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Christoph Daferner im Interview: "Bei Dynamo spüre ich das Vertrauen"

Immendorf - Sebastian Mai köpft den Ball von der Sechzehnerlinie noch einmal in hohem Bogen in den Strafraum. Hinein in ein wildes Durcheinander aus gelben und weißen Trikots. Die Gelben, das sind Mais Mannschaftskollegen von Dynamo Dresden, die Minuten vor dem Ende irgendwie noch zum 1:1 treffen wollen. Die Weißen, das sind die Spieler von Waldhof Mannheim, die sich grätschend, blockend, kratzend dagegen wehren. Der Ball prallt zwischen Gelb und Weiß umher, unberechenbar wie eine Kugel, die in einen Flipperautomaten geschossen wurde. Als er links vor dem Tor ankommt, beendet schließlich einer mit Ruhe und Eleganz das Chaos. Christoph Daferner chippt den Ball über den herausstürzenden Schlussmann hinweg ins Tor.


Handlungsschnell, technisch anspruchsvoll, noch dazu aus spitzem Winkel und mit dem Rücken zum Tor stehend. Dank dieser Kombination hat es der Treffer kürzlich in die engere Auswahl zu Dynamos Tor der Saison geschafft hat. Damals, Ende September 2020, johlten und hüpften sogar 10.035 Zuseher im Rudolf-Harbig-Stadion, als Daferner jubelnd in Richtung Eckfahne sprintete. Es war sein erstes Drittliga-Tor. Mittlerweile sind neun weitere dazugekommen. Weil der Immendorfer, der seine ersten Schritte als Fußballer einst beim TSV Pöttmes machte, auch sieben Treffer direkt auflegte, ist er Topscorer des Drittliga-Tabellenführers. Heute Abend kehrt der 23-Jährige zurück zu einem seiner Jugendvereine. Dynamo gastiert beim TSV 1860 München.


Aichacher Zeitung: Christoph, wusstest du, dass 25 von 51 Dynamo-Toren in dieser Spielzeit von ehemaligen 1860-Spielern erzielt wurden? Zehn von dir, neun von Philipp Hosiner und je drei von Patrick Weihrauch und Yannick Stark.
Christoph Daferner: (lacht) Das ist natürlich ein cooler Zufall. Patrick und Philipp waren wie ich dort einst Nachwuchsspieler. Yannick Stark war zu dem Zeitpunkt bei den Profis, als ich in der Jugend spielte. Damals habe ich zu ihm aufgeschaut, jetzt kicken wir zusammen in einer Mannschaft.


AZ: Heute Abend spielt ihr auf Giesings Höhen gegen die Löwen. Ein besonderes Duell?
Daferner: Klar ist das ein spezielles Spiel. Ich habe drei wichtige Jahre meiner Jugend dort verbracht und habe sehr gerne dort gespielt.


AZ: Das Hinspiel gegen die Löwen bedeutete die Trendwende für Dynamo. Der 2:1-Sieg am zehnten Spieltag war nach eher holprigem Start der Beginn von 19 Spielen mit lediglich zwei Niederlagen und drei Unentschieden.
Daferner: Ich erinnere mich: Vor dem Spiel war der Druck enorm hoch. Wir lagen auf Rang acht der Tabelle. Es drohte, alles in Frage gestellt zu werden. Dresden ist ein Verein, der nicht den Anspruch hat, dauerhaft in der 3. Liga zu spielen. Das mediale Umfeld ist hier zudem ein ganz anderes als etwa in Aue. Es wird jeden Tag über Dynamo berichtet. Wenn es läuft, gibt es nichts Besseres. Wenn nicht, dann gibt es Kritik, mit der auch ich lernen musste, umzugehen. Wir wussten alle, welche Bedeutung dieses Spiel hat. Vielleicht war es genau dieses Erlebnis, in einer solch schwierigen Situation zu bestehen, durch das die Mannschaft endgültig zusammengefunden hat. Schließlich hatten wir viele neue Spieler im Kader. Da braucht es eben Zeit.


AZ: Mit dem Grünwalder Stadion habt ihr in dieser Saison allerdings noch eine Rechnung offen. Sowohl gegen den FC Bayern 2 als auch gegen Türkgücü München habt ihr dort unter Flutlicht verloren.
Daferner: Aller guten Dinge sind drei (lacht) . Damit uns dort endlich ein Sieg gelingt, wird es wichtig sein, das Selbstvertrauen, das wir derzeit haben, wieder auf den Platz zu bringen.


AZ: Die Frage hörst du sicherlich oft, aber gerade beim Duell zweier solcher Traditionsvereine kommt man an ihr nicht vorbei: Das Spiel wäre mit Fans nochmal eine ganz andere Nummer, oder?
Daferner: Ja, das wäre natürlich ein ganz anderes Gefühl. Vermutlich wären auch meine Familie und Freunde heute Abend dabei gewesen. Und zahlreiche unserer Fans, mit denen wir trotz allem schon echt geile Momente hatten. Nach den Derbysiegen in Magdeburg und Rostock zum Beispiel haben sie uns in Dresden empfangen- und zwar unter Einhaltung der Corona-Regeln. Sie standen überall entlang der Straße und lieferten eine beeindruckende Lichtershow. Da sieht man, wie sehr die Menschen hier hinter dem Verein stehen. Solche Erlebnisse stärken den eigenen Bezug zum Verein zusätzlich.


AZ: Glaubt man dem "Kreisel", dem Stadionheft von Dynamo, stehst du mit deiner bodenständigen und klaren Art auch persönlich bei den Fans hoch im Kurs. Kriegst du das in der derzeitigen Situation überhaupt mit?
Daferner: Erst einmal freut es einen natürlich, dass gute Leistung anerkannt wird. Man merkt das durchaus, zum Beispiel im Kontakt mit den vielen Mitarbeitern von Dynamo - mit dem Greenkeeper, dem Zeugwart oder dem Hausmeister. So ziemlich jeder hier in der Region ist Dynamo-Fan. Was mir gefällt: Natürlich will jeder, dass die Mannschaft gewinnt. Aber das ist nicht das alles Entscheidende, solange sie sehen, dass man sich voll reinhaut und alles für den Verein gibt.

Und das tut Daferner. Das belegt nicht nur das unbändige Engagement, mit dem er in der ersten Dresdner Pressinglinie den gegnerischen Spielaufbau attackiert. Auch die Zahlen beweisen es: Der Immendorfer weist mit die besten Lauf- und Zweikampfwerte aller Drittligaprofis auf. Es wirkt, als sei der 23-Jährige nach der unglücklich verlaufenen Leihe von Freiburg zum Zweitligisten Aue in Dresden so richtig angekommen im Profifußball. Das lässt sich womöglich auch daran festmachen, wie plötzlich über ihn berichtet wird. Das Onlineportal Tag 24 etwa zitierte jüngst Dirk Schuster, Daferners ehemaligen Trainer bei Erzgebirge Aue: "Er wird bedeutend gestärkter in der 2. Liga auftreten, als er es vielleicht bei uns in seinen Einsätzen geschafft hat. Er wird definitiv seinen Weg im Profi-Fußball gehen", sagte Schuster unter anderem über Daferner. Die Dresdner Bild wollte gar von einer Ausstiegsklausel wissen, die in Daferners Vertrag verankert ist, und spekulierte umgehend über einen Abgang im Sommer.

 

Christoph Daferner: "Im einen Moment interessiert sich kein Mensch für dich, ein halbes Jahr später ist man auf einmal das große Talent"


AZ: Überrascht es dich auch manchmal, wie schnelllebig das Fußballgeschäft ist?
Daferner: Definitiv. Im einen Moment interessiert sich kein Mensch für dich, ein halbes Jahr später ist man auf einmal das große Talent. Ich mache mich frei von dem Ganzen. Deshalb bin ich auch nicht in sozialen Netzwerken unterwegs. Ich bin dem Verein dankbar und will das Vertrauen zurückzahlen, das er in mich gesetzt hat. Darauf konzentriere ich mich.


AZ: Aber denkt man bei Aussagen wie denen von Dirk Schuster nicht auch: Hätte dieser Trainer doch lieber mal mehr auf mich gesetzt?
Daferner: Im ersten Moment hat man vielleicht schon gemischte Gefühle. Andererseits sieht man daran, dass harte Arbeit sich früher oder später bezahlt macht. Dass es sich lohnt, dranzubleiben und keine Selbstzweifel aufkommen zu lassen.


AZ: Und die Sache mit der Ausstiegsklausel?
Daferner: Noch einmal: Ich bin Dynamo sehr dankbar. Ich spüre das Vertrauen des Vereins. Mit der Spielzeit kommen die Tore, mit den Toren mehr Selbstvertrauen, das wiederum in Toren resultiert. Ich fühle mich sportlich und privat sehr wohl in Dresden.

Daferner hat trotz seiner Jugend im Fußball einiges erlebt. Er hat dabei gelernt, dass das Hier und Jetzt zählt. Und das kann er derzeit durchaus genießen. Denn nicht nur für ihn läuft es, sondern - und das wird für Daferner weit wichtiger sein - auch für Dynamo. Seit nunmehr 14 Spieltagen führt die Mannschaft von Trainer Markus Kauczinski die Tabelle an, am Tag vor dem Gespräch rang Dresden Wehen-Wiesbaden in einem Nachholspiel mit 1:0 nieder, während die Verfolger Ingolstadt und 1860 patzten.


AZ: Zeichnen gerade dreckige Siege, wie die an einem ungemütlich nasskalten Mittwochabend gegen Wehen, ein Spitzenteam aus?
Daferner: Wind und Wetter sind letztlich egal. Und jeder Sieg ist am Ende gleich viel Wert. Ob eine 4:0-Gala gegen Ingolstadt oder eben ein 1:0 gegen Wehen. In einer Woche fragt eh keiner mehr nach dem Zustandekommen. Aber es ist sicher von Vorteil, auch Spiele gewinnen zu können, in denen nicht alles nach Plan läuft. In denen man auch defensiv gefordert ist und der Rasen einen nicht das gewohnte Kombinationsspiel aufziehen lässt.


AZ: Ihr seid jetzt bereits so lange an der Spitze, dass man manchmal beinahe vergisst, dass der Relegationsplatz weiterhin nicht weit entfernt ist.
Daferner: Wir haben das komplett auf dem Schirm. Wir wissen auch, wo wir herkommen, schließlich waren wir am Anfang dieser Saison zwischenzeitlich mal Zehnter. Wir sind eine richtig junge Truppe und haben dadurch auch eine gewisse Unbekümmertheit, die hilft, mit dem Druck umzugehen. Wir wissen, dass wir die Situation am besten dadurch beeinflussen können, indem wir unsere Spiele gewinnen.


AZ: Und das gelingt gerade ganz gut.
Daferner: Man merkt hier, was es braucht, um erfolgreich zu sein. Ein cooles, familiäres Umfeld, eine intakte Mannschaft und Verantwortliche, die einem vertrauen und einem auch Fehler zugestehen. Das sind die besten Voraussetzungen für gute junge Jungs, wie wir sie haben. Die zahlen das entgegengebrachte Vertrauen dann eben zwei- bis dreifach zurück.


AZ: Während du derzeit auf dem Platz stehen kannst, müssen sich deine älteren Brüder, Markus und Stefan, die beim SV Klingsmoos spielen, noch gedulden. Sprecht ihr darüber?
Daferner: Zunächst einmal bin ich sehr dankbar dafür, dass wir Profis unserem Job nachgehen können. Das ist aber zwischen uns Brüdern kein Thema. Mit den beiden tausche ich mich im Moment vor allem darüber aus, wie sie sich fit halten können. Besonders, was sie präventiv machen können. Denn wenn man so lange raus ist, steigt nun einmal das Verletzungsrisiko, wenn es wieder losgeht. Die beiden freuen sich, dass sie mir trotz allem im Fernsehen zuschauen können, und fiebern sicher auch am Montagabend mit.

Das Gespräch führte David Libossek 



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Veröffentlicht am 22.03.2021 10:23 Uhr