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Thomas Gebauer: "Ohne Aindling wäre ich wahrscheinlich nie Profi geworden"

AZ: Wie beurteilst du aus der Ferne den sportlichen Niedergang deines Ex-Klubs TSV Aindling?


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Mit knapp 39 Jahren freut sich Thomas Gebauer noch immer über jeden Einsatz, den er bekommt, wie Anfang des Jahres im Testspiel gegen Austria Wien (linkes Foto). Seit seinem Wechsel 2018 zum LASK ist der frühere Tormann des TSV Aindling die Nummer zwei hinter Alexander Schlager (rechtes Foto). Foto: Imago Images


Thomas Gebauer: Seit der Finanzgeschichte war es zu befürchten, dass es bergab geht. Das ist schade. Mit dem zweimaligen Einzug in den DFB-Pokal ist dort etwas entstanden, der Verein hatte einen guten Ruf und man wurde als unangenehmer Gegner wahrgenommen. Für so einen kleinen Ort und die Region war die Bayernliga genial, die Heimspiele waren Volksfeste.
AZ: Hast du noch Kontakt zu ehemaligen Aindlinger Mitspielern oder zum Verein selbst?
Gebauer: Es gibt nach wie vor ein paar Kontakte, wenn auch nicht regelmäßig, wie etwa zu Martin Schreier. Bei ihm habe ich meine Versicherungen, da gibt es immer wieder mal Gesprächsbedarf; oder auch zu Günter Bayer, zu Klaus Köbler oder Thomas Maier. Mit Markus Mattes tausche ich mich hin und wieder über seinen Trainerjob in Eichstätt aus. Ganz abgerissen sind die Verbindungen also nicht.
AZ: Du hast bis heute über 300 Bundesligaspiele in Österreich bestritten. Inwieweit war für dich der TSV Aindling und die seinerzeit noch viertklassige Bayernliga Sprungbrett für deine spätere Profilaufbahn?
Gebauer: Ohne Aindling wäre ich wahrscheinlich nie Profi geworden. Gerade in den Spielen gegen die Amateurmannschaften, wie zum Beispiel gegen Sechzig, konnte ich mich zeigen und wurde so auch entdeckt. Ansonsten würde ich vielleicht noch immer in Meitingen (Gebauer begann in der Jugend des TSV mit dem Fußball und seine Eltern leben in der Marktgemeinde/Anm.d.Red.) oder irgendwo in der Region spielen.
AZ: In deiner ersten Saison im Herrenbereich bist du zunächst die Nummer zwei hinter Stefan Dreher gewesen, ehe du nach dessen Bandscheibenvorfall ab dem dritten Spieltag bis zu deinem Weggang 2004 die unumstrittene Nummer eins im TSV-Tor wurdest. War das, knapp 20 Jahre später gesehen, so etwas wie eine glückliche Fügung?
Gebauer: Es war sicher ein glücklicher Zufall, weil sich die Bandscheibenproblematik von Stefan Dreher damals so lange hingezogen hat und er monatelang ausgefallen ist. Der Stefan war ein gestandener Torhüter, hat auch immer gute Leistungen gebracht und hatte schon einen Namen. Ich dagegen bin gerade erst aus der Jugend gekommen, da war es nicht abzusehen, dass ich ansonsten die Chance bekommen hätte. Aber ich konnte die Chance dann zum Glück nutzen, meine Leistung hat gepasst und es war schön, dass mir das Vertrauen geschenkt wurde.
AZ: Welches sportliche Ereignis ist dir aus deiner Zeit beim TSV Aindling noch heute in Erinnerung geblieben?
Gebauer: Da gab es viele, aber das DFB-Pokal-Spiel gegen Schalke steht über allen. Das war eine unglaubliche Erfahrung. Auch die Pokalfights wie das 3:3 nach 1:3-Rückstand gegen die "Zweite" von Sechzig oder den FC Augsburg waren Erlebnisse. Da waren wir die Underdogs und sind über den Zusammenhalt über uns hinausgewachsen, konnten so diesen Mannschaften auch Probleme bereiten.
AZ: Über die anschließenden Stationen 1860 München und SpVgg Bayreuth für jeweils eine Saison kamst du 2006 zur Sportvereinigung (SV) Ried. Für die Innviertler hast du in zwölf Jahren in 378 Pflichtspielen das Tor gehütet, bist Kapitän der Mannschaft gewesen, wurdest ÖFB-Pokalsieger und Vizemeister, bist 2017 aber auch abgestiegen. Vor drei Jahren folgte der Wechsel nach Linz zum LASK. Wie kam es dazu und wie schwer ist er dir gefallen?
Gebauer: Die SV Ried war eine Herzensangelegenheit, ich steckte dort meine ganze Energie rein, habe 24 Stunden sieben Tage die Woche nur für den Verein gelebt, was zum Schluss auf Kosten der Gesundheit und des Privatlebens ging. In Ried ist es immer steil bergauf gegangen, bis es einen Wechsel in der Vereinsführung gegeben hat. Mit dem Weg, den der Klub dann gegangen ist, konnte ich mich nicht mehr tausendprozentig identifizieren. Am Anfang habe ich noch dagegengesteuert, wollte die Rieder Werte hochhalten, was mir aber dann nicht mehr gelungen ist, weil auch die Unterstützung gefehlt hat. Mit dem Austausch des Sportdirektors Stefan Reiter, der mein Förderer gewesen ist und mich nach Ried geholt hatte, hatte ich auch das Gefühl, dass sie mich nicht mehr wollten. Das war für mich der Zeitpunkt für eine Veränderung. Der Schritt ist mir schwer gefallen, war aber alternativlos. Oliver Glasner, der damals Trainer in Linz und davor in Ried lange mein Mitspieler und Zimmerpartner sowie auch Trainer war, suchte eine erfahrene Nummer zwei, auf die er sich hundertprozentig verlassen konnte. Dadurch war der Kontakt da. Und die bisherigen Jahre in Linz haben für mich einen extremen Mehrwert, ich konnte, was die Vereinsstruktur betrifft, noch einiges lernen, was ich auch für meine Zukunft gebrauchen kann. Daher bereue ich den Schritt auf keinen Fall.
AZ: Apropos Oliver Glasner: Was ist er für ein Trainer und hast du es ihm zugetraut, dass er in der deutschen Bundesliga so erfolgreich arbeitet wie jetzt in Wolfsburg?
Gebauer: Ja, absolut. Er ist ein extrem bodenständiger, reflektierter Mensch, der genau weiß, wie sein Weg ausschauen soll. Dafür arbeitet er unglaublich hart, hat ein großes Wissen und ist, was Fußball angeht, sehr intelligent und hat auch zweifelsohne die Kompetenz dafür. Als er noch Spieler war, hat er die Mannschaft geführt, war auf dem Platz der Chef. Es war nur eine Frage der Zeit, bis er diesen Weg gehen würde. Ich freue mich, dass er sich in Deutschland durchsetzen konnte und sich jetzt durch die Erfolge diesen Stellenwert erarbeitet hat.
AZ: In der Zeit in Aindling hattest du vor allem in den Pokalspielen den Ruf des Elfmetertöters. Bist du das später in Österreich auch gewesen?
Gebauer: In der Bundesliga selber hatte ich diesen Ruf dann tatsächlich nicht mehr so, aber ich kann mich nicht erinnern, dass ich im Cup ein Elfmeterschießen verloren habe. Ich habe in meiner Karriere nur eines verloren, mit Aindling im schwäbischen Pokalfinale gegen den FCA.
AZ: Ried im Innkreis ist mit etwa 12 000 Einwohnern ein gutes Stück kleiner als zum Beispiel Aichach. Wie ist es zu erklären, dass die SVR viele Jahre, und das auch recht erfolgreich, in der 1. Liga gespielt hat und auch auf europäischer Bühne vertreten war?
Gebauer: Das ist ein bisschen mit Aindling zu vergleichen. Wir waren in Ried ein eingeschworener Haufen, die Kader waren durch Stefan Reiter immer unglaublich gut zusammengestellt. Wir hatten nie die ganz großen Stars, kamen immer über den Zusammenhalt. Wir waren das "gallische Dorf", hatten extrem gute Heimbilanzen, waren in dem kleinen Rieder Stadion (Fassungsvermögen 7300/Red.) ein unbequemer Gegner und hatten für eine so kleine Stadt fanatische Fans. Keine Mannschaft ist gerne nach Ried gefahren.
AZ: 2009 wurdest du zum besten Torhüter in Österreich gewählt, seit 2012 hast du die österreichische Staatsbürgerschaft. Aufgrund deiner Leistungen seinerzeit bist du auch ins Blickfeld der Nationalmannschaft gerückt. Warum kam es dann nie zu einer Berufung ins ÖFB-Team?
Gebauer: Ich war fünf oder sechs Mal auf Abruf, war quasi die Nummer vier. Die Einbürgerung hat sich zu lange hinausgezögert. Der damalige Nationaltrainer Didi Constantini wollte mich 2009 unbedingt als Nationaltorhüter haben, doch es gab Probleme, den österreichischen Pass zu bekommen. Ich bin dann den herkömmlichen Weg gegangen über den sechsjährigen Aufenthalt in Österreich, wurde erst 2012 eingebürgert. Im Jahr zuvor hatte ich einen Kreuzbandriss und bin nicht mehr ganz auf das Leistungsniveau gekommen. Inzwischen hatten sich zwei, drei andere Torhüter im Nationalteam etabliert. Der damalige Teamchef (Marcel Koller/Red.) hat viel auf die Deutschland-Legionäre geschaut. Als Torhüter eines kleinen Vereins in Österreich hatte ich keinen Stellenwert. Ich bin mir sicher, wenn die Einbürgerung früher geklappt hätte, hätte ich unter Constantini das ein oder andere Länderspiel gemacht.
AZ: Mit dem Wechsel nach Linz hast du bewusst in Kauf genommen, dich künftig mit der Rolle des zweiten Torhüters zu arrangieren.
Gebauer: Natürlich will ich heute auch noch spielen und freue mich über jeden Einsatz, den ich bekomme. Ich habe aber 2018 ganz bewusst diesen Schritt gemacht, als eine Art Mentor für die beiden jungen Torhüter (Alexander Schlager und Filip Dmitrovic/Red. ) und als Absicherung für den Verein, sollten die beiden den Schritt in die Bundesliga nicht schaffen. Ich war damals schon 36 und habe einen Dreijahresvertrag bekommen. Den bekommt man in so einem Alter auch nicht unbedingt, das war schon eine Wertschätzung.
AZ: Dein Vertrag in Linz läuft nach dieser Saison aus. Wie geht es für dich weiter?
Gebauer: Ich hänge noch eine Saison dran. Wir haben schon vor einem Jahr den Vertrag verlängert, es nur noch nicht bekannt gegeben.
AZ: Welche Pläne hast du nach deinem Karriereende?
Gebauer: Ich mache nebenbei meine ganzen Ausbildungen, den Trainerschein, für den ich in der nächsten Woche die Prüfung für die B-Lizenz ablege, und noch meinen Bundesliga-Manager über IFI (Internationales Fußball-Institut/Anm.d.Red.) . Ich versuche mich breit aufzustellen, in welche Richtung es nach der Karriere gehen kann, wobei ich allerdings schon weg vom Rasen und mehr in die Sportdirektor-Schiene gehen möchte.
AZ: Die Rivalität in Oberösterreich zwischen dem LASK und Ried ist sehr groß, du hast sie am eigenen Leib zu spüren bekommen. Wie sehr hat es dich getroffen, dass du bei deinem ersten Punktspieleinsatz für den LASK beim 1:0-Sieg in St. Pölten von den eigenen Fans beschimpft und ausgepfiffen worden bist?
Gebauer: Im Spiel habe ich es sehr gut geschafft, dass ich mich auf das Wesentliche konzentrieren konnte. Mehr haben mich vorher die Reaktionen überrascht, als der Vereinswechsel bekannt wurde. Ich wusste, dass ich nicht mit offenen Armen empfangen werde, aber mit der Härte hatte ich nicht gerechnet: Es wurde sogar die eigene Geschäftsstelle beschmiert, es gab Beschimpfungen und bei den Heimspielen wurden Plakate gegen mich aufgehängt. Da musste ich mir einiges anhören, das ging schon sehr weit unter die Gürtellinie. Ich hatte immer den Rückhalt vom Verein und der Mannschaft. Am Anfang war es eine ungute Situation, weil ich nicht wusste, ob es auch ins Privatleben reingeht, oder wie es ist, wenn man diese Leute auf der Straße trifft. Doch als ich merkte, es geht nur um den Fußballer und nicht um den Menschen Thomas Gebauer, konnte ich damit umgehen. In diesem Geschäft muss man eine dicke Haut haben, die ich mir schon in den Jahren zuvor in Ried zugelegt habe. Auch dort gab es nach dem Abstieg negative Meldungen.
AZ: Wie ist heute das Verhältnis zu den LASK-Fans?
Gebauer: Es hat sich nichts geändert. Sie sehen es nach wie vor nicht gerne, dass ich da bin. Es ist aber nur ein kleiner Teil, eine Gruppierung von etwa 50 Hardcore-Fans. Diese werde ich auch nicht mehr überzeugen können. Alle anderen im Stadion sind, glaube ich, froh, dass ich da bin, weil sie sehen, was ich für eine Arbeit leiste und die anderen unterstütze. Das rechnen sie mir schon sehr hoch an.
AZ: Bis zur Saisonunterbrechung vor einem Jahr war der LASK als Tabellenführer drauf und dran, die Vorherrschaft von Red Bull Salzburg zu beenden. Wegen verbotenen Team-Trainings während der Corona-Pause wurde der Verein mit Punktabzug bestraft, nach dem Re-Start konntet ihr auch nicht mehr an die so starke Form davor anknüpfen. Hat Corona den LASK den zweiten Meistertitel in seiner Vereinsgeschichte gekostet?
Gebauer: Wir waren in einem super Flow und hatten eine brutale Energie in der Mannschaft, die dann auf einmal weg war. Ob wir Meister geworden wären? Die Chance war riesig, aber wir haben es selber vergeigt. Wir hatten die Situation falsch eingeschätzt, weil in dieser Zeit Mannschaftstraining verboten war. Der Punktabzug war nicht einmal das Schlimmste, sondern die Energie rundherum. Wir waren auf einmal die Buhmänner des ganzen Landes, sind jetzt der Hassverein von ganz Österreich. Davor hat uns noch jeder für die internationalen Erfolge (Der LASK erreichte das Achtelfinale in der Europa League/Red.) gefeiert, und dafür, dass wir mit Red Bull mitgehalten haben. Jeder hätte sich einen anderen Meister gewünscht.
AZ: Vor kurzem bist du erstmals seit deinem Weggang 2018 aus Ried mit dem LASK an deine ehemalige Wirkungsstätte zurückgekehrt (3:0 für den LASK, erster Linzer Sieg in Ried seit über 22 Jahren/Red.). Wie war das für dich?
Gebauer: Es wäre wohl richtig emotional geworden, wenn Fans da gewesen wären. So war es nicht so brisant, sondern sehr angenehm und ich fühlte mich schon noch ein bisschen wie daheim. Man kennt dort noch immer viele Leute, jeden Flecken im Stadion, in dem ich über 200 Spiele bestritten habe.
AZ: Was ist jetzt für euch in der Meisterrunde möglich?
Gebauer: An oberster Stelle steht ein Platz unter den ersten drei. Wir wollen uns wieder für die Gruppenphase in der Europa League qualifizieren oder als Zweiter die Chance haben, über die "Quali" in die Champions League zu kommen, was ein Riesenhighlight wäre. Und dann haben wir noch das Cupfinale gegen Salzburg. Wir kämpfen an allen Fronten, um vielleicht einen Titel zu holen.

Das Gespräch führte
Herbert Walther Mit Glasner hat Gebauer bei der SV Ried das Zimmer geteilt


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Veröffentlicht am 27.03.2021 10:51 Uhr