuknüpfen, wo er in der vergangenen Saison aufgehört hat, als er beim Finale in Portugal mit Platz sieben sein bestes Ergebnis eingefahren hatte.
Die letztjährige Saison verlief für Honda jedoch alles andere als gut. Für den Serien-Konstrukteursweltmeister der vergangenen Jahre begann der Auftakt vor einem knappen Dreivierteljahr mit Marquez' Verletzung denkbar schlecht, Bradl wurde schnell vom Ersatz- und Testfahrer mehr oder weniger zum Stammpiloten, startete bei elf der 14 Rennen. "Die Doppelbelastung war für mich schon extrem anspruchsvoll und anstrengend", blickt er noch einmal auf 2020 zurück. Denn für ihn lief das Testprogramm parallel zu seinen Einsätzen in der Königsklasse normal weiter.
Über den Winter und in der Pre-Saison hat Honda seine Hausaufgaben gemacht, nachdem das Motorrad des japanischen Herstellers, was die technische Seite betraf, Aufholbedarf hatte. "Wir haben einen super Job gemacht", betont Bradl, "ich habe ein gutes Gefühl, dass unser Motorrad konkurrenzfähig ist." Daran hatte auch der Wahl-Aichacher seinen Anteil. Bei Honda sowie im Repsol-Team hält man jedenfalls große Stücke auf den Bayer. "Wir sind glücklich, dass wir Stefan haben. Er hat im Vorjahr sehr gut gearbeitet. Wir wollen mit Stefan die neuen Dinge verstehen, die wir für diese Saison haben", sagte unlängst Crew-Chief Santi Hernandez.
Schon zu Jahresbeginn erbrachte der japanische Rennstall seinem Testpiloten einen großen Vertrauensbeweis, als der Manager des Vorjahres-Ducati-Werksfahrers Andrea Dovizioso seinen Schützling als Marquez-Ersatz bei Honda in Position bringen wollte. Honda Racing Corporation (HRC) kontaktierte jedoch den Italiener nicht, sondern stärkte vielmehr Bradl den Rücken, rechnet es ihm hoch an, wie er die Doppelbelastung bewältigte. Seinen Vertrag als HRC-Testfahrer hatte er ja ohnehin schon voriges Jahr verlängert.
Natürlich verspürte Bradl wieder Lust darauf, wieder als Stammfahrer bei einem MotoGP-Team anzuheuern. "Dann muss aber schon das Gesamtpaket passen", erklärt er. Außerdem schätzt er die Situation für ihn realistisch ein: "Die Jugend drückt nach oben. Es kommen immer wieder brutal schnelle Leute aus der Moto2 nach." Er sei jedenfalls in seiner Position als Honda-Testfahrer "sehr happy", in Kombination mit seiner Tätigkeit als TV-Experte mache ihm die Arbeit "viel Spaß".
Wenn Bradl am nächsten Dienstag den Flieger Richtung Doha besteigt, dann weiß er auf jeden Fall, in welcher Funktion er in dem Emirat am Persischen Golf gefragt sein wird. Denn wenn er nicht über den Losail International Circuit braust, dann wird er eben als Experte für ServusTV die WM-Läufe an der Rennstrecke analysieren. Bevor er jedoch in Katar seiner Arbeit nachgehen kann, geht es zunächst für 24 Stunden in Quarantäne, obwohl Bradl bei seinem letzten Aufenthalt dort seine erste Impfung erhalten hatte (Biontech). Um eine möglichst normale Rennsaison 2021 durchführen zu können, haben MotoGP-Vermarkter Dorna und der Wüstenstaat dem gesamten Fahrerlager ein Angebot gemacht, sich gegen das Coronavirus impfen zu lassen. Die zweite Spritze gibt's nach dem ersten Rennwochenende, denn eine Woche später, an Ostern, findet in Katar bereits der zweite WM-Lauf statt.
Was Bradls Saisonprognose betrifft, erwartet er eine "brutal spannende" Saison. "Die Hersteller und Fahrer sind auf einem ebenbürtigen Niveau", erklärt der MotoGP-Experte. Selbst er tut sich schwer, einen Titelfavoriten zu benennen. "Es wird wieder wie 2020 sehr viele verschiedene Sieger geben", prophezeit Bradl. Neun verschiedene Fahrer fuhren zuletzt ganz oben aufs Podest, mit dem Suzuki-Piloten Joan Mir aus Spanien gab es einen Weltmeister, den zuvor keiner auf der Rechnung hatte.
Bradl selbst macht sich übrigens keinen großen Kopf, in welcher Funktion er den Saisonauftakt bestreiten wird: "Es kommt, wie es kommt - ich stehe für beide Jobs bereit."

Von Herbert Walther

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Stefan Bradl. Foto: Hendrik Schmidt/ZB/dpa



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Veröffentlicht am 20.03.2021 09:18 Uhr