Fußball    

Greift der VAR bald in der Kreisklasse ein?

Aichach - Kurz fällt der Blick dann doch auf das Datum, mit dem die Meldung der Fifa versehen ist: Nein, nicht getäuscht, 17. November steht da. Dabei wäre ihr Inhalt doch so prädestiniert gewesen für den Aprilscherz einer Tageszeitung oder eines Radiosenders. Nachdem in der Schweiz, wo der Weltfußballverband seinen Sitz hat, auch kein Brauch bekannt ist, jemanden in den 17. November zu schicken, muss also etwas dran sein an der Nachricht. Zumal der Organisation unter Führung von Gianni Infantino jedes Vorhaben zuzutrauen ist - mag es auch noch so absurd klingen. Der Einfall, von dem das Schreiben handelt, wird als "VAR light" bezeichnet. Das Akronym steht bekanntlich für Video Assistant Referee, in Deutschland wahlweise Video-Assistent oder heimelig-schlicht Kölner Keller genannt.


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Probelauf: In den Niederlanden wurde der sogenannte VAR light bereits im März getestet. Foto: FIFA


Die Fifa arbeitet demnach an einem Konzept, "das erschwinglichere VAR-Systeme ermöglichen soll, damit sie auf allen Stufen des Fußballs eingesetzt werden könnten". Also selbst in Kreisliga, Kreis- und A-Klasse, auf den Plätzen in Pöttmes, Inchenhofen oder Mauerbach sollen Schiedsrichter ihre Entscheidungen am Monitor überprüfen? Die sogenannte Arbeitsgruppe für Innovationen des Weltverbands tüftelt an Lösungen dafür, wenn auch noch mit vielen Konjunktiven und wenig Konkretem versehen.
In den Niederlanden wurden allerdings bereits im März erste Tests mit der abgespeckten VAR-Variante durchgeführt. "Wir sind mit den Ergebnissen der geleisteten Arbeit sehr zufrieden", resümierte Johannes Holzmüller, Leiter der Fifa-Abteilung Fußballtechnologie und Innovationen auf der Fifa-eigenen Internetseite, ohne aber auf Details einzugehen. Auch die aktuelle Meldung, wonach "das Konzept ,VAR light' Gestalt annehme" verzichtet auf Einzelheiten.
Beim Bayerischen Fußballverband kennt man die Versuche aus den Niederlanden, teilt ein Sprecher mit. Weitere Informationen habe auch der BFV nicht. Der Video-Schiedsrichter für Amateure trägt noch Kinderschuhe der kleinsten Größe. "Um das alles überhaupt im Ansatz bewerten zu können, braucht es schlicht mehr Fakten. Das Thema steht noch ganz am Anfang, die Liste der Fragen ist eine lange", heißt es aus der BFV-Zentrale.
Als Beispiel wird die Frage nach einer flächendeckenden Finanzierung angeführt. Auch mache eine Kamera noch längst keinen Videobeweis, das erfordere zusätzliche Manpower. Dazu sei unklar, ob eine Installation an allen Plätzen auch rein baurechtlich möglich ist. Allerdings ergänzt der Sprecher generell: "Dass das funktionieren kann, steht außer Frage." Denn, so sieht es der BFV, "grundsätzlich ist alles positiv zu bewerten, was das Fußballspiel nochmals gerechter macht".
Zumal der Verband auf positive Erfahrungen mit neuen Technologien verweist, die bereits jetzt im Einsatz sind. Bei rund 260 Vereinen in Bayern hat der BFV mit seinem Kooperationspartner Sporttotal vollautomatisierte Kameras für das Livestreaming installiert, unter anderem beim FC Affing und dem TSV Aindling. Diese werden zudem im Schiedsrichterwesen genutzt. "Beispielsweise dann, wenn es darum geht, Schiedsrichter für die jeweiligen Beurteilungen zu beobachten. So muss der Beobachter nicht zwingend vor Ort sein. Außerdem lassen sich Szenen so nochmals besser mit dem betreffenden Schiedsrichter reflektieren", erläutert der Verbandssprecher.
Stefan Raube, Obmann der Schiedsrichtergruppe Schwaben Ost, verschlägt es - konfrontiert mit der Fifa-Idee - zunächst gehörig die Sprache. "Ich weiß nicht, was ich davon halten soll", kommentiert der Pöttmeser schließlich. Er könne sich einen VAR in den unteren Spielklassen schwer vorstellen, ganz gleich, wie er aussehen würde. "Gerade im Amateurbereich würde das die Schiedsrichter noch mehr unter Druck setzen. Es würde mehr Ärger geben."
In der Kreisliga sitze nun einmal keiner in einem Aichacher oder Petersdorfer, geschweige denn in einem Kölner Keller, um dem Unparteiischen ein Signal wegen einer möglichen Fehlentscheidung zu senden. "So würden bei jedem Pfiff Spieler und Zuschauer fordern, sich das noch einmal anzusehen. Es käme gar kein Spielfluss zustande. Dann macht es keinen Spaß mehr." Doch selbst wenn ein eigener Video-Referee am Spielfeldrand sitzt oder sich irgendeine andere Regelung finden würde: Für Raube passt der VAR zum unterklassigen Fußball wie ein Wolkenkratzer in die Aichacher Altstadt. Er wäre einfach fehl am Platz. "Wir sprechen von Amateurfußball - der lebt von Fehlern der Schiedsrichter wie auch der Spieler. Man sollte ihn lassen, wie er ist", sagt er.
Der Obmann betont gleichsam, dass er den Video-Assistent im Profifußball als "sehr gut" erachtet: "Das Spiel ist gerechter geworden." Für untere Ligen regt er hingegen andere Neuerungen an, die den Unparteiischen die Arbeit erleichtern würden. "Es haben lange nicht alle Teams ein Headset. Das wäre ein sinnvoller erster Schritt. Ein VAR wären daher drei Schritte zu viel." "Dass das funktionieren kann, steht außer Frage"

Von David Libossek


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Obmann der Schiedsrichtergruppe Ostschwaben: Stefan Raube. Foto: SRG Ostschwaben



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Veröffentlicht am 20.11.2020 17:53 Uhr