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Mathias Wittek von Darmstadt 98 im Interview: "Für uns als Familie war es eine gewonnene Zeit"

Der frühere Aindlinger Jugendfußballer Mathias Wittek erzählt im Interview, wie es ihm in seiner über einjährigen Pause nach seiner sehr schweren Knieverletzung ergangen ist. Wie sich der Profi des Zweitligisten SV Darmstadt 98 nach dieser langen Leidenszeit wieder auf das Mannschaftstraining gefreut hat und welche Pläne der bald 32-Jährige nach seiner Karriere verfolgt.


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Mathias Wittek (links) geht inzwischen schon wieder keinem Zweikampf aus dem Weg. Über ein Jahr musste der Innenverteidiger von Darmstadt 98 wegen einer schweren Knieverletzung pausieren. Die Freude war dem früheren Aindlinger Jugendfußballer deutlich anzusehen, als er vor etwa drei Wochen ins Mannschaftstraining zurückkehren konnte. Fotos: Pressestelle Darmstadt 98

 

AZ:  Es liegt eine lange Leidenszeit mit einer über einjährigen Verletzungspause hinter dir. Wie groß war die Freude, vor gut drei Wochen wieder ins Mannschaftstraining zurückzukehren?
Mathias Wittek: Das fühlte sich sehr schön an, wieder mit den Jungs auf dem Fußballplatz zu stehen. Ich war jetzt über ein Jahr nicht bei der Mannschaft, war, auch wegen Corona, isoliert. Am Anfang fühlten sich die Einheiten nach dieser langen Zeit noch wie ein Trainingslager an, da tat das eine oder andere schon mehr weh als in der Reha. Aber ein Mannschaftstraining ist durch nichts zu ersetzen.


AZ: Im November 2019 hast du dir im Testspiel gegen Mainz 05 eine schwere Knieverletzung zugezogen. Außenband, vorderes und hinteres Kreuzband im linken Knie sowie die zum Knie führende Bizepssehne waren gerissen, es waren zwei Operationen notwendig. Gab es da mal einen Gedanken, dass die Verletzung das Ende deiner Karriere hätte sein können?
Wittek: Es war wenig, was noch heil geblieben ist, aber es war trotzdem nie so, dass ich gedacht habe, ,das war's jetzt'. Mein Arzt und Operateur hat mich schon darauf vorbereitet, dass es keine normale Verletzung ist, ich jetzt abwarten müsste und es, wenn es gut läuft, auf jeden Fall über ein Jahr dauern wird. Mir war jedenfalls klar, dass der Weg zurück sehr weit werden würde.


AZ: Du hattest in dieser Zeit auch sehr viel Zeit für die Familie (Wittek ist verheiratet und hat drei kleine Kinder/Anm.d.Red.). Wie war es für dich ohne Fußball?
Wittek: Für mich war es in meiner Karriere das erste Mal, dass ich so lange verletzt war. Ich hätte damit wohl ein größeres Problem gehabt, wenn ich jünger gewesen wäre. Aber mit der Familie ist es mir zu Hause nicht langweilig geworden, und wer ein Familienleben kennt, der weiß, was das auch mit sich bringt. Es war also nicht alles negativ, wir haben die Zeit für uns genutzt - und es war, obwohl ich verletzt war, für uns als Familie eine gewonnene Zeit. Als Fußballer war's jedoch eine verlorene Zeit, aber die habe ich mir nicht ausgesucht.


AZ: Bereitet dir das Knie noch Probleme?
Wittek: Das wurde mir schon vorher gesagt, dass das Knie nie wieder so sein wird wie es einmal war. Die Frage ist, wie und ob man damit umgehen kann. Das Knie ist bei weitem noch nicht gut, ich habe noch Bewegungseinschränkungen, habe noch Probleme bei der Beugung und Streckung. Wenn jetzt einmal ein, zwei Tage im Training viel gemacht wurde, dann sind die ersten Tage danach für mich etwas schlechter, da muss ich dann mehr auf mich achten und pflegen. Aber so lange es so ist und es noch besser wird, bin ich optimistisch.


AZ: Nachdem du wieder am Mannschaftstraining teilnehmen kannst, haben sich für dich wahrscheinlich auch Ziele und Ansprüche wieder geändert.
Wittek: Die Ansprüche haben sich geändert: Zunächst war es wichtig, dass die Operation erfolgreich verlaufen und es anschließend in der Reha in kleinen Schritten vorwärts gehen sollte. Jetzt, seit ich wieder im Mannschaftstraining bin, habe ich andere Ansprüche. Es ist jetzt zwar noch nicht so, dass ich denke, gleich wieder spielen zu müssen, aber ich merke, wie es von Woche zu Woche besser geworden ist. Wie lange es noch dauert, bis ich wieder den Anschluss an die Mannschaft habe, kann ich zwar noch nicht sagen, aber es ist ein gutes Gefühl, weil ich merke, dass es besser wird. Und ich habe ein Ziel vor Augen - dass ich noch einmal mit eingreifen kann.


AZ: In dieser Saison stehen noch zwölf Punktspiele auf dem Programm. Wird man dich in dieser Saison noch einmal im Einsatz sehen?
Wittek: Das hoffe ich, das ist mein Ziel. Es hängt aber von vielen Faktoren ab: Macht das Knie mit, ist der Trainer einverstanden und kann ich der Mannschaft helfen, das wird man sehen. Darauf arbeite ich hin, das habe ich mir fest vorgenommen.


AZ: Unter Zeitdruck wirst du dich nicht setzen, , was dein Comeback betrifft. . Laut dem Lilienblog greift beim Darmstädter Klassenerhalt die Option, dass sich dein Vertrag um ein weiteres Jahr verlängert. Wie beruhigend ist dieser Umstand, zumal du ansonsten in dieser Saison, wenn überhaupt, nur noch wenig Möglichkeiten hättest, dich für eine Vertragsverlängerung zu empfehlen?
Wittek: Ich werde jetzt dann 32, da ist es natürlich besser, wenn man die Möglichkeit hat, richtig fit zu werden und sich anzubieten als wenn man direkt aus der Reha kommt und nur wenige Monate Mannschaftstraining hatte. Denn meine Visitenkarte in den vergangenen eineinhalb Jahre war jetzt hier nicht so gut, weil ich ja eben lange Zeit verletzt war.


AZ: Du konntest seit dem Re-Start ja auch nicht mehr bei Heimspielen ins Stadion. Wie verfolgst du die Spiele deiner Teamkollegen?
Wittek: Teilweise über Sky, aber seitdem ich wieder dabei bin und auch zwei Mal die Woche getestet werde, dürfen alle aus dem Kader die Heimspiele im Stadion am Böllenfalltor anschauen. Während der Reha war es anders, da ich in dieser Zeit auch nicht getestet wurde.


AZ: Wie kam es dazu, dass du im Januar 2019 nach siebeneinhalb Jahren Heidenheim verlassen hast?
Wittek: In der Saison 2018/19 habe ich mich gleich im ersten Punktspiel am Außenband verletzt und war anschließend für knapp drei Monate raus. In dieser Zeit haben meine damaligen Jungs gut gespielt, haben eine Topleistung gebracht, und als ich dann wieder dabei war, saß ich bis zum Winter ein paar Mal auf der Bank. Eigentlich wollte ich aus Heidenheim nicht weg. Doch dann haben sich die Darmstädter im Winter gemeldet, die wollten mich unbedingt haben. Ich war auch nicht mehr der Jüngste, hatte im Fußball noch nicht so viel gesehen und bekam in Darmstadt die Möglichkeit, einen langfristigen Vertrag zu unterschreiben. Und dann habe ich eben, weil das Drumherum gepasst hat, eine neue Herausforderung angenommen.


AZ: Du warst gerade einmal zwei Wochen in Darmstadt, als der damalige Trainer Dirk Schuster entlassen wurde. War das für dich ein Nachteil?
Wittek: Ich hatte mich, bevor ich nach Darmstadt gewechselt bin, mit ihm getroffen, um sich kennenzulernen. Erst mal war es für mich aber kein Nachteil, weil ich trotz des Trainerwechsels immer gespielt habe. Wir haben die Rückrunde gut zu Ende gebracht und den Klassenerhalt geschafft. Nach ein paar Wochen, nachdem wir die Kurve bekommen hatten, war es schon eine schöne Zeit.


AZ: Nach deinem Wechsel nach Darmstadt warst du als Innenverteidiger noch gesetzt - zur neuen Saison dann nicht mehr. Was waren die Gründe dafür, dass du deinen Stammplatz in der Saison 2019/20 verloren hast?
Wittek: Für mich gab es keine stichhaltigen Gründe. Wenn ich jetzt drei schlechte Spiele gemacht hätte, hätte ich gewusst, das war der Grund, jetzt muss ich wieder Gas geben'', aber so war es nicht. Der Trainer (damals noch Dimitrios Grammozis/Anm.d.Red.) fand eine andere Konstellation fürs Team besser. Von daher musste ich Geduld aufbringen und mich hinten anstellen. So läuft's eben im Fußball - und dann kam ja die Knieverletzung.


AZ: In Heidenheim ging es schon beschaulicher zu. Dort hattest du mit Frank Schmidt in über sieben Jahren nur einen Trainer. Seit deinem Wechsel vor zwei Jahren ist Markus Anfang bereits der dritte Trainer, den du bei den Lilien erlebst. Wie ist der Unterschied zwischen beiden Klubs?
Wittek: In Heidenheim ist es so, dass der Trainer und der Geschäftsführer schon sehr lange zusammenarbeiten, ein eingespieltes Team sind und Erfolg haben. Da müsste schon sehr viel passieren, dass dort mal der Trainer wackelt. Vor ein paar Jahren spielte mal die halbe Liga gegen den Abstieg, da war Heidenheim auch dabei. Der Geschäftsführer hatte damals betont, dass, bevor der Trainer infrage gestellt wird, die Spieler gehen müssten. Das gibt es nicht oft im deutschen Fußball, das ist schon ein entscheidender Unterschied. Darmstadt ist einen Tick größer, aber trotzdem versucht man auch hier, alles familiär zu halten. In dieser Hinsicht war Heidenheim aber etwas anderes. Dort geht es, weil alles eben etwas kleiner ist, sehr familiär zu, und dennoch wird auch beim FCH sehr professionell gearbeitet.


AZ: Mit deinem jetzigen Trainer Markus Anfang hattest du aufgrund deiner Verletzung bislang nicht allzu viel Kontakt. Wie schwer ist da für einen Spieler, sich bei einem Trainer überhaupt ins Gedächtnis zu rufen?
Wittek: Das fällt mir nicht schwer, weil ich nur gewinnen kann. Ich mache mir keinen Kopf, weil ich aus einer einjährigen Verletzungspause komme und erst jetzt wieder mit der Mannschaft trainieren kann. Das ist für mich gerade alles sehr schön. Ich denke auch nicht daran, wie ich dem Trainer gefallen könnte, sondern es geht hauptsächlich um mich, den nächsten Schritt zu machen. Mein vorrangiges Ziel ist es, dass ich meine Leistung auf den Platz bringe und wenn das Knie mitmacht, dann werde ich ihm auffallen.


AZ: Du wirst Ende März 32. Denkt man da schon mal ans Karriereende?
Wittek: Ich weiß nicht, was nach der Zeit in Darmstadt passiert, mein Vertrag läuft noch bis Sommer 2022. Ich habe aber gerade gelernt, dass es im Fußball sehr schnell gehen kann, ich hätte auch nie gedacht, dass ich mich einmal so schwer verletze. Klar rede ich mit meiner Frau über gewisse Szenarien, die passieren könnten, und was dann das Beste für uns als Familie wäre, aber die Gedanken über ein Karriereende sind noch weit entfernt. Eineinhalb Jahre sind im Fußball eine lange Zeit, in denen positiv wie negativ viel passieren kann.


AZ: Als Zweitligaprofi dürfte man nach der Karriere finanziell noch nicht ausgesorgt haben. Hast du Pläne, wie es nach der Profi-Laufbahn weitergeht. Im Lilienblog hast du dich dahingehend geäußert, vielleicht mal Lehrer zu werden.
Wittek: Ich habe mir schon immer Gedanken darüber gemacht, was nach dem Fußball mal sein könnte. Ich glaube, dass ich noch einmal auf die Uni gehe, doch was ich dann wirklich studiere, weiß ich noch nicht. Mit Menschen, vor allem mit Kindern, gehe ich sehr gerne um. Vielleicht geht es auf die Lehrerschiene, das würde mich schon sehr interessieren.


AZ: Ihr habt vor einigen Jahren in Stotzard gebaut. Ist es für dich vorstellbar, nach der Zeit als Profi unterklassig weiter zu spielen, deine Karriere eventuell beim TSV Aindling ausklingen zu lassen und vielleicht noch einmal mit deinem Kumpel Simon Knauer zusammenzuspielen?
Wittek: Es ist alles möglich. Wir haben in Stotzard ein Haus gebaut und sehen dort auch unsere Zukunft. Wenn ich dann noch laufen kann, Fußball mir noch Spaß macht, die Gesundheit mitmacht und den Simon seine Beine auch noch tragen, dann wäre es schon eine schöne Sache.


Das Gespräch führte
Herbert Walther



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Veröffentlicht am 01.03.2021 10:20 Uhr