Fußball    

Ein Fall für die Gerichte? BFV erwägt Klage

Aichach - "Warum soll der Fußball anders behandelt werden als ein Konzert im Freien", sagte gestern Leipzigs Oberbürgermeister Burkhard Jung im ARD-Morgenmagazin , als das Stadtoberhaupt erklärte, weshalb Bundesligist RB Leipzig in gut zwei Wochen seinen Saisonauftakt gegen Mainz vor 8500 Zuschauern bestreiten darf. Auf diese Aussage im Sinne der Gleichbehandlung stützt sich nun auch das weitere Vorgehen des Bayerischen Fußball-Verbandes (BFV). Der BFV bittet seine Mitgliedsvereine an die virtuelle Urne: Der Vorstand hat in seiner außerordentlichen Online-Sitzung am Dienstagabend einstimmig beschlossen, alle rund 4500 Vereine zum weiteren Umgang mit dem von staatlicher Seite weiterhin untersagten Wettkampfspielbetrieb zu befragen. Dabei geht es auch darum, inwieweit der BFV als Interessenvertreter seiner über 1,6 Millionen Mitglieder den Rechtsweg beschreiten soll. Die Marschroute, eventuell vor den Bayerischen Verwaltungsgerichtshof zu ziehen, wäre natürlich öffentlichkeitswirksam, nachdem der BFV der größte deutsche Landesverband ist.


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Landet die Frage, ob Punktspielbetrieb vor Zuschauern im Amateurfußball zugelassen wird, bald vor Gericht. Bislang sind nur Testpartien genehmigt, wie hier von Jan Plesners (links) TSV Aindling gegen den TSV 1860 München 2. Foto: Siegfried Kerpf


Nachdem sich die bayerische Staatsregierung am Dienstag zum wiederholten Mal nicht zum weiteren Vorgehen im Wettkampfsport oder zu Rahmenbedingungen für die Wiederaufnahme des Wettkampfspielbetriebs geäußert hat, ist man in der BFV-Zentrale an der Brienner Straße in München offensichtlich mit der Geduld am Ende. "Wir haben den Kurs der bayerischen Staatsregierung in der Vergangenheit stets mitgetragen und für sehr verantwortungsvoll befunden. Wir haben akzeptiert, dass wir - anders als in den benachbarten Landesverbänden - bis Anfang September keinen Wettkampfspielbetrieb aufnehmen durften. Wir haben uns mit Trainingsspielen ohne Zuschauer zufrieden gegeben, wir haben verstanden, dass die Zuschauerfrage behutsam diskutiert werden muss, wir haben mit größter Sorgfalt Hygienekonzepte entwickelt und der Staatsregierung vorgelegt. Wir waren der Auffassung, die Voraussetzungen geschaffen zu haben, dass der Spielbetrieb ab dem 19. September wieder aufgenommen werden darf. Leider ohne Erfolg", klagt BFV-Präsident Rainer Koch. Für die Klubs ist es nicht mehr nachvollziehbar, dass die Staatsregierung es längst wieder erlaubt, Konzerte oder Gottesdienste unter freiem Himmel zu veranstalten und dabei sogar bis zu 400 Besucher zuzulassen, in Bayern aber, als einzigem Bundesland, aktuell kein Spielbetrieb möglich ist. Im gesamten Bundesgebiet wird längst wieder vor einer begrenzten Anzahl an Zuschauern gekickt, von 250 in Schleswig-Holstein bis zu 5000 in Berlin. "In jedem Schwimmbad und an jedem Badestrand tummeln sich mehr Menschen, als bei den meisten Amateurfußballspielen Zuschauer rund um das Spielfeld stehen würden. Warum dies so ist? Wir können es nicht sagen! Denn diese Antwort bleibt die Politik nach wie vor schuldig", betont Koch.
Nach heutigem Stand ist davon auszugehen, dass der Ministerrat in den nächsten zwei Wochen keine Lockerungen beschließt, was - unter Berücksichtigung einer für den Spielbetrieb zwingend erforderlichen Vorlaufzeit - Amateurfußball in Bayern im Monat September unmöglich macht. "Ein Umstand, der für die Vereine bereits jetzt existenzielle Folgen hat und noch haben wird - wirtschaftlicher Natur, aber auch hinsichtlich mehr und mehr fernbleibender Frauen und Männern, Jungen und Mädchen", erklärt Koch. Ersten Erhebungen zufolge brechen den Vereinen gerade in den jüngsten Jahrgängen immer mehr Kinder weg, im Vergleich zum Vorjahreszeitraum sind es bei den F-Junioren nahezu 20 Prozent weniger, Tendenz steigend.
In einer Videobotschaft ruft Koch nun die bayerischen Klubs dazu auf, an der bis zum kommenden Montag, 7. September, 10 Uhr, freigeschalteten Umfrage teilzunehmen.
Folgende drei Fragen werden in der Online-Umfrage zur Abstimmung gebracht:
Halten Sie diese Entscheidung der Staatsregierung, Wettkampfspiele im bayerischen Amateurfußball nach wie vor nicht zu erlauben und auch keine Zuschauer in begrenztem Umfang zuzulassen, für richtig?
Wollen Sie, dass der Wettkampfspielbetrieb im Jahr 2020 baldmöglichst wieder aufgenommen wird und der BFV sich dafür einsetzt?
Soll der BFV rechtlich gegen das Verbot des Wettkampfspielbetriebs im Amateurfußball vorgehen und gegebenenfalls gerichtlich Gleichbehandlung mit Freiluft-Kulturveranstaltungen analog Paragraf 21, Absatz 2 der Bayerischen Infektionsschutzmaßnahmenverordnung geltend machen?
Koch geht es keineswegs um eine Sonderrolle für den Fußball, "sondern um gleiches Recht für alle". Natürlich steht für den 61-jährigen Sportfunktionär die Gesundheit aller an erster Stelle. "Worin sich aber ein Konzert- oder Gottesdienstbesucher von einem Sportplatz-Zuschauer unterscheidet, wissen wir nicht", meint Koch. Als promovierter Jurist geht er die Sache bestimmt nicht blauäugig an; er reichte keine Klage ein, bei der absehbar wäre, dass diese ins Leere liefe. "Unsere Fachanwälte sagen, dass eine Klage gegen die Ungleichbehandlung des Amateurfußballs durch die Bayerische Infektionsschutzmaßnahmenverordnung gute Erfolgsaussichten hätte", tut der Poinger kund. Aber als ehemaliger Richter am Oberlandesgericht München sieht auch Koch den Gang vors Gericht als letztes Mittel. "Wir wollen weiterhin im Gespräch mit der Staatsregierung bleiben und hoffen weiterhin auf eine schnelle Lösung für den Amateurfußball in unserem Sinne", stellt er klar.
Ein juristisches Vorgehen seitens des BFV würde auch Klaus Laske, der über fünf Jahrzehnte erster Vorsitzender des TSV Aichach war, zu "100 Prozent" unterstützen. "Ich stehe voll auf der Seite der Regierung und deren Maßnahmen, die Pandemie einzudämmen, und ich bin auch nicht immer damit einverstanden, was der Fußball macht", betont Laske, "aber mir fehlt absolut das Verständnis, dass bei kulturellen Veranstaltungen Besucher zugelassen sind, beim Sport jedoch nicht." Auch wenn er seit Ende Juli nicht mehr an der Spitze des zweitgrößten Sportvereins des Kreises Aichach-Friedberg steht, so treibt ihn die Sorge um, dass auch dem TSV vielleicht die Mitglieder davonlaufen, wenn diese nicht ihren Sport ausüben oder anschauen könnten.
Diese Gefahr sieht auch Markus Berchtenbreiter. Der Sportliche Leiter des FC Affing sieht den juristischen Weg allerdings nicht als die richtige Lösung an: "Ich finde, man sollte den Weg nach wie vor gemeinsam mit der Staatsregierung gehen", begründet er. "Eine Klage ist für mich auch der falsche Weg, weil diese Krise auch anderen so viel abverlangt, zum Beispiel Unternehmern, Veranstaltern, Diskothekenbetreibern. Da hängen Arbeitsplätze dran und da ist der Fußball, so sehr ich ihn liebe, nicht so wichtig."
Berchtenbreiter hinterfragt außerdem die Entscheidung des Verbands, mit den Testspielen unmittelbar nach deren Freigabe Ende Juli zu beginnen, ohne eine Perspektive auf die Freigabe von Wettkämpfen zu haben. "Es ist klar, dass, wenn Training und Vorbereitungsspiele freigegeben werden, sofort sämtliche Vereine hochfahren. Vielleicht hätte sich der Verband da defensiver verhalten sollen. Jetzt gehen wir in den dritten Monat Vorbereitung, die wir, wenn's blöd läuft, für fünf Ligaspiele absolvieren", sagt Berchtenbreiter und räumt gleichzeitig ein: "Der Verband steht im Feuer. Nach dem Wissensstand von damals war es die für ihn richtige Entscheidung."
Freilich wünscht sich auch der 51-Jährige, dass es irgendwann weitergeht. Auch er warnt davor, dass Spieler und Vereinsmitglieder abwandern. Auch er findet es grotesk, wenn beim TSV Dasing kein Publikum im Stadion erlaubt ist, während im Freibad nebenan 300 Leute Abkühlung suchen. Auch der Affinger beklagt, "dass wir jetzt schon zwei Monate lang Ausgaben haben, denen keine Einnahmen gegenüberstehen". Andererseits sinniert Berchtenbreiter darüber, worauf die zweite Frage des BFV abzielt: "Vielleicht herrschen derzeit einfach generell nicht die Rahmenbedingungen, um Fußball zu spielen." Und er stellt Fragen: Welche Hygienevorschriften kommen auf die Klubs zu? Wer haftet, falls sich jemand auf dem Sportplatz ansteckt? Was passiert in Herbst und Winter, wenn es darum geht, Grippe und Erkältung von Corona zu unterscheiden?
Rainer Koch betonte gestern spätnachmittags indes, dass er hoffe, den juristischen Weg nicht einschlagen zu müssen. Die mögliche Klage soll zunächst Signalwirkung entfalten. Für weitere Gespräche in den kommenden Tagen - mit positivem Ausgang für den Fußball. "Wir können nicht mehr 14 Tage abwarten und zuschauen", sagte Koch. 

Von Herbert Walther und David Libossek



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Veröffentlicht am 02.09.2020 17:31 Uhr



 
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