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Alfons Higl im Karriere-Interview: "Ich wollte immer nur Profi werden"

Kein Kicker aus dem Altlandkreis absolvierte mehr Bundesligaspiele als er: Alfons Higl machte sich Anfang der Achtziger vom TSV Rehling aus auf in die große Fußballwelt. Im großen Karriere-Interview spricht er über seine Anfänge beim FC Augsburg, Juniorenspiele in der Sowjetunion und über den 1. FC Köln mit Illgner, Häßler und Littbarski. Außerdem erzählt der 56-Jährige, wie schwer es sein kann, Trainer des eigenen Sohnes zu sein, und davon, wie er dem jungen Julian Nagelsmann eine Platzwunde verpasste.


Josef Higl Armin Veh
Auftakt zur Meistersaison mit dem VfB: 2006 testete Stuttgart mit dem Trainergespann Armin Veh und Alfons Higl in Aichach gegen den TSV 1860 München.

Alfons Higl ist keiner, der das Rampenlicht braucht, geschweige denn, es genießen kann. Darauf weist er gleich zu Beginn des Gesprächs hin. "Ich habe immer meinen Beruf genossen. Aber ich habe nie selbst jemanden angerufen, um in der Zeitung zu stehen. Das ist in dem Geschäft leider nicht immer gang und gäbe gewesen", sagt der 56-Jährige, der einst vom TSV Rehling aus seine Karriere als Profifußballer startete. Higl würde vermutlich lieber weiter ausführen, wie sehr er sich um Kinder sorgt, die während des Lockdowns mangels Alternativen vor der Playstation vereinsamen. Oder darüber, wie die sozialen Netzwerke das gesellschaftliche Klima bedrohlich verändern.

Higl muss nicht zwingend über sich sprechen und über die bemerkenswerte Karriere, die er als Abwehrspieler und Trainer hingelegt hat. "Manchmal spiele ich mit jemandem Tennis, der mich vorher bei Wikipedia nachgeschaut hat und sagt: Wahnsinn, was du alles erlebt hast", beschreibt er. "Für mich fühlt sich das alles gar nicht so besonders an." Und tatsächlich: Ganz gleich, ob Higl erzählt, dass er bei Besuchen in Rehling beim Wirt vorbeischaut oder dass er mit Bundestrainer Joachim Löw in einer Freizeitmannschaft Hallenfußball spielt: Beides tut er im selben unaufgeregten Ton, so dass es beinahe beiläufig wirkt. Es ist eben, wie es ist. Aber ein bisschen besonders ist es halt dann doch.


Aichacher Zeitung: Als Sie 2013 Assistenztrainer beim VfB Stuttgart wurden, sagte Tomislav Maric, ebenfalls Co-Trainer: Der Alfons Higl hat die besten Laktatwerte in unserer Profiabteilung. Sind Sie immer noch so fit?
Alfons Higl: Ich wollte nach der Profikarriere unbedingt sportlich bleiben. Sport war immer mein Leben, schließlich wollte ich schon als Bub immer nur Profifußballer werden und war dafür immer fleißig. Jetzt bin ich 56 und versuche, so viel wie möglich mitzunehmen. Es ist schließlich erwiesen, dass man dabei bleiben muss, um später im Alter gut durchzukommen. Vielleicht ist auch eine gewisse Portion Eitelkeit dabei (lacht) . Als ich zuletzt als Co-Trainer beim FC Zürich angefangen habe, konnte ich jedenfalls nicht mit einem Bäuchlein kommen. Zurzeit sind die Möglichkeiten bekanntlich begrenzt. Ich bin viel mit dem Hund draußen, jogge und mache im Wohnzimmer Kraftübungen.

 

Ich sah Haller in der Rosenau spielen und wusste: Da unten spiele ich auch mal


AZ: Der Fleiß Ihrer Jugend hat sich ausgezahlt. Mit 16 wechselten Sie vom TSV Rehling in den Nachwuchs des FC Augsburg. Wie entdeckte Sie der damalige Bayernligist, der gerade aus der 2. Bundesliga abgestiegen war?
Higl: Ich habe mich selbst dort vorgestellt. Ich habe beim Training vorbeigeschaut und zu Heiner Schuhmann, einer Legende der FCA-Jugendabteilung, gesagt: Ich bin der Alfons Higl vom TSV Rehling und möchte gerne bei euch spielen. Er sagte: Higl, von dir haben wir schon mal gehört. Du kannst bleiben. Und ich blieb.


AZ: Klingt nach einer Mini-Version der Günter-Netzer-Anekdote, der sich im Pokalfinale 1973 selbst einwechselte.
Higl: Ich war selbstbewusst. Wenn ich etwas wollte, habe ich alles in Bewegung gesetzt, mir das auch zu holen. Als ich als Kind Helmut Haller in der Rosenau spielen sah, dachte ich: Da unten spiel' ich auch mal. Und später spielte ich dann da unten.

"Nationalmannschaft war eh nicht so mein Ding. Man musste dort immer sagen, was andere denken."

AZ: Sie haben Schuhmann also von sich überzeugen können?
Higl: Ich hatte zwei richtig gute Jahre in der Jugend, zusammen mit Gerhard Schroll aus Alsmoos und Norbert Jemiller, der vom FC Affing kam. Ich wurde sogar für die Jugendnationalmannschaft nominiert. Da habe ich meine einzigen Länderspiele absolviert.


AZ: Erzählen Sie.
Higl: Wir waren im Januar 1983 in Leningrad zu einem U 19-Turnier eingeladen - mitten im Kalten Krieg also. Neben Frankreich, der Tschechoslowakei und dem Gastgeber stellten sogar die USA, die 1980 noch die Olympischen Spiele boykottiert hatten, eine Mannschaft. Die Spiele wurden in einer Halle ausgetragen, wie man sie sich in Deutschland damals noch nicht vorstellen konnte: Darin hatte ein gewöhnliches Fußballfeld Platz und dazu noch 25.000 Zuschauer. Drei Länderspiele habe ich absolviert, dann bin ich gnadenlos ausgeschieden. Der damalige Trainer Dietrich Weise sagte zu mir: Aus dir wird nie was (lacht) . Aber Nationalmannschaft war ohnehin nicht mein Ding. Man musste immer das sagen, was andere denken. Und ich hatte eben meinen eigenen Kopf in jungen Jahren. Aber: Es war ein schönes Erlebnis. Wer kam schließlich damals nach Leningrad? Oder mit dem FC Augsburg nach Kiew.

"Wir schenkten den Leuten Kaugummis und Adidas-Klamotten."


AZ: Dort hielt der Klub in den Achtzigern Jugend-Trainingslager ab.
Higl: Zwei Mal waren wir dort. Das war wahnsinnig spannend. Ich bin das erste Mal geflogen. Außerdem waren wir damals die einzige westeuropäische Vereinsmannschaft, die nach Kiew kam. Wir haben dort Testspiele vor fünfzehn- bis achtzehntausend Zuschauern absolviert. Die Leute waren neugierig. Ich erinnere mich, wie sie nach den Spielen auf uns zukamen. Wir haben ihnen Adidas-Klamotten geschenkt und Kaugummis. Das kannten die im Kommunismus alles nicht. Wir haben uns mit Händen und Füßen mit ihnen verständigt. Für uns junge Kerle war das aufregend, wir haben uns wie Stars gefühlt. Aber auch ich habe damals einen Star getroffen: Als wir dort ein A-Länderspiel besucht haben, ist der legendäre Oleg Blochin direkt an mir vorbeigelaufen. Das war unvergesslich.

AZ: Sie stiegen schließlich in die Herrenmannschaft des FC Augsburg auf, die gerade erneut in die damals drittklassige Bayernliga abgestiegen war und dort mit ihnen vier Spielzeiten lang blieb. Viele Spieler aus der Region gehörten zum Aufgebot: Harald Greiffenegger, Joachim Schnürer oder Walter Schenkl. Aber auch spätere Bundesligaspieler wie Karl-Heinz Riedle oder Armin Veh.
Higl: Ich hatte selbst gute Angebote aus der ersten und zweiten Liga. In Nürnberg war ich gemeinsam mit Dieter Eckstein beim Probetraining. Trainer Heinz Höher wollte mich unbedingt. Mein Bruder Josef war damals dabei und fragte überrascht: Warum hast du abgesagt? Aber ich war heimatverbunden, habe immer gehofft, dass der FCA in die zweite Liga zurückkehrt. Im Nachhinein muss ich sagen: Ich bin zu lange geblieben. Und beinahe wäre der Zug ohne mich abgefahren. Zum Glück kam, als ich 22 war, Zweitligist SC Freiburg. Meine Mutter war schon ein wenig verzweifelt und drängte ein bisschen auf einen Wechsel. Sie sagte: Der Riedle geht, der Roland Grahammer geht und du hängst immer noch bei mir rum. Also bin ich nach Freiburg gefahren, habe mir alles angeschaut, den Vertrag unterschrieben und bin noch am selben Tag zurück nach Rehling.

Josef Higl spielt in einer Hobbyrunde mit Joachim Löw

AZ: Im ersten Saisonspiel 1987/88, ein 2:1 gegen Rot-Weiß Oberhausen, schossen sie gleich ihr erstes Profi-Tor. Das zwischenzeitliche 2:0 für den Sportclub. Das 1:0 hatte ein gewisser Joachim Löw erzielt.
Higl: Der Jogi. Momentan haben wir nicht mehr so viel Kontakt. 2010 haben wir in Südtirol Urlaub gemacht, ihn besucht und das Trainingslager der Nationalmannschaft angeschaut. Ab und zu habe ich ihn in seinem Stammcafé in Freiburg getroffen. Und wir haben eine Truppe in der Halle aufgestellt, die sich einmal die Woche zum Kicken getroffen hat und danach was trinken gegangen ist. Ich war aber zuletzt nicht mehr so regelmäßig dabei, weil ich die letzten 20 Monate wegen meines Jobs größtenteils in Zürich gewohnt habe. Jogi ist übrigens in der Halle noch richtig gut. Unser Verhältnis würde ich zwar nicht als freundschaftliches, aber als sehr respektvolles beschreiben.


AZ: Sie sagten einmal: Das zweite Jahr in Freiburg war das vielleicht schönste meiner Karriere.
Higl: Schon im ersten Jahr setzte Trainer Jörg Berger voll auf mich. Aber ich war noch nicht so austrainiert. Im zweiten Jahr habe ich herausragend gut gespielt. Ich bin ins Spiel gegangen und habe mich drauf gefreut, keinen Druck verspürt. Die Mannschaft war toll, wir waren sportlich erfolgreich - wäre Berger zur Winterpause nicht zu Eintracht Frankfurt gegangen, wären wir vielleicht sogar aufgestiegen. Dazu hatte ich eine Freundin, mit der ich das Gefühl hatte, dass das lange gut funktionieren könnte - meine spätere Frau, die ich 1986 in Freiburg kennengelernt habe. Die Stadt war super mit ihren vielen Kneipen. Ich war ein Mensch, der einfach alles so gemacht hat, wie er es gerne macht. Ohne ständig nur an Karriere, Karriere, Karriere zu denken. Ich bin schließlich trotz meiner späteren Wechsel in Freiburg hängengeblieben und lebe heute noch dort.

Mit Illgner, Häßler und Littbarski beim 1. FC Köln


AZ: Sie sagten auch, diese Unbeschwertheit geht im Laufe der Karriere verloren.
Higl: Und mit dem Alter. Ich wollte immer Familie, aber das bedeutet eben auch Verantwortung. Das alles miteinander zu vereinbaren, ist schwierig. Wir sind als Familie viel gewandert. Wenn ich mal drei Wochen frei hatte, waren wir eine Woche bei der Familie meiner Frau in Freiburg, dann eine in Rehling und dann noch eine im Urlaub. Gleichzeitig muss man psychisch und physisch in Topform sein, um gute Spiele zu machen. In Köln war der Druck ein anderer als in Freiburg. Wenn man unter den Erwartungen geblieben ist, wurde man in der Stadt angesprochen: Was ist los mit euch, warum verliert ihr? Aber ich konnte gut damit umgehen.


AZ: Als Sie 1989 zum Effzeh gingen, wurden Sie Teil eines Star-Ensembles mit Spielern wie Pierre Littbarski, Bodo Illgner, Thomas Häßler oder Flemming Povlsen, trainiert von Christoph Daum. Wie war das, aus dem beschaulichen Freiburg in diese Mannschaft zu kommen?
Higl: Ich war völlig unaufgeregt. Und die Mannschaft war trotz der großen Namen eine völlig normale. Du bist sofort einer von denen. Das ist in Mannschaften auch heute noch so. Du musst die Neuen sofort integrieren. Wenn jeder sein eigenes Süppchen kocht, sieht man das an der Tabelle. Mir kam aber damals auch zugute, dass ich eher der Typ war, der nicht so viel nachgedacht hat. Und ich konnte mir einfach nicht vorstellen, dass ich nicht spielen würde. Im ersten Spiel in Bochum habe ich mir gleich übel die Schulter ausgekugelt. Im nächsten Spiel habe ich wieder gespielt. Meinen Platz habe ich nicht mehr hergeben wollen.

AZ: Wurden Sie auch zu einem Opfer der berüchtigten Pierre-Littbarski-Scherze?
Higl: Kann gut sein, aber ich erinnere mich nicht mehr speziell daran. Litti habe ich später immer mal wieder getroffen und mich jedes Mal gefreut. Ein super Kerl. Solche Typen, die eine Gaudi reinbringen, brauchst du in jeder Mannschaft. Als Trainer hast du sie gerade dann gern, wenn es mal nicht so läuft. Aber auch Typen wie Illgner oder Häßler. Sie bestimmen den Rhythmus der Mannschaft mit. Als die drei 1990 als Weltmeister aus Italien zurückgekommen sind, gab es eine Riesenparty.

In Belgrad verloren wir vor 100.000 Zuschauern 0:2, im Rückspiel haben wir Roter Stern dann ordentlich bearbeitet

AZ: Mit Köln wurden Sie im ersten Jahr Vizemeister und stießen im damals noch sehr hochkarätigen Uefa-Cup bis ins Halbfinale vor, in dem sie knapp an Juventus Turin scheiterten, 2:3 im Hinspiel im Delle Alpi, 0:0 in Köln Müngersdorf. Besonders im Gedächtnis vieler Kölner sind aber die Achtelfinalspiele gegen Roter Stern Belgrad geblieben.
Higl: Im Maracana in Belgrad haben wir vor 100.000 Zuschauern 0:2 verloren. Belgrad hatte damals Top-, Top-, Topspieler wie Robert Prosinecki oder Darko Pancev. Ein Jahr später gewannen sie den Europapokal der Landesmeister. Im Rückspiel hat das Kölner Stadion gebrannt - wortwörtlich. 50 000 Zuschauer, überall Pyros und Leuchtraketen. Wenn man es martialisch ausdrücken möchte: Es sah aus wie im Krieg. Und es war schwer, sich auf den Platz zu konzentrieren. Zur Halbzeit stand es noch 0:0, aber wir haben die Belgrader schön bearbeitet, teilweise am Rande der Legalität (lacht) . Schließlich haben wir 3:0 gewonnen. Im Rückspiel gegen Turin hat Daum mich dann das erste Mal draußen gelassen, ich hatte 40 Spiele in den Beinen. Trotzdem war ich enttäuscht. Zumal uns ein Tor zum Endspiel gefehlt hat.

AZ: So eine Atmosphäre wie in Belgrad hat Ihre Leistung tatsächlich nie sonderlich beeinträchtigt?
Higl: Ich erinnere mich an Spiele in München, bei den Bayern vor 70.000 Zuschauern. Da stand ich als junger Kerl selbst in der Kurve. Und ich wusste, dass da oben immer noch ein paar Rehlinger stehen, als ich selbst dort spielte. Beim ersten Mal haben wir richtig eins auf den Sack bekommen. Das sind Erlebnisse, die ich damals nicht als so besonders wahrgenommen habe. Genauso in Belgrad oder im Pokalendspiel 1991 gegen Bremen (Köln unterlag 3:4 nach Elfmeterschießen, Higl verwandelte seinen Versuch, Anm. d. Red. ). Da denkst du nicht: Wahnsinn, was hier los ist! Sondern du spielst halt dein Spiel. Ich habe auch nie großartig auf diese Ereignisse zurückgeschaut. Ich lebe im Hier und Jetzt und versuche, nach vorne zu blicken, nicht zurück.

AZ: Der 1. FC Köln entwickelte sich in den Folgejahren zu einem durchschnittlichen Bundesligisten. Sie aber blieben.
Higl: Daum ist gegangen worden, Häßler wurde nach Turin verkauft, Illgner später zu Real und Litti war nach einem Kreuzbandriss nicht mehr der Alte. Die Truppe war nicht mehr dieselbe, hinzu kam ein eitler Präsident. Wir standen oft mit dem Rücken zur Wand. Das Köln von damals war in dieser Hinsicht vergleichbar mit dem heutigen Borussia Dortmund. Wenn du Sechster bist, herrscht Panik. Aber ich habe mich in der Mannschaft trotzdem wohlgefühlt, genau wie in der Stadt, in der auch mein Sohn Felix geboren wurde.

Higl: Wechsel vom Effzeh zu Fortuna Köln war ein Fehler


AZ: Sie blieben Köln auch treu, wechselten 1995 lediglich den Verein. Vom Effzeh zum damaligen Zweitligisten Fortuna.
Higl: Damit habe ich einen Fehler gemacht. Ich hätte bleiben sollen. Aber ich wollte eben noch einmal etwas anderes machen. Dann zog ich mir einen schweren Knieschaden zu, mit Kreuzbandriss und Knorpelschaden. Nach einem Jahr Reha habe ich es noch einmal versucht, war aber nicht mehr so beweglich, wie man es für den Profisport braucht. Das war eine harte Zeit, weil ich überhaupt nicht wusste, was kommt.

AZ: Sie wurden schließlich Trainer.
Higl: Im Großen und Ganzen konnte ich ja nichts anderes als Fußball. Also habe ich den B-, dann den A-Schein gemacht und die A-Jugend des FC Augsburg übernommen. Mit dem späteren Profi und heutigen Sportdirektor der TSG Hoffenheim, Alex Rosen, und dem ebenfalls späteren Profi und heutigen HSV-Manager Michael Mutzel, den ich vom Dorf in die Mannschaft geholt habe. Wir sind gleich im ersten Jahr aufgestiegen und dann gleich wieder Meister geworden. Da wusste ich: Du machst weiterhin Trainer.

"FCA konnte Gehälter nicht mehr zahlen, verpflichtete aber Spieler, die ich gar nicht wollte"


AZ: Zunächst aber nicht in Augsburg.
Higl: Der Vorstand hatte mir versprochen, dass ich zur Saison 1998/99 die erste Mannschaft übernehme. Ich schrieb sogar ein Konzept. Aber dann wurde mir Gerd Schwickert vorgezogen. Ich hätte bei den A-Junioren weitermachen können, ging aber zurück nach Freiburg und gründete eine Fußballschule - die immerhin fast 20 Jahre Bestand hatte.

AZ: Um in der darauffolgenden Spielzeit, der Saison 1999/2000, doch die Regionalliga-Elf des FCA zu übernehmen.
Higl: Ich hatte eine sehr junge Mannschaft, viele stammten aus meiner damaligen A-Jugendmannschaft. Die Besten, wie Rosen und Mutzel, waren aber schon weg. Dennoch gewannen wir die ersten vier Spiele. Danach insgesamt nur noch zwei. Ich muss einräumen, dass ich zu hart trainieren ließ. Das waren die Jungs so nicht gewohnt. Dann sagte der Vorstand auch noch, er könne die Gehälter nicht mehr bezahlen. Es war alles andere als seriös, zunächst war ja nicht einmal ein Manager da. Den Posten übernahm plötzlich Jürgen Rollmann und verpflichtete Spieler, die ich gar nicht wollte. Zumal die Spieler, die da waren, alles meine Jungs waren. Die sahen ihr Vertrauen verletzt. Sie bekommen kein Geld, aber der Klub holt neue Spieler. Zur Winterpause bin ich zurück zu meiner Familie nach Freiburg, ehe ich als Co-Trainer beim VfL Wolfsburg anfing.

Wie Higl Julian Nagelsmann eine Platzwunde verpasste

AZ: Im Sommer 2004 übernahmen Sie die Regionalligamannschaft des TSV 1860 München. Wo sie in einem Training einem U 19-Spieler eine Platzwunde zufügten, der mittlerweile ein angesehener Bundesliga-Trainer ist.
Higl: Julian Nagelsmann hat mir die Geschichte später erzählt, als er in Hoffenheim U 16- und ich U 19-Trainer war. Ich konnte mich selbst gar nicht mehr daran erinnern. Er war als A-Jugendspieler bei unserer Einheit dabei, wir trainierten Standards. Ich wollte den Abwehrspielern zeigen, wie man sich beim Verteidigen breit macht, um Laufwege zu verstellen. Dabei sind wir für ihn folgenschwer zusammengestoßen. Julian ist ein guter Kerl, es freut mich, dass er erfolgreich ist. Auch wenn ich zugeben muss, dass ich trotz seines Fußballverstands und seiner Akribie nicht gedacht habe, dass es in seinem Alter so schnell bergauf gehen würde. An seinem Beispiel sieht man, wie förderlich es für junge Trainer ist, wenn sie erst einmal Jugendteams trainieren, damit sie ein Gefühl dafür bekommen, wie es ist, eine Mannschaft zu führen. Jugendspieler verzeihen dir Dinge, Profis verzeihen nichts.

AZ: Auch Sie arbeiten gerne mit Nachwuchskickern.
Higl: Ich mag es, junge Spieler weiterzuentwickeln und meine Erfahrung an sie weiterzugeben. Und ich mag es, im Hintergrund zu arbeiten - so wie ich es als Spieler mochte, Antworten auf dem Platz zu geben. Pressekonferenzen etwa waren nie mein Ding. Auch deshalb habe ich nie angestrebt, Cheftrainer in der Bundesliga zu werden.

Deutscher Meister 2007 mit dem VfB Stuttgart und Armin Veh


AZ: Stattdessen wurden Sie Co-Trainer. Zunächst von Wolfgang Wolf in Wolfsburg, 2006 dann assistierten Sie Armin Veh in Stuttgart. Und das äußerst erfolgreich.
Higl: Ich hatte immer einen guten Draht zu Armin Veh. Ich habe ihm geschrieben, wenn Bedarf für einen Co-Trainer da ist: ruf an. Und er rief an. Beim VfB hat alles gepasst. Spieler wie Serdar Tasci, Mario Gomez oder Christian Gentner kannte ich aus dem U-Bereich. In der Winterpause habe ich zu Armin gesagt, in der Jugend spielt einer, den habe ich sechs Mal spielen sehen und der war immer überragend: Also zogen wir Sami Khedira nach oben. Alles lief damals spielerisch ab, die Mannschaft war fit und charakterlich einwandfrei. Dass wir am Ende deutscher Meister werden, war allerdings anfangs nicht zu erwarten.

AZ: Ist man als Co-Trainer so etwas wie eine Vertrauensperson für die Spieler?
Higl: Das ist übertrieben ausgedrückt. Aber die Spieler wussten, woran sie bei mir sind. Ich habe immer ehrlich gesagt, was ich denke. Damit bin ich auch oft angeeckt. Zum Beispiel in Wolfsburg, wenn ich darauf hingewiesen habe, wenn Spieler Einheiten zu locker angegangen sind. Ich habe deutlich gesagt, was ich mit Blick auf Disziplin und den Teamgedanken davon halte. Ich war sicher nicht immer bei jedem total beliebt. Mir ging es eben nur darum, Erfolg zu haben. Und da geht eben nichts über Fleiß, Ehrgeiz, Mentalität und Teamgeist. Die Eitelkeiten, die manche Spieler heutzutage an den Tag legen, kann sich nur jemand leisten, der ein Talent hat wie Lionel Messi.

Alfons Higl war Trainer seines Sohns Felix

AZ: Zur heutigen Spielergeneration gehört Ihr 24-jähriger Sohn Felix, der für Regionalligist SSV Ulm spielt. Zwischen 2017 und 2018 waren sie beim baden-württembergischen Oberligisten Bahlinger SC sein Trainer. Ging das gut?
Higl: Zugegeben, es war nicht leicht. Felix hat dort gespielt, die Mannschaft steckte im Abstiegskampf und ich habe damals gesagt, ich möchte den Verein unterstützen. Also wurde ich zur Winterpause Trainer, wir beendeten die Saison auf Rang fünf. Das zweite Jahr war schwieriger. Ich wollte Felix nie bevorzugen, aber ihn eben auch unterstützen. Da grübelst du dann über deinen Entscheidungen: Wechselst du ihn aus, lässt du ihn auf der Bank? Aber er ist ein guter Junge, der im Team akzeptiert war. Doch die Vater-Sohn-Konstellation hat eben Grenzen gehabt, also habe ich nach der Spielzeit beschlossen, dass ich ihn wieder loslassen muss. Er hat andere Reize gebraucht, als das, was man ohnehin zu Hause bespricht.

AZ: Kann er einen ähnlichen Weg einschlagen wie sein Vater?
Higl: Ich traue ihm ein zwei Ligen weiter oben zu. Er ist Stürmer, 1,95 Meter groß und hat einen guten linken Fuß. Wäre er nicht talentiert, hätte ich ihn auch in Ruhe gelassen (lacht) . Er hat es in der Jugend jedoch auch mal ein bisschen schleifen lassen. Aber ich kann nicht erwarten, dass er das investiert, was ich damals investiert habe. Jeder Mensch ist nun einmal ein Individuum. Wobei er im Nachwuchs des SC Freiburg auch nichts geschenkt bekommen hat. Das Vorurteil, nur wegen deinem Vater hier zu sein, schüttelst du nicht ab. Jürgen Haller (Sohn der Augsburger Fußball-Legende Helmut Haller, Anm. d. Red. ) zum Beispiel wird ein Lied davon singen können. Felix musste lernen, sich durchzubeißen. Ich schaue ihm oft zu, derzeit nur über Internet-Streaming. Von mir bekommt er dann stets ganz harte Kritik (lacht) , aber immer konstruktive, die er gerne annimmt.

Dem SC Freiburg empfahl Higl Caglar Söyüncü


AZ: Sie haben bereits erwähnt, dass es ein Balance-Akt war, Familie und Job unter einen Hut zu bekommen.
Higl: Es war nicht immer einfach, gerade deshalb, weil ich ein absoluter Familienmensch bin. Nach Stuttgart bin ich beispielsweise alleine gezogen, wie auch zuletzt nach Zürich. Aber der Leistungssport verlangt einem eben viel ab, man muss immer Ergebnisse erzielen. Und dann sitzt man eben kurz vor Weihnachten als Scout im eiskalten Stadion im türkischen Izmir, um sich mit 500 anderen ein Zweitligaspiel anzusehen. Ich habe für Freiburg Caglar Söyüncü beobachtet, der dann auch für eine Million Euro zum Sportclub, später für 22 Millionen zu Leicester City gewechselt ist. Besonders ausfüllend war der Assistenztrainer-Posten in Wolfsburg um die Jahrtausendwende. Meine Familie ist zwar mit mir dorthin gezogen, aber an den Wochenenden habe ich sie kaum gesehen. Samstagnachmittag war Spiel. Sonntagmorgen leitete ich das Auslaufen, danach war ich beim Spiel der zweiten Mannschaft oder als Scout in Bulgarien, Schweden oder Dänemark unterwegs. Um die Reha der Spieler habe ich mich auch noch gekümmert und ich leitete ein Förderteam aus Jungprofis. 2006 beim VfB saß ich nach den Spielen abends lange im Büro und habe Videos mit Spielszenen zusammengeschnitten, die wir den Spielern am Sonntag gezeigt haben. Heute haben Profi-Klubs für alle diese Aufgaben eigene Mitarbeiter.

Higl kann sich eine Rückkehr zum FC Augsburg vorstellen


AZ: So wie Ihr derzeitiger Arbeitgeber FC Zürich. Dort wurden Sie im Oktober mit Cheftrainer Ludovic Magnin, einem Spieler aus der VfB-Meisterelf, entlassen.
Higl: Ludo ist ein richtig guter Trainer, spricht zudem vier Sprachen. Auch wenn wir in Zürich am Schluss nicht mehr erfolgreich waren. Wir hatten allerdings zum Beispiel enormes Pech mit Corona-Fällen. Auch ich selbst war infiziert, wenn auch ohne Symptome. Wir wurden immer wieder ausgebremst, das hat es erschwert, Kontinuität reinzubringen. Aber Ludo hat Top-Trainingsmethoden und er ist noch jung. Ich kann mir gut vorstellen, dass wir ihn einmal in der ersten oder zweiten Bundesliga als Trainer sehen werden.

AZ: Mit Alfons Higl als Co-Trainer?
Higl: Es kann möglich sein. Ich habe gerne mit ihm zusammengearbeitet, wir haben uns gut ergänzt. Jetzt werde ich erst einmal meine letzten Tage beim FCZ abschließen. Ich bin noch bis 31. Januar als Scout für den deutschen Raum tätig, dann endet meine Kündigungsfrist. Und dann werden wir sehen, was sich im Sommer ergibt. Ein Cheftrainer-Posten im Bereich Regionalliga vielleicht oder einer als Co-Trainer bei den Profis, möglicherweise auch ein Ausbilder-Job. Ich kann mir auch vorstellen, Fortbildungen zu machen oder zu hospitieren. Der Bereich Management ist für mich auch interessant. Vielleicht hat ja der FC Augsburg an einer Stelle Bedarf. Das ist mittlerweile ja ein gut geführter Klub (lacht) .

AZ: Und Sie wären wieder näher an Ihrer Heimat.
Higl: Ich bin immer seltener in Rehling. Wenn man im Leben so viel gewandert ist wie ich, ist man auch froh, einfach mal daheim zu sein. Und die Corona-Beschränkungen derzeit machen es nicht besser. 2019 ist außerdem meine Mutter verstorben. Meine Schwester wohnt aber noch dort. Wann immer es möglich ist, schaue ich vorbei. Dann mache ich auch einen Abstecher zum Wirt, ein bissl quatschen. Oder zum Vereinsheim des TSV. Für den habe ich übrigens noch einmal kurz gespielt, als mein Bruder Josef dort Trainer war. Darüber brauchen wir aber nichts schreiben. Das war nicht das beste Kapitel meiner Karriere. Wir sind am Ende abgestiegen (lacht) .

Das Interview führte David Libossek  



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Veröffentlicht am 25.01.2021 11:36 Uhr