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Roman Plesche: "Das Ziel ist die zweite Liga"

AZ: Mit dem Charterflieger ging's am Mittwochnachmittag zum Nachholspiel nach Rostock, kurz vor Mitternacht landete man wieder in Manching. Sportlich hat sich der rund fünfstündige Trip an die Ostsee mit der 0:2-Niederlage nicht gelohnt.


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Haben beide eine Pipinsrieder Vergangenheit: Roman Plesche (rechts) ist seit einem Dreivierteljahr Sportlicher Leiter bei Türkgücü München, der frühere FCP-Spieler Alexander Schmidt ist seit dieser Saison neuer Trainer des Drittliga-Aufsteigers Foto: Türkgücü


Roman Plesche: Der Flug war top, das Spiel nicht. Wir sind schon so selbstkritisch, dass es von uns zu wenig war. Wenn wir aber den Elfmeter in der Anfangsphase bekommen, der ein klarer war, und in Führung gehen, dann läuft das Spiel anders. In der 3. Liga entscheiden oft nur Kleinigkeiten, das sind fast immer enge Partien. So war der nicht gegebene Strafstoß dann schon brutal ärgerlich.
AZ: Im zwölften Punktspiel war das 0:2 in Rostock erst die zweite Saisonniederlage. Für einen Aufsteiger keine schlechte Bilanz. Wie zufrieden ist man bei Türkgücü nach einem Drittel der Saison?
Plesche: Nicht restlos, lieber hätten wir das eine oder andere Unentschieden (sechs/Anm. d. Red. ) weniger gehabt und dafür gewonnen. Wenn wir die gesamten Spiele Revue passieren lassen, sieht man, dass wir immer ebenbürtig oder in den meisten Spielen sogar deutlich besser waren. Hinzu kommen auch die ärgerlichen Spielabsagen wegen Corona (bei Türkgücü sind es schon drei in dieser Saison/Anm.d.Red. ), die alles durcheinanderbringen. Aufgrund der vielen Partien jetzt in kurzer Zeit ist es nicht ideal, wenn man so wie wir einen leidenschaftlichen und laufintensiven Spielstil pflegt. Die 3. Liga ist eine sehr arbeitsintensive Klasse, in der Physis und Leidenschaft sehr wichtig sind und das Spielerische überwiegen. Wenn du dort bis zum Umfallen kämpfst, kannst du auch gegen den Tabellenersten gewinnen.
AZ: In Zeiten von Corona ging Türkgücü im Gegensatz zu vielen anderen Klubs im vergangenen Sommer regelrecht auf Shoppingtour, verpflichtete 22 Spieler. Im Winter soll nun laut Medienberichten ein Offensivspieler kommen. Der Verein scheint unerschöpfliche Reserven zu haben.
Plesche: Es waren genau genommen 18 Spieler plus vier Jugendspieler. Wir mussten natürlich den Kader an die 3. Liga anpassen, so hat es Türkgücü bislang jedes Jahr gemacht. Es haben aber auch Spieler wie Ünal Tosun ( war vor seinem Wechsel zu Türkgücü zwei Spielzeiten beim FC Pipinsried/Anm.d.Red. ), Benedikt Kirsch oder Alexander Sorge, die schon in der Regionalliga dabei waren, gespielt. Es bekommt jeder seine Chance. Es ist schon sehr leistungsgerecht, wie es bei uns abläuft - und wer am Spieltag zu hundert Prozent abliefert, der ist bei der nächsten Partie wieder dabei. An einer weiteren Verpflichtung für die Offensive ist jetzt nichts dran.
AZ: Wohin will der Verein?
Plesche: Das Ziel ist die zweite Liga. Wer Profifußball spielen will, der muss auf Dauer mindestens dorthin. Das geht aber nicht von heute auf morgen, da müssen wir uns aufgrund unserer Struktur schon noch weiterentwickeln. Aber aufsteigen wollen die anderen auch, bestimmt die Hälfte aller Mannschaften will allein schon aus wirtschaftlichen Gründen in die 2. Liga.
AZ: Als Sportlicher Leiter und Kaderplaner bist du für die Zusammenstellung des Kaders mitverantwortlich gewesen. Mit der Verpflichtung des Stürmers Petar Sliskovic, der mit Kapitän Sercan Sararer ein kongeniales Duo bildet, hatte man ein glückliches Händchen. Mit zehn Toren in zwölf Spielen führt der Kroate die Torschützenliste der 3. Liga an.
Plesche: Sliskovic hat in der vergangenen Saison in Duisburg kaum gespielt, und wir waren auf der Suche nach einem groß gewachsenen Stürmer. Ich habe ihn in den letzten zwei, drei Jahren beobachtet, und er hat auch schon höherklassig gespielt (15 Erstligaspiele für Mainz/Anm.d.Red. ). Die Gespräche mit ihm waren von Anfang an sehr gut und wir waren überzeugt, dass er der Mann ist, der uns dort vorne weiterbringt.
AZ: Vor ein paar Monaten machte der Verein bundesweit Schlagzeilen, als er per einstweiliger Verfügung das DFB-Pokal-Spiel zwischen Schalke und Schweinfurt verhinderte. Inzwischen wurde die Partie gespielt. Wie sieht man bei Türkgücü mit ein paar Wochen Abstand inzwischen dieses Thema?
Plesche: Die Entscheidung des Schiedsgerichts war schon ein bisschen komisch. Es war schon enttäuschend. Denn in all den Jahren davor hat sich der Aufsteiger für den DFB-Pokal qualifiziert. Ich habe mich aber in dieser Zeit nur auf das Sportliche in der 3. Liga konzentriert.
AZ: Trainer Alexander Schmidt, ein gebürtiger Augsburger, ist auch in unserer Region durch seine Engagements als Spieler in Pipinsried, Hilgertshausen oder Dasing bestens bekannt. Wie bewertest du nach einem knappen Drittel der Saison bislang seine Arbeit?
Plesche: Wir sind zufrieden. Er hat einen sehr modernen Spielstil mit schnellem Umschaltspiel eingeführt. Das hat die Mannschaft als Kollektiv sehr gut umgesetzt. Wir haben als Aufsteiger ein klares Spielsystem. Letztendlich zählen aber, das muss man ganz klar sagen, die Ergebnisse - und da liegen wir im Soll.
AZ: Vor zweieinhalb Jahren spielte Türkgücü in der Landesliga noch auf einer Bezirkssportanlage, nun bestreitet es seine Heimspiele im Grünwalder Stadion und Olympiastadion. Wie stolz hat es den Verein gemacht, dass er als erster Klub nach langer Zeit wieder ein Punktspiel im Olympiastadion ausgetragen hat?
Plesche: Das war eine ganz besondere Geschichte. Diese Idee war ein geschickter Schachzug. Wir sind der erste Migrantenverein, der im deutschen Profifußball und dann auch noch im Olympiastadion spielt, das eine große Tradition hat. Wenn jetzt noch Zuschauer dabei wären, wäre ich schon gespannt, wie das Ganze angenommen wird.
AZ: Das Rückspiel gegen 1860 findet Mitte April im Olympiastadion statt. Mit wie viel Besuchern rechnet man, sofern wieder Zuschauer zugelassen sind?
Plesche: Das ist schwierig zu sagen. 30 000 - das wäre top, wobei es aber auch weniger werden könnten. Wir können ja aktuell nicht einschätzen, wie viele Zuschauer in der 3. Liga tatsächlich zu unseren Heimspielen kommen würden. Daher lassen wir es einfach auf uns zukommen. Vielleicht wäre es, wenn beide Klubs zu diesem Zeitpunkt noch vorne mitspielten, ein Ziel, den Zuschauerrekord in der 3. Liga zu knacken (50 095 in der Saison 2008/09 bei Düsseldorf gegen Bremen 2/Anm.d.Red. ).
AZ: In der Bayernliga hatte Türkgücü einen Schnitt von etwas mehr als 200 Zuschauern, in der Regionalliga waren es dann etwas mehr als doppelt so viele. Aufgrund der Geisterspiele kann man schlecht einschätzen, wie für Türkgücü der Zuspruch in der 3. Liga sein wird. Wie viele Anhänger wird der Verein bei Heimspielen, wenn wieder Zuschauer erlaubt sind, mobilisieren?
Plesche: Wir haben mit 6000 Zuschauern im Schnitt kalkuliert. Man weiß jetzt aber nicht, wie sich die Corona-Zeit auf den Stadionbesuch auswirken wird, wie die Menschen den Fußball dann wieder annehmen werden.
AZ: Als Türkgücü Mitte der 1980er-Jahre erstmals in der Landesliga Süd und später in der Bayernliga auftauchte, elektrisierte es förmlich die Massen. Auch zu den Auswärtsspielen wurde das Team oft von einer großen Fanschar begleitet. Welche Akzeptanz hat der Verein heute bei den türkischen Mitbürgern in München und dem Umland?
Plesche: Wir haben mittlerweile auch Fanklubs und es gibt auch Fantreffen. Da hat sich schon etwas getan. Die türkischen Fußballfans wollen den Profifußball und sich auch mit der ,türkischen Kraft' ( deutsche Übersetzung für Türkgücü/Anm.d.Red. ) identifizieren. Man hat schon gemerkt, dass das Spiel etwa gegen 1860 für sie etwas Besonderes ist. Für uns wäre es auch gut, wenn wir deutschlandweit wieder vor Zuschauern spielen könnten: Dann hätten wir auch auswärts fast immer eine Heimspielatmosphäre. Das wäre dann schon einmalig.
AZ: Die Identifizierung mit dem Türkgücü von heute ist also vorhanden, obwohl die Mannschaft nicht wie vor über 30 Jahren fast ausschließlich aus türkischen Fußballern besteht.
Plesche: Das glaube ich schon. Das sieht man ja auch bei den türkischen Erstligisten wie etwa Galatasaray, die inzwischen internationale Mannschaften sind. Dort identifizieren sich die Fans ja auch mit ihren Teams. Sicherlich hätte der eine oder andere türkische Spieler bei uns bei den Fans schon ein anderes Standing. Das war aber, seit Hasan Kivran Präsident ist, nicht das vorrangige Ziel, nur türkische Spieler zu holen.
AZ: Du bist jetzt seit einem Dreivierteljahr bei Türkgücü. Wie schaut deine persönliche Zielsetzung aus und wie wohl fühlst du dich dort?
Plesche: Ich fühle mich sehr wohl. Das war die beste Entscheidung, die ich treffen konnte. Der Austausch und die Zusammenarbeit mit dem Präsidenten ist sehr gut. Ich persönlich muss mich hier weiter etablieren.
AZ: Dein Vorgänger Robert Hettich musste frühzeitig gehen, obwohl der Verein die Regionalliga souverän anführte. Hat man das auch im Hinterkopf?
Plesche: Das Fußballgeschäft ist sehr schnelllebig. Bei Erfolg läuft alles gut, aber wenn der nicht vorhanden ist, wird alles infrage gestellt.
AZ: Präsident und Investor Hasan Kivran ist der starke Mann im Klub. In dieser Hinsicht ist der Unterschied zum FC Pipinsried nicht sehr groß. Denn zu Beginn deiner Tätigkeit hattest du es beim FCP mit Konrad Höß ebenfalls mit einem ehrgeizigen Präsidenten zu tun.
Plesche: Ja, das stimmt. Ich komme und kam aber mit beiden sehr gut klar. Man darf nicht vergessen, dass mir Konrad Höß damals die Chance gegeben hat. Deshalb stehe ich nach wie vor mit ihm in Kontakt.
AZ: Wann wird der FCP endlich den Meistertitel in der Bayernliga Süd einfahren?
Plesche: Hoffentlich bald. So bald es weitergeht, am ersten oder zweiten Spieltag, wird es dann der Fall sein. Dann eben nur ein Jahr später.
Das Gespräch führte
Herbert Walther


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Veröffentlicht am 04.12.2020 15:52 Uhr