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"Schweinfurt ist für mich der nächste große Schritt"

AZ: In früheren Interviews hast du oft darauf verwiesen, dass du ohne Konrad Höß nicht hier wärst. Er hat dir 2012 mit gerade einmal 24 Jahren den Einstieg ins Trainergeschäft ermöglicht. Wie groß ist der Anteil des früheren Präsidenten des FC Pipinsried an deinem Werdegang?


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Seit November 2019 gibt Tobias Strobl (mittleres Foto) die Kommandos beim ambitionierten Regionalligisten Schweinfurt 05, den er im Frühjahr in die 3. Liga führen möchte. Mit seiner Frau Katharina (linkes Foto) ist der 33-Jährige in der 54 000-Einwohner-Stadt am Main längst heimisch geworden, mit der Geburt ihrer Tochter Lisa sind die Strobls inzwischen zu dritt. Das bislang größte Spiel als Trainer der "Schnüdel" absolvierte Strobl Anfang November im DFB-Pokal bei Schalke 04 (rechtes Foto mit dem inzwischen Ex-Schalker Trainer Manuel Baum). Fotos: privat/Michael Horling/Imago


Tobias Strobl: Das war nie nur so dahingesagt, sondern immer auch so gemeint. Welcher ambitionierte Landesligist, wie seinerzeit der FCP, gibt dir schon die Möglichkeit, da sofort einzusteigen. Wir sind damals nicht nur aufgestiegen, weil ich vielleicht ein guter Spielertrainer war, sondern weil ich auch eine sehr gute Mannschaft hatte, die er mir hingestellt hat. Ich habe beim FCP darüber hinaus auch mehr mitbekommen. Es gab bei mir eine nicht einfache familiäre Situation, als meine Mutter 2011 erkrankte. Beide, Conny und seine Frau Kathi, haben mich aufgenommen, als wäre ich ihr Ziehsohn. Sie haben mich nicht nur sportlich, sondern auch menschlich auf den Weg gebracht. Ich fühlte dort auch eine gewisse Geborgenheit und Sicherheit.
AZ: Mit dir wurde beim FCP eine erfolgreiche Ära eingeläutet. Auf Anhieb bist du 2013 mit dem Verein Meister in der Landesliga Südwest geworden. Eine Klasse höher wurde die Erfolgsgeschichte fortgeschrieben, zwei Mal hintereinander ist der Dorfklub in der Relegation zur Regionalliga gescheitert. Waren für dich diese Erfolge quasi die Eintrittskarte in den semi-professionellen Bereich?
Strobl: Ja, definitiv! In Pipinsried habe ich mir als Trainer den ersten Namen gemacht, die Leute haben da dann schon genauer auf einen geschaut. Das war letztendlich auch nichts anderes wie später beim Fabi (Fabian Hürzeler, Co-Trainer des FC St. Pauli/Anm.d.Red.). Er bekam auch die Möglichkeit, in der Bayernliga eine Mannschaft zu übernehmen und aufzubauen, mit der die Wahrscheinlichkeit schon groß war, Erfolg zu haben. Auch er hat es durch Pipinsried in den bezahlten Fußball geschafft.
AZ: Deinen überraschenden und sehr kurzfristigen Abschied 2015 aus Pipinsried hat dir Konrad Höß lange sehr übel genommen. Inzwischen sind die Differenzen längst ausgeräumt.
Strobl: Ja, zum Glück. Ich hatte damals gespürt, dass es für die Mannschaft besser war, dass sie einen neuen Impuls bekommt, nachdem wir das zweite Mal in der Relegation gescheitert waren. Es war schade, dass es dann so auseinandergegangen ist, daher bin ich jetzt umso glücklicher, dass man sich wieder in die Augen schauen konnte, wieder telefoniert und miteinander geredet hat.
AZ: In einem anderen Interview hat du mal geäußert, dass du davon träumst, vom Fußball leben zu können. Inwieweit bist du jetzt, als Trainer von Schweinfurt 05, diesem Traum nahe gekommen?
Strobl: Ich lebe gerade diesen Traum, aber ich habe jetzt die Verantwortung nicht nur für mich, sondern auch für meine Familie (Strobl ist seit 2019 verheiratet und seit April 2020 Vater einer Tochter/Anm.d.Red. ). Da muss man schauen, wie es weitergeht. Für die 4. Liga durch ganz Deutschland zu tingeln und dein Kind immer wieder auf neue Schulen zu schicken, ist nichts Halbes und nichts Ganzes. Die nächsten Jahre, bis meine Tochter in die Schule kommt, werden entscheidend sein, in welche Richtung es geht: Ob ich diesen Traum weiterleben kann, ich mit einem entsprechenden Gehalt in einer Liga tätig bin, ob man darüber nachdenkt, die Familie immer mitzunehmen oder ob man diesen Traum eindämmen muss, zurück in die Heimat geht, damit meine Tochter einmal einen festen Freundeskreis bekommt und es ihr somit gut geht - das wird irgendwann mal wichtiger sein.
AZ: Nach der Station bei 1860 Rosenheim ging's im Sommer 2018 zurück zum FC Ingolstadt, in den Trainerstab der U 21. Für die Profis war's eine turbulente Saison, die im Abstieg aus der 2. Bundesliga gipfelte. Gleich fünf Trainer saßen auf der Bank. Hat dich vom Verein nie jemand gefragt, ob du dir diese Aufgabe zutrauen würdest?
Strobl: Nein. Für uns intern war es immer klar, dass, wenn einer aus dem NLZ die Möglichkeit verdient gehabt hätte, es Roberto Pätzold (Trainer der U 19 und dann auch für ein Spiel Cheftrainer/Anm.d.Red.) wäre. Zum einen machte er damals gerade seine Lizenz für den Fußball-Lehrer, zum anderen war er schon mehrere Jahre und somit länger als ich beim Verein und hat auch immer gute Arbeit abgeliefert. Wenn er nicht da gewesen wäre, hätte ich es mir als U 21-Trainer aber schon erhofft, dass mit mir darüber gesprochen worden wäre.
AZ: Der Abstieg des FC Ingolstadt aus der 2. Bundesliga hatte auch Folgen für die U 21, die die Regionalliga verlassen musste. Von einem Tag auf dem anderen bist du ohne Trainerjob gewesen.
Strobl: Ich habe damals mit meiner Frau darüber gesprochen, ob man den neuen Vertrag unabhängig oder abhängig von der Spielklasse macht. Der gemütlichere Weg wäre sicherlich die ligaunabhängige Variante gewesen. Ich hätte für die Bayernliga ein ordentliches Gehalt bekommen und wir hätten weiter zu Hause bleiben können. Wir haben uns aber dafür entschieden, dass es mindestens die 4. Liga sein sollte, zumal ich mir in dieser Klasse schon einen Namen gemacht hatte. Und so bin ich während unseres Griechenland-Urlaubs, als in dieser Zeit die beiden Relegationsspiele stattgefunden haben, von einem Tag auf den anderen arbeitslos geworden. Da musste ich mich erst einmal neu sortieren und schauen, was für die Zukunft überhaupt möglich ist.
AZ: Die trainerlose Zeit war dann schnell beendet, Anfang November 2019 hast du den Job beim 1. FC Schweinfurt 05 angetreten. War das für deine Trainerkarriere der nächste Quantensprung?
Strobl: Ja, definitiv. Das war schon eine Wucht, die vor allem medientechnisch auf mich eingeprasselt ist. Ich musste in den ersten Tagen viele Interviews geben und habe deutlich mehr Interviewanfragen bekommen, das habe ich so bislang noch nicht gekannt. Das war schon eine komplett neue Welt. Dann spielst du Heimspiele vor 700, 800 und mehr Zuschauern, dazu hat der Verein auch eine große Fanbasis. Wir haben einen eigenen Trainingsplatz, eine Infrastruktur, die außergewöhnlich ist. Es fühlt sich auch heute noch für mich wie der nächste große Schritt an. Ich bin gerade wunschlos glücklich.
AZ: In den 15 Monaten als Schweinfurter Trainer bist du Corona-bedingt gerade einmal bei sechs Punktspielen (vier Siege, zwei Niederlagen) auf der Trainerbank gesessen, ganze zwei davon fanden im gesamten Jahr 2020 statt, die auch noch verloren gingen. Im Dezember hat der Klub deinen Vertrag um zwei Jahre bis Sommer 2023 verlängert. Das kann man als großes Vertrauen seitens des Vereins in deine Arbeit werten.
Strobl (lacht): Mein Vater hat daraus einen Witz gemacht, dass ich der erste Trainer bin, mit dem verlängert wurde, obwohl er ein ganzes Jahr kein Punktspiel gewonnen hat. Wir haben einen Präsidenten und Hauptsponsor (Markus Wolf/Anm.d.Red. ), der Fußball gut versteht und mit dem ich mich darüber immer unterhalten kann. Wir haben uns in allen Partien, die Testspiele inbegriffen, stetig weiterentwickelt - mit Ausnahme des Spiels in Aschaffenburg (0:2-Niederlage/Anm.d.Red. ), das war wirklich in allen Belangen schlecht. Aber vielleicht haben wir genau dieses Spiel für die Weiterentwicklung gebraucht. Ich bin froh, dass die Vereinsführung in der Person von Markus Wolf das große Ganze betrachtet, wie ich etwa täglich arbeite - und natürlich, dass wir miteinander weitermachen.
AZ: Einen Tag vor der Abreise zum DFB-Pokal-Spiel bei Schalke 04 erwirkte Türkgücü München per einstweiliger Verfügung eine Absetzung des Spiels. Wie war darauf die erste Reaktion von dir und der Mannschaft?
Strobl: Zunächst haben wir an einen verspäteten April-Scherz gedacht. Doch als dann die Medien darüber berichteten, war klar, dass dieses Spiel nicht stattfinden wird. Natürlich waren wir alle enttäuscht. Am meisten hat mir aber imponiert, wie meine Spieler das weggesteckt haben. Die darauffolgende Trainingseinheit war eine der besten, seit ich hier Trainer bin, obwohl meiner Mannschaft das besondere Spiel, auf das sie sich die ganze Woche vorbereitet hatte, weggenommen wurde. Das zeigt ihre Charakterstärke. Hinterher habe ich mit einem Schmunzeln gesagt, dass die Absage mehr das Trainerteam getroffen hat als die Jungs.
AZ: Nach wochenlangem juristischem Tauziehen hat deine Mannschaft Anfang November den Schalkern dann trotz der 1:4-Niederlage einen großen Pokalfight geliefert, zwischenzeitlich habt ihr sogar geführt und auch mit einem Elfmeter die große Ausgleichschance zum 2:2 gehabt. Wie sieht du rückblickend den Auftritt auf Schalke?
Strobl: Für eine Entwicklung ist alles wichtig, Niederlagen etwa, aber auch so ein Spiel wie dieses gegen Schalke. In diesem merkte jeder Einzelne, dass der Unterschied nach oben zwar definitiv vorhanden, aber nicht so groß ist, wie er sich Woche für Woche anfühlt, wenn man sich die Bundesliga anschaut. Und wenn eine Gemeinschaft, die vermeintlich schlechter ist, alles aus sich herausholt und als Mannschaft funktioniert, dann gibt es diese Wunder im Fußball. Das war die Message, die bis heute in den Köpfen der Jungs steckt. Und ganz klar: Das Spiel und das ganze Drumherum war natürlich für uns ein Riesenerlebnis.
AZ: Sportlich erwartet euch eine äußerst spannende Frühjahrsrunde mit noch neun Punktspielen. Aktuell seid ihr mit sechs Punkten Rückstand und zwei Spielen weniger hinter Aschaffenburg, Nürnberg 2 und Bayreuth Vierter. Wer ist der größte Konkurrent im Meisterschaftsrennen?
Strobl: Als im vergangenen Sommer die ganzen Transfers getätigt wurden, hat man schon gesehen, dass es Bayreuth und wir am meisten darauf anlegen. Jetzt kann ich es aber schwer einschätzen. Die Nürnberger können befreit aufspielen, ihre Leichtigkeit und spielerische Qualität könnten in den Playoff-Spielen (Die ersten vier Teams der Regionalliga ermitteln in Playoffs den Meister und Teilnehmer an den Aufstiegsspielen/Anm.d.Red.) extrem gefährlich werden. Bei Aschaffenburg verhält es sich genauso, es hat niemand erwartet, dass es vorne mitspielt. Dagegen haben Bayreuth und wir schon mehr Druck. Daher denke ich, dass es in den Playoffs keinen Favoriten gibt.
AZ: Mit der Verpflichtung von Daniel Adlung (287 Zweitligaspiele für 1860 München, Cottbus, Aachen und Fürth) sowie der Installierung von Robert Hettich als neuem Sportlichen Leiter ist klar, wohin die Reise 2021 führen soll?
Strobl: Das unterstreicht das Ganze, was Markus Wolf hier vorhat. Die Transfers zeigen die Ambitionen, die der Verein hat, sie sind für uns gewinnbringend und werden uns auf Sicht extrem besser machen.
AZ: 2017 hat Schweinfurt auf Profitum umgestellt und nie ein Hehl daraus gemacht, dass der Verein in die 3. Liga aufsteigen will. Falls es heuer nicht klappen sollte - gegen den Meister der Regionalliga Nord müssen zwei Aufstiegsspiele bestritten werden -, greift man dann in der nächsten Saison wieder an?
Strobl: Genau. Es ist alles so aufgestellt, dass nicht alles im nächsten Sommer vorbei ist und die Blase dann platzt, falls es mit dem Aufstieg nicht klappt. Das Ziel will man unbedingt erreichen - denn in der nächsten Saison steigt der Meister aus Bayern direkt auf.
AZ: Gibt es eine zeitliche Vorgabe, wann es mit dem Aufstieg klappen soll?
Strobl: Darüber wird intern nicht gesprochen. Doch so lange es Markus Wolf probiert, probiert es auch der Verein. Er ist der Taktgeber, es lastet alles auf seinen Schultern und es liegt in seinen Händen, wie lange er den Glauben daran hat. Ansonsten wäre der Verein vielleicht nur ein mittelmäßiger Regionalligist oder gar nur Bayernligist.
AZ: In der 3. Liga benötigst du als Trainer die Fußball-Lehrer-Lizenz. Gibt es Pläne, wann du dich für diesen Lehrgang anmeldest?
Strobl: Normalerweise kommen in dieser Zeit die Bewerbungsunterlagen, doch aufgrund von Corona steht wohl noch nicht fest, ob es in diesem Jahr überhaupt einen Lehrgang gibt. Ich habe schon vor, die Fußball-Lehrer-Lizenz zu erwerben. Sie ist der Türöffner für die höheren Ligen.
AZ: Mit dem zweiten Lockdown im November begann eine heftige Diskussion darüber, ob die Regionalligen als Profispielklassen einzustufen sind und sie somit weiterspielen können. Bei nicht allen Klubs der West- und Südweststaffel rief die Saisonfortsetzung Freude hervor. Wie hast du, speziell für die Regionalliga Bayern, die Diskussion gesehen? Hättest du es begrüßt, dass auch in Bayern weitergespielt worden wäre?
Strobl: Nein, es ist bis zum heutigen Tag die richtige Entscheidung. Wie viele bayerische Regionalligisten haben wir denn, die professionell arbeiten? Das sind Nürnberg, Augsburg, Fürth, Bayreuth und wir. Deshalb kann man die Regionalliga Bayern, so wie sie sich darstellt, nicht als Profiliga einstufen.
AZ: Nach deinem Weggang aus Pipinsried kreuzten sich mit deinen bisherigen Vereinen Schwabmünchen, Rosenheim oder Ingolstadt 2 immer wieder die Wege mit dem FCP, der so gut wie sicher in der nächsten Saison wieder in der Regionalliga spielt. Doch diesmal könntest du auf ein Wiedersehen verzichten.
Strobl (lacht): Ich würde mich sehr freuen, wenn wir uns in der nächsten Saison nicht sehen würden. Denn das bedeutete, dass wir auch hochgingen, denn der FCP-Aufstieg steht ja eigentlich schon fest. Es waren für mich immer besondere Spiele, weil ich gerne nach Pipinsried zurückgekommen bin. Es sind zwar seit damals nur noch wenige Leute da, wie Präsident Roland Küspert, Stadionsprecherin Steffi oder der treue Fan Schorsch, aber auf die freut man sich dann, sie wieder zu treffen.
AZ: Für den gesamten Fußball und Amateursport war 2020 ein sehr schlechtes Jahr, privat war es hingegen für dich ein sehr gutes. Deine Frau Katharina hat im April Töchterchen Lisa zur Welt gebracht und ihr hattet im ersten Lockdown auch viel Zeit, euch in Schweinfurt einzuleben und mit der neuen Familiensituation zurechtzukommen. Deshalb wird für euch Schweinfurt wohl immer ein besonderer Ort bleiben.
Strobl: Unsere Tochter ist zwar in Ingolstadt zur Welt gekommen, aber da sie ihre ersten Wochen und Monate und wahrscheinlich auch ihre ersten Jahre hier verbringt, wird Schweinfurt für uns immer etwas Besonderes bleiben. Wir haben uns hier dann auch sehr schnell und gut eingelebt. Die Stadt ist gemütlich und ähnelt Ingolstadt, wenn sie auch kleiner ist. Hier haben wir den Main, dort war es die Donau.
Das Gespräch führte
Herbert Walther


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Veröffentlicht am 29.01.2021 15:57 Uhr