Fußball    

Blick in die Röhre

Aichach - Eine tolle Nachricht für den Fußball ist das, da waren sich gestern alle einig: RB Leipzig darf zum Bundesligaauftakt gegen den FSV Mainz vor mehr als 8000 Zuschauern spielen. Soviel zum Hurra. Denn neben den fantastischen Neuigkeiten für die Fußballfans in Sachsen gab es gestern auch sehr schlechte für die mehr als 1,6 Millionen organisierten Fußballer sowie Sportlern anderer Sparten in Bayern: Es gab nämlich überhaupt keine. "Vielleicht wissen die gar nicht, dass es Fußball noch gibt", meint dazu Aindlings Fußballboss Josef Kigle sarkastisch.


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Die Tribünen bleiben leer: Die Staatsregierung hat die geltenden Infektionsschutzmaßnahmen bis 18. September verlängert. Dementsprechend erfüllten sich die Hoffnungen der Vereine auf die Zulassung von Zuschauern nicht. Das Bild entstand beim Test zwischen dem FC Pipinsried und dem VfB Eichstätt. Foto: Adrian Goldberg


Die Bayerische Staatsregierung hielt zur Mittagszeit ihre turnusmäßige Pressekonferenz zu geltenden Infektionsschutzmaßnahmen ab. Unlängst hatte Ministerpräsident Markus Söder verlautbart, es gebe derzeit ob steigernder Fallzahlen von Covid-19-Infektionen keinen Anlass, weitere Lockerungen zu verabschieden. So kam es gestern auch. Die derzeit gültigen Regelungen werden bis 18. September verlängert. Zum Wettkampfmodus oder gar Zuschauern in Kontaktsportarten: kein Wort.
Das zerstörte die Hoffnung zahlloser Amateursportler im Freistaat. Vor allem die der Fußballer, die bereits angespannt in den Startblöcken warten: Der Bayerische Fußballverband (BFV) musste schließlich den geplanten Neustart der Corona-bedingt unterbrochenen Spielzeit 2019/21 bereits vom 5. auf den 19. September verschieben. Inzwischen steht auch dieser Termin auf der Kippe. Noch am vergangenen Sonntag hat der BFV in einem Schreiben nochmals sehr klar auf die Ungleichbehandlung hingewiesen und dabei deutlich zum Ausdruck gebracht, dass es hierbei nicht um eine Sonderrolle für den Amateurfußball geht, sondern vielmehr darum, Gleichheit herzustellen.
Der BFV hatte auf eine Entscheidung Mitte August spekuliert - die blieb aber aus. Und das, obwohl der Verband dem zuständigen Staatsministerium des Innern, für Sport und Integration (StMI) bereits am 13. August ein entsprechend detailliert ausgearbeitetes Hygiene-Musterkonzept für einen Re-Start mit einer begrenzten Anzahl an Zuschauern hinter den Banden und auf die Tribünen bayerischer Sportplätze - wie sie beispielsweise bei kulturellen Freiluft-Veranstaltungen in Bayern ausdrücklich erlaubt sind - vorgelegt hatte. Zudem veröffentlichte BFV-Präsident Rainer Koch vor eineinhalb Wochen einen offenen Brief, in dem er deutliche Worte in Richtung der Politik sendete: Es gehe um die Existenz der Vereine, hieß es darin etwa. Auch wurde die soziale Verantwortung von Sport und Vereinen - die im Übrigen auch Politiker gerne betonen - ins Feld geführt. Die Forderung: ein zügiger Entschluss, der Fußballspiele zumindest mit Freiluft-Kulturveranstaltungen gleichstellt. 400 Besucher sind da gestattet. Für einen Pilotversuch bei der Bayerischen Staatsoper in München werden übrigens die bisherigen Corona-Beschränkungen im September teils aufgehoben. Bei dem Testlauf dürfen bis zu 500 Besucher auf gekennzeichneten Plätzen den Aufführungen folgen. Entsprechend groß war zunächst der Optimismus unter Funktionären und Kickern vor der gestrigen Ministeriums-PK.
Und umso größer ist nun die Enttäuschung. Umso mehr macht sich Unverständnis breit und wächst die Angst. Nicht nur aus finanzieller Sicht. Sportliche Planungen werden ad absurdum geführt. Seit Anfang Juli schon trainieren die Klubs. Jetzt noch weitere Wochen nur Testspiele zu absolvieren, ergibt keinen Sinn, solange man nicht zumindest einen Anhaltspunkt erhält, ob es überhaupt irgendwann mit Pflichtspielen weitergeht. Kurzum: Dem Sport in Bayern fehlt aktuell die Perspektive. Zumal die Gefahr stetig wächst, dass Vereinsmitglieder - und dieses Szenario droht Sparten-übergreifend, also beispielsweise auch Handballern, Volleyballern oder Basketballern - die Lust verlieren, sich neuen Hobbys zuwenden oder schlicht die Zeit ohne Vereinsverpflichtungen nicht mehr missen möchten.
Der Frust ist immens. "Wir achten auf die Maskenpflicht in den Kabinengängen und Kabinen, es werden Desinfektionsmittel zur Verfügung gestellt, die Gäste-Mannschaften haben fast immer zwei Kabinen zum Umziehen", hält Kigle ein Plädoyer auf den verantwortungsvollen Umgang der Vereine mit den geltenden Maßnahmen. "Es entstehen den Vereinen bei den Testspielen enorme Kosten, enorme Ausfälle von Einnahmen, die sicher einige oder viele Vereine schon finanziell sehr belasten", fährt der Fußballchef des Bezirksligisten TSV Aindling fort. "Fast alle Sportanlagen in Bayern sind so weitläufig, dass man Zuschauer zulassen kann. Man legt einfach eine Zahl fest, und die Vereine haben gezeigt, dass man Vorgaben einhalten und auch durchziehen kann."
Der BFV hat für den gestrigen Abend eine außerordentliche Vorstandssitzung einberufen, um das weitere Vorgehen abzustimmen. Über die Ergebnisse wird der größte deutsche Landesverband im Laufe des Mittwochs zunächst seine Mitgliedsvereine und dann auch die Öffentlichkeit informieren.
Bis dahin bleibt nur der Blick in die benachbarten Bundesländer - wie eben nach Sachsen, Baden-Württemberg, Thüringen und Hessen - sowie ins Nachbarland Österreich, wo der Spielbetrieb vor Zusehern längst freigegeben ist. Ein weiteres Argument, auf das sich der BFV beharrlich beruft.

Von David Libossek und Herbert Walther



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Veröffentlicht am 01.09.2020 16:37 Uhr



 
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