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Sport-Klassiker: "Dino Nazionale" in Dasing

Dasing - Es gab einmal eine Zeit, da war die italienische Liga die unangefochtene Nummer eins des Fußballs. Die besten Spieler der Welt kickten im Land von Pizza, Pasta und Vino. Die italienischen Klubs standen regelmäßig in den Endspielen um den Europapokal. Zwischen 1989 und 1998 waren italienische Vereine in neun von zehn Finals des Landesmeisterwettbewerbs vertreten. Vier davon gewannen sie. Von den sieben Uefa-Cup-Endspielen zwischen 1989 und 1995 gewannen die Italiener sechs. Die Serie A war ganz einfach die beste Liga der Welt. Nahezu sämtliche Top-Stars jener Zeit verdienten ihr Geld im "Lire-Paradies", auch die meisten deutschen Nationalspieler zog es damals über den Brenner gen Süden wie Karl-Heinz Riedle und Thomas Doll. Nach der Weltmeisterschaft 1990 in Italien wechselte Riedle für 13 Millionen Mark - nie zuvor war für einen deutschen Fußballer eine solch hohe Ablöse bezahlt worden - von Werder Bremen zu Lazio Rom. Ein Jahr später griff der Hauptstadtklub für Doll noch tiefer in die Tasche - 15 Millionen Mark flossen an den HSV.


Sein erstes Spiel im himmelblauen Lazio-Dress bestritt Doll am 31. Juli 1991 - in Dasing. Gegen den TSV Dasing! Einen Klub aus der Serie A in einem Freundschaftsspiel aus allernächster Nähe zu sehen, ist hierzulande bis heute einzigartig geblieben. "Das war schon das Highlight", schwärmt Hubert Vogl, Dasings damaliger Fußballchef, noch heute. Für den damaligen TSV-Abwehrspieler Carlo Raffaele ist es noch 29 Jahre später der "Oberhammer", dass er in seiner Karriere einmal gegen einen Klub aus der Serie A gespielt hat. Für ihn ging an diesem Abend ein weiterer großer Traum in Erfüllung - ein kleiner Plausch mit Dino Zoff, noch heute eine Ikone des Weltfußballs und damals Trainer von Lazio.
"Das ist der größte Moment in meinem Leben", verriet der damals gerade 21 Jahre alte Raffaele Zoff, als er diesem die Hand schüttelte. Nun muss man wissen, dass Raffaele glühender Anhänger von Juventus Turin ist, jenes Klubs, für den Zoff in 330 Ligaspielen zwischen 1972 und 1983 den Kasten bewachte, seine größten Erfolge feierte und in dieser Zeit auch einer der weltbesten Torhüter war. Noch immer hat man geistig seinen grauen Torwartpulli mit blauem Kragen vor Augen, den er in der "Squadra Azzurra" trug. 112 Länderspiele absolvierte Zoff für Italien, was ihm auch den Beinamen "Dino Nazionale" einbrachte. Noch heute wird der 78-Jährige von den Tifosi verehrt, als einziger italienischer Fußballer wurde er Welt- und Europameister. Er ist auch bis heute der älteste Weltmeister: 1982, beim WM-Triumph im Finale über Deutschland (3:1), war Zoff schon 40. "Das war so meine erste Weltmeisterschaft, die ich mitbekommen habe. Diese werde ich nie vergessen", sagt Raffaele.
Zwei Jahre zuvor war eine andere Juve-Legende sein Trainer beim FC Augsburg: Helmut Haller. Wie der beste Fußballer, den die Fuggerstadt je hervorgebracht hat, mit dem Ball umging, davon schwärmt Raffaele noch immer: "Ich habe so etwas noch nie gesehen, wie er alle im Eck bei fünf gegen zwei schwindlig gespielt hat." Vielleicht hatte Raffaele durch die Verbindung zur "La Vecchia Signora" (die "alte Dame"), wie Juventus Turin auch bezeichnet wird, bei Haller ein Stein im Brett. "Zwei Tage vor einem Punktspiel hat er mir versprochen, dass ich am Samstag spiele und wir dann am Sonntag zu einem Spiel von Juventus fahren", erzählt Raffaele, "doch dann riss ich mir ausgerechnet in diesem Training die Bänder." Kein Einsatz in der Bayernliga und auch keine Reise nach Italien - für den damals jungen Italiener ganz bitter.
Mit dem Spiel gegen Lazio Rom ging für ihn dann aber ein "Traum in Erfüllung", wie ihn im Vorfeld der Partie die Aichacher Zeitung zitierte. Raffaele lieferte dann auch als Bewacher von Ruben Sosa (später Dortmund) eine ganz starke Partie ab, der uruguayische Nationalspieler machte keinen Stich, wie auch Riedle gegen Thomas Schlüter. Raffaele holte in der Anfangsphase sogar einen Elfmeter heraus, als ihn Torhüter Valerio Fiori von den Beinen holte. Fiori parierte aber den anschließenden Strafstoß von Jürgen Kedrusch. Am Ende zogen sich die damals in der viertklassigen Landesliga Süd spielenden Dasinger bei der 0:3-Niederlage bestens aus der Affäre.
Doch wie kam es überhaupt dazu, dass die "Biancocelesti" überhaupt in Dasing spielten? Eingefädelt hat Vogl den Deal gut drei Wochen zuvor. Bei einem gemeinsamen Besuch mit Haller bei einem Turnier von Alt-Internationalen lernte der Dasinger Fußballchef Wolfgang Vöge kennen. Der arbeitet seit dem Ende seiner Profikarriere (u.a. Dortmund, Leverkusen) Ende der 1980er-Jahre als Spielerberater, fädelte seinerzeit Dolls Transfer in die "Ewige Stadt" ein und organisierte auch das Trainingslager von Lazio in Seefeld in Tirol. Zum Abschluss des 14-tägigen Camps war Dolls Abschiedsspiel gegen den HSV vorgesehen, davor wollten sich die Italiener noch gegen einen unterklassigen Verein in der Nähe einspielen.
Vöge dachte damals zunächst an den in der Bayernliga spielenden FC Augsburg. "Doch der FCA hat schnell abgesagt", weiß Vogl. Es hieß, erzählt er weiter, dass der FCA das "finanzielle Risiko" nicht eingehen wollte. Dabei wäre eine Partie gegen den Serie-A-Klub auch in Augsburg bestimmt ein Selbstläufer geworden: Lazio-Legionär Riedle spielte von 1983 bis 1986 für den FCA, dazu leben in und um Augsburg schon immer sehr viele Italiener.
Apropos Riedle: "Der wäre um ein Haar beim TSV Dasing gelandet", plaudert Vogl aus dem Nähkästchen. Der Stürmer, der in seiner Zeit als Amateurfußballer den Metzgerberuf erlernte, wollte mit dem Fußball kürzertreten. Vogl wollte 1986 den gebürtigen Allgäuer unbedingt holen, doch statt an der A 8 kickte er an der Spree. Beim Bundesliga-Aufsteiger Blau-Weiß 90 Berlin unterschrieb Riedle seinen ersten Profivertrag - die weitere Geschichte ist bekannt.
Zurück zu Dasing und Lazio. Nach der FCA-Absage kam durch die Verbindung zu Vöge plötzlich Dasing ins Spiel. "Wir mussten uns damals schnell entscheiden", erinnert sich Vogl. Er war damals ein Macher, ein Denker, er war in dieser Zeit in Sachen Marketing im Amateurfußball allen anderen voraus. Der heute in Obergriesbach lebende 72-Jährige erkannte, was Veranstaltungen abwerfen können und stieß mit dem damals weit über die schwäbischen Grenzen hinaus bekannten Pfingstfest in neue Dimensionen vor. Vogl führte ein paar Telefonate - und dann war klar: "Wir machen das."
Natürlich sicherten sich die Dasinger erst finanziell ab, bevor sie die Zusage gaben. "Ihle hätte den Differenzbetrag übernommen, wenn es ins Minus gegangen wäre", tut Vogl kund, "da haben wir gewusst, dass dieses Spiel den Verein nicht umbringt. Dank unserer Sponsoren war das Risiko dann ziemlich begrenzt." Die Dasinger sind sogar mit einem Plus im knappen fünfstelligen Bereich aus dieser Partie herausgegangen, obwohl sie das Lazio-Gastspiel 29 000 Mark kostete. "Dafür haben wir ein Jahr später draufgezahlt", sagt Vogl, als 1992 der VfB Stuttgart als erster gesamtdeutscher Meister in Dasing gastierte.
Für die Ausrichtung des Lazio-Spiels kam den Dasingern ihre Erfahrung mit den Pfingstfesten zugute. "Wir waren eingespielt und uns somit sicher, dass wir so etwas stemmen können", sagt Vogl. Doch was sich dann an diesem Mittwochabend in Dasing abspielte, bezeichnet er "als Wahnsinn". Allein schon das Medienaufgebot aus Italien war riesig, drei täglich erscheinende Sportzeitungen berichten äußerst ausführlich über die Klubs der Serie A. Vor allem hat Vogl aber der Zuschauerandrang überrascht. Wie viele es genau waren, vermag keiner mehr zu sagen - die Aichacher Zeitung berichtete von 5000 Besuchern, einige glaubten, dass es sogar noch wesentlich mehr gewesen wären. Auf alle Fälle waren es sehr, sehr viele Italiener, die nach Dasing pilgerten. "Selbst aus Rom sind sie angereist", weiß Vogl noch. Denn selbst für die Tifosi war und ist es schwierig, ihren Lieblingsklub aus allernächster Nähe zu erleben. In Seefeld bezog der Lazio-Tross das Hotel ganz für sich allein, die Spieler sowie die Trainingseinheiten waren in Tirol hermetisch abgeriegelt.
Ein "Festbankett vom Feinsten" (Vogl) hinterher im Dasinger Hof rundete den Besuch der italienischen Fußballstars ab. Nach Mitternacht ging's für die Römer zurück nach Seefeld. "Für uns war's ein großer Erfolg", macht Vogl deutlich, "dadurch war der TSV Dasing nach außen in aller Munde."
Vogls Funktionärsdasein bei den Rot-Schwarzen endete mehr oder weniger abrupt am 22. April 1996, als er an seinem Arbeitsplatz in München einen Herzinfarkt erlitt. Von da an änderte er sein Leben radikal, sagte dem Fußball ade. Heute interessiert sich der Imker mehr für Bienen und Panther auf Augsburger Eis. Raffaele, im Winter 1990 nach Dasing gekommen, verließ die Autobahnanrainer 1994 Richtung Schwaben Augsburg. Im Sommer 1998 wechselte er für fünf Jahre zum TSV Aindling ("Die schönste Zeit"), ehe der in Gersthofen lebende Abwehrspieler seine Karriere 2003 wegen eines Knorpelschadens vierten Grades beenden musste. Doch das Lazio-Gastspiel und vor allem die Begegnung mit "Dino Nazionale" bleiben für ihn auf ewig unvergessen.

Von Herbert Walther


zoff
Dasings damaliger Fußballchef Hubert Vogl (rechtes Foto) holte mit Lazio Rom bis heute den einzigen Serie-A-Klub zu einem Freundschaftsspiel in die Region. Noch heute hängt das Spieltagsplakat, auf dem sich die Lazio-Spieler mit ihren Autogrammen verewigten, bei ihm zu Hause in Obergriesbach. Unterhalb der Anstoßzeit ist der Schriftzug von Dino Zoff zu erkennen. Die italienische Torhüterlegende (linkes Foto) war von 1990 bis 1994 und in der Saison 1996/97 Trainer der Laziali. Foto: Walther/Archivfoto: Kerpf


riedle
Nicht zuletzt zwei deutsche Nationalspieler bescherten den Dasingern ein volles Haus. Thomas Doll (rechts, rechtes Foto) bestritt an der A 8 sein Debüt im Lazio-Trikot. Karl-Heinz Riedle (links/linkes Bild) bekam es mit Dasings Abwehrspieler Thomas Schlüter zu tun. Fotos: Siegfried Kerpf



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Veröffentlicht am 07.08.2020 16:30 Uhr



 
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