Handball    

Sport-Klassiker (3): "Da blieb kein Auge trocken"

Aichach - Den FC Augsburg verbindet der sportbegeisterte Fan seit jeher mit Fußball, erst recht, seit der FCA 2011 in die Bundesliga aufgestiegen ist. Dabei hatte der Klub aus der Fuggerstadt auch viele Jahre eine sehr erfolgreiche Handball-Abteilung, aus der sogar Deutschlands "Handballspieler des Jahrhunderts" stammt: Erhard Wunderlich. Als der 1976 nach Gummersbach wechselte und zwei Jahre später Weltmeister wurde, waren seine ehemaligen Teamkollegen hinter Günzburg die zweite Kraft im schwäbischen Handball. Viele Jahre zählte der FCA zu den besten Mannschaften in der bayerischen Oberliga (Vorläufer der heutigen Bayernliga), die seinerzeit, bis zur Einführung der 2. Bundesliga zur Saison 1981/82, die dritthöchste Spielklasse in Deutschland war. Doch der so ersehnte Sprung in die Regionalliga gelang den ambitionierten Augsburgern nie, auch, weil ihnen ihr "Angstgegner" TSV Aichach in den Derbys Anfang der 1980er-Jahre oft genug die Suppe versalzte.


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Roland Fackler. Foto: hfm


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Roland Fackler. Foto: hfm


Damals waren der FCA und Aichach noch die Platzhirsche in der Region, die heutigen Branchenführer TSV Friedberg oder TSV Haunstetten spielten vor vier Dekaden noch keine Rolle. In der zweiten Hälfte der 1970er-Jahre begann der rasante Aufstieg der TSV-Ballwerfer, einhergehend mit der neuen Heimstätte, der Ende 1976 fertig gestellten Vierfachturnhalle am Gymnasium. Davor spielten die Aichacher viele Jahre im Augsburger Exil, in der TSG-Halle an der Schillstraße.
Trainer war seit 1974 Axel Pohl (insgesamt drei Mal TSV-Trainer), der parallel zu seinem Engagement in Aichach noch Bundesliga in Milbertshofen und später in Salzburg spielte. Zur Saison 1977/78 wurde Pohl Spielertrainer der Paarstädter. Er galt als torgefährlicher Spielmacher, der es glänzend verstand, seine Nebenleute einzusetzen. Mit dem Meistertitel 1978 in der Verbandsliga Süd (heute Landesliga) und dem Aufstieg in die bayerische Oberliga wurde die erfolgreichste Ära in der Geschichte des Aichacher Handballs eingeläutet. Sieben Jahre gehörte der TSV dieser Klasse an, wurde in dieser Zeit zwei Mal Vizemeister (1979 als Aufsteiger sowie 1982). Die Höhepunkte in dieser Zeit waren zweifelsohne die Derbys gegen den FCA vor großen Zuschauerkulissen. "Das war schon eine große Rivalität. Es ging ordentlich zur Sache, da blieb kein Auge trocken", erinnert sich Aichachs Rückraumspieler Roland Fackler, der damals nicht älter als 20 Jahre war. Genauso alt war zu dieser Zeit auf der Gegenseite Dieter Schöndorfer. "Es waren harte und emotionale Geschichten", erinnert sich der frühere FCA-Rückraumspieler.
Die Abwehrreihen packten kräftig zu und teilten kompromisslos aus. "Oft auch mit unerlaubten Mitteln", betont Schöndorfer. Sowohl die Augsburger als auch die Aichacher hatten ihre "Deckungsspezialisten". Beim FCA war es der "Rote Toni", wie Manfred Anton aufgrund seiner roten Haare genannt wurde. "Wir sind da aber auch nicht zurückgestanden", sagt Fackler mit einem Augenzwinkern. Harald Jung und Heinz Herold bildeten das kompromisslose Aichacher Abwehrbollwerk. Bei dem heutigen Regelwerk hätte es hüben wie drüben Zeitstrafen oder rote Karten gehagelt, beide Mannschaften wären wohl nur beim Anpfiff in kompletter Besetzung auf dem Parkett gestanden. Auch wenn's immer ordentlich zur Sache gegangen ist, vorher und hinterher ging man respektvoll miteinander um. "Aber auf dem Spielfeld kannte man keine Freunde", erzählt Fackler.
Wie diese Rivalität zustande kam, darüber kann man eigentlich nur spekulieren. "Für die Augsburger waren wir die Bauernburschen", sagt Fackler, "vielleicht haben wir daraus unsere Motivation gezogen." Den hochnäsigen Schwaben wollte man es auf sportlichem Weg heimzahlen, was den Rot-Weißen auch fast immer gelungen ist. Von acht Duellen in dieser Zeit gewannen die Aichacher fünf, zwei endeten unentschieden. "Wir werden wohl auch die nächsten zehn Jahre nicht gegen die Aichacher gewinnen", meinte einst der damalige FCA-Abteilungsleiter Rolf Babbe, nachdem seine Mannschaft wieder einmal den Kürzeren gezogen hatte. So lange hat es dann doch nicht gedauert. Kurz vor Ende der Spielzeit 1981/82, als der FCA längst als Absteiger festgestanden hatte, beendete er mit einem 19:14-Sieg eine über sieben Jahre anhaltende Durststrecke.
Wie umkämpft diese Derbys waren, zeigen die geworfenen Tore. Einmal fielen sogar nur insgesamt 20 Treffer, von den neun Augsburgern waren fünf davon sogar noch Siebenmeter. Gut, in dieser Epoche des Handballs waren hohe Resultate überhaupt die Ausnahme. "Wenn man da mal 20 Tore geworfen hatte, war das schon fast eine Sensation", blickt Fackler zurück. Das Spiel war bei weitem nicht so schnell wie heute, Tempohandball mit erster oder zweiter Welle ein Fremdwort. Dazu durften sich die Spieler minutenlang die Bälle zuwerfen - Zeitspiel wurde kaum geahndet. Doch so langsam begann der Handball auch unterhalb der Bundesliga athletischer zu werden, war längst nicht mehr so statisch wie in den Jahren zuvor. Fackler, der als Polizeibeamter schon von Berufs wegen täglich Sport betrieb, kam die Entwicklung des Handballs durch seine Athletik sowie Wurf- und Sprungkraft entgegen.
Sein vielleicht größtes Derby spielte der damals erst 19-jährige Fackler 1979. Der FCA war Tabellenführer, über 1300 Zuschauer, davon auch sehr viele Aichacher Fans, wollten das Derby Ende November an einem Sonntagvormittag in der Augsburger Sporthalle sehen. Die Aichacher siegten 14:11. Fackler traf sechs Mal, fünf Tore warf Peter Hermannstädter, in dieser Zeit die prägende Figur des Aichacher Handballs. Dazu trieb Torhüter Manfred Schormair die Augsburger mit seiner Bierruhe und seinen Paraden schier zur Verzweiflung. "Er hat uns den Zahn gezogen", sagt Schöndorfer. Der heutige Redakteur beim Landsberger Tagblatt musste ebenfalls kurz vor Schluss diese Erfahrung machen. Schöndorfer hatte bis dahin alle Siebenmeter verwandelt, als er per Strafwurf die große Chance zum Anschlusstreffer hatte. Doch Schormair vernagelte seinen Kasten, der Ball strich eben an diesem vorbei. Hinterher musste Fackler sein einziges Autogramm in seiner Karriere, die er in der ersten Mannschaft wegen Schulterproblemen 1988 beenden musste, geben. "Als wir die Halle verließen, kam ein kleiner Junge und wollte ein Autogramm", sagt Fackler schmunzelnd. Der Rückraumwerfer, der im Mai 60 wird, ist bis heute den TSV-Handballern treu geblieben. Nur einmal, 1982, hatte er die Möglichkeit, zu einem höherklassigen Verein zu wechseln. Beim TSV Milbertshofen bestritt er einige Probetrainings. "Sie hätten mich damals wohl genommen. Doch nach den Trainings sind die Spieler ihre eigenen Wege gegangen. Das war mir zu anonym", erzählt Fackler; er blieb somit weiterhin ein Aichacher. Als es den TSV 1985 ausgerechnet im verflixten siebten Jahr erwischte, und es eine Etage tiefer ging, konnte Fackler in dieser Saison wegen eines Unterschenkelbruchs kein einziges Spiel bestreiten.
Auch wenn in späteren Jahren noch einmal jeweils drei kurze Gastspiele in der Bayernliga folgten (1997/98, 2004/05, 2006 bis 2008), an jene glorreiche Zeit konnten die Paarstädter nicht mehr anknüpfen. In der Spielzeit 1988/89 kreuzten sich noch einmal in der Verbandsliga Süd die Wege des TSV und des FCA, der beide Duelle gewann. Es waren für ewig die letzten Derbys. Mitte der 1990er-Jahre stellte der einstige große Rivale seinen Spielbetrieb ein, die Handball-Abteilung des FCA wurde schließlich aufgelöst. Ein derartiges Los ist den Aichachern erspart geblieben, dafür ist die Sparte über all die Jahre hinweg bestens aufgestellt, aber Landes- oder gar Bayernliga sind für sie auf absehbare Zeit nicht zu erreichen. Inzwischen firmieren die Rot-Weißen seit 2009 als fester Bestandteil der Bezirksoberliga, sind aktuell der dienstälteste Klub in der höchsten schwäbischen Klasse. Sowohl Aichach als auch der FCA hatten ihre "Abwehrspezialisten"

Von Herbert Walther



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Veröffentlicht am 20.04.2020 10:33 Uhr



 
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