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Sport-Klassiker (4): Das Pipinsrieder Waterlooliegt an der Autobahn

Dasing/Pipinsried - Bei vernichtenden Niederlagen fällt schnell ein Begriff: Waterloo. In dem belgischen Dorf vor den Toren Brüssels verlor der französische Kaiser Napoleon 1815 seine letzte Schlacht. Er musste abdanken und wurde auf die Atlantikinsel St. Helena verbannt. So weit kam's 174 Jahre später für die Pipinsrieder Fußballer zwar nicht, aber am 4. November 1989 erlebte der FCP sein Waterloo. Und zwar nicht wie Napoleon in Belgien, sondern unweit der A 8 in Dasing. An jenem Sonntagnachmittag brach eine wahre Torlawine über den Landesliga-Neuling herein - die furios aufspielenden Dasinger siegten 9:1. Herausragender Akteur war TSV-Spielmacher Peter Hensold, der selbst zwei Mal traf, vor allem aber die Stürmer Jürgen Kedrusch und Wolfgang Eberle immer wieder glänzend in Szene setzte. Beide erzielten je drei Tore, eines steuerte Werner Engl bei. Auch im Rückspiel ein halbes Jahr später kannten die Rot-Schwarzen beim 8:4 keine Gnade: Die seinerzeit desolate Pipinsrieder Abwehr war für die "Dasinger Torfabrik", wie Kedrusch und Eberle genannt wurden, ein gefundenes Fressen. Eberle traf fünfmal, Kedrusch dreimal. "Unsere Abwehrspieler könnten in dieser Verfassung nicht einmal eine E-Jugendmannschaft aufhalten", sagte der damalige Pipinsrieder Spielertrainer Herbert Gaßmair dementsprechend angefressen gegenüber der Aichacher Zeitung .


Die „Dasinger Torfabrik“: Wolfgang „Paule“ Eberle (linkes Bild, links) und Jürgen Kedrusch (rechts) verbreiteten zu Beginn der 1990er-Jahre Angst und Schrecken in den Abwehrreihen der Landesliga Süd.

"Im Gesamtaggregat", wie der Fußballkaiser Franz Beckenbauer das englische Wort "aggregate", die Addition aus Hin- und Rückspiel, in seiner eigenen Deutung ins Deutsche übersetzt, endeten die beiden Duelle in der Saison 1989/90 17:5 für Dasing. Fast schon logisch, dass Kedrusch und Eberle den Löwenanteil daran hatten: Acht Treffer gingen auf Eberles Konto, sechs auf jenes von Kedrusch. "Der ,Kedde' hat uns da einen Freistoß aus 40 Metern reingehauen", glaubt sich der damalige FCP-Kapitän Willi Loderer zu erinnern. Bestimmt liegt der Wollomooser da richtig. Denn Kedruschs Markenzeichen waren Freistöße, die ihn als "Freistoßkönig" auch über die bayerischen Grenzen hinweg bekannt machten.
"Die Dasinger waren uns damals in allen Belangen überlegen", sagt Loderer. Dabei begegneten sich Pipinsrieder und Dasinger in der Spielzeit zuvor, in der BOL-Premierensaison 1988/89, in den direkten Duellen noch auf Augenhöhe. Eine paar Monate später waren die Gelb-Blauen dann heillos überfordert. "Das waren zwei Spiele, die man am liebsten vergisst", betont der heute 59-Jährige, "das waren zwei Niederlagen, die wehgetan haben."
"Dasing spielte mit FCP Katz und Maus", titelte nach dem Rückspiel am 19. Mai 1990 die Aichacher Zeitung . Eine Formulierung, die dem Klub aus dem Dachauer Hinterland noch schmeichelte. "Die Dasinger haben uns ganz klar dominiert", erzählt Loderer. "Pipinsried hatte null Chancen", so Eberle, 59. Und Kedrusch meinte gar, dass die Dasinger beim Trainingsspielchen in der letzten Übungseinheit vor dem Gastspiel in Pipinsried mehr gefordert gewesen seien. "Da ging's immer richtig zur Sache. Das war anstrengender als dann das Punktspiel", fügt der heute 55-Jährige schmunzelnd hinzu.
In jener Zeit um 1990 war die hiesige Fußball-Region, was man mit Fug und Recht behaupten kann, der Nabel des bayerischen Amateurfußballs. Auf engem Raum zwängten sich der BC Aichach, der TSV Dasing, der FC Pipinsried und der TSV Aindling in der damals noch viertklassigen Landesliga Süd, wobei nur einmal, in der Saison 1992/93, dieses Quartett gleichzeitig in dieser Spielklasse vertreten war. Vierstellige Zuschauerzahlen waren in den Derbys an der Tagesordnung. Am besten besucht waren in dieser Zeit die Duelle zwischen Aichach und Dasing. 2500 Zuschauer verfolgten das 1:1 auf der Dasinger Sportanlage im Herbst 1990, zehn Monate später, im August 1991, sahen 2000 auf dem BCA-Platz ein torloses Remis. In der Saison 1989/90 kamen nirgendwo anders in der Landesliga Süd im Schnitt mehr Besucher als im Dreieck Aichach - Dasing - Pipinsried.
Zu dieser Spielzeit stiegen Dasing (nach 1987 zum zweiten Mal) und der FCP (erstmals überhaupt) gemeinsam aus der erst im Jahr zuvor eingeführten Bezirksoberliga in die Landesliga auf: der TSV als Meister, der Dorfklub durch einen Sieg im Emmeringer Relegationsspiel gegen den MSV München (2:1). Im Unterschied zum Provinzklub aus dem Dachauer Hinterland waren die Dasinger jedoch kein normaler Aufsteiger. "Wir hatten eine Wahnsinnstruppe", sagt Kedrusch. Er bildete zusammen mit dem Augsburger "Paule" Eberle, ein kongeniales Angriffsduo, das die gegnerischen Abwehrreihen der Landesliga Süd in Angst und Schrecken versetzte und Treffer wie am Fließband produzierte. 58 (Kedrusch 37, Eberle 21) in der Saison 1989/90, 54 (Kedrusch 30, Eberle 24) im Jahr darauf - beide Male bedeutete das Platz eins und zwei in der Landesliga-Torschützenliste. Doch die damalige Dasinger Mannschaft bestand nicht nur aus Kedrusch und Eberle - da waren auch andere ehemalige FCA-Fußballer wie Hensold, Kurt Kalchschmid, Michael Gunzl, Franz Ertl, Arnulf Klein, Wolfgang Löw oder der frühere "Löwe" Michael Perfetto.
Traumfußball zelebrierten die Dasinger in jener Zeit nicht nur gegen Pipinsried - aber der große Wurf, der Sprung in die Bayernliga, ist ihnen nie gelungen. Noch heute rätselt Kedrusch, warum es mit dem Aufstieg nicht geklappt hat. Das schaffte er dann ein paar Jahre später mit dem TSV Aindling. "Fußballerisch waren wir mit Aindling aber fünf Klassen schlechter als mit Dasing", findet der Friedberger. Eberle hingegen denkt, die Antwort zu kennen: "Vielleicht haben wir nicht das Letzte aus uns herausgeholt. Mit mehr Training wären wir aufgestiegen, definitiv!" Die gemeinsame Zeit beim TSV Dasing ist Kedrusch (von 1988 bis 1992) und Eberle (von 1984 bis 1992) auch fast drei Jahrzehnte später noch in bester Erinnerung. Für viele Außenstehende war die damalige Dasinger Mannschaft eine reine Startruppe, in der jeder, wie jene vermuteten, seine eigenen Wege ging. Doch das Gegenteil war der Fall. "Wir hatten ein unwahrscheinlichen Zusammenhalt", sagt Kedrusch, "wir waren sehr gesellige Typen."
Als Aufsteiger beendeten die Dasinger die Runde in der Landesliga Süd als Vierter, das beste Ergebnis in der TSV-Vereinsgeschichte. Dabei begann die Saison alles andere als gut. Erst am siebten Spieltag gab es den ersten Sieg. Zu diesem Zeitpunkt hatte der vorherige Assistent Klaus Wünsch Spielertrainer Alexander Eppinger bereits abgelöst.
Der FCP hingegen startete stark mit 5:1 Punkten (zwei Siege, ein Unentschieden). An das erste Pipinsrieder Landesligaspiel überhaupt kann sich der entweder als Stürmer oder hinter den Spitzen eingesetzte Loderer noch bestens erinnern: Mit einem Elfmeter erzielte er in der letzten Minute den 3:2-Siegtreffer gegen Ampfing. Die Oberbayern waren damals aus der Bayernliga abgestiegen und noch immer eine große Nummer im bayerischen Amateurfußball. "Die sind damals dahergekommen wie eine kleine Profimannschaft", sagt Loderer schmunzelnd, hinterher wussten dann auch die Ampfinger um ihre Stürmerlegende Franz Schick, wo Pipinsried liegt. Zwei Jahre zuvor lagen noch Welten zwischen beiden Klubs - Ampfing spielte in der Bayernliga, der FCP in der Bezirksliga Nord. "Zu Beginn sind wir in der Landesliga sicherlich unterschätzt worden, denn spielerisch waren wir nicht die Überflieger, aber wir hatten eine überragende Kameradschaft", weiß Loderer, der 1986 vom oberbayerischen Bezirksligisten Niederroth an die Reichertshausener Straße gewechselt war. Und so schaffte der FCP dann auch in der Relegation den Klassenerhalt (1:0 gegen Germaringen).
1995 verabschiedete sich der TSV Dasing nach insgesamt sieben Jahren vorerst aus der Landesliga - in der darauffolgenden BOL-Saison 1995/96 kreuzten sich letztmals in einem Punktspiel die Wege der Dasinger und Pipinsrieder. Apropos Waterloo: Auch die Dasinger erlebten zwei Jahre später ein solches in der Landesliga Süd. Ihres lag an der Salzach, an der Grenze zu Österreich. Das letzte Punktspiel der Saison 1991/92 bei Wacker Burghausen geriet für die schlecht aufgestellten und mit nur einem Auswechselspieler angereisten Rot-Schwarzen zu einem sportlichen Desaster. Endstand: 13:1. Kedrusch: "Wir hatten damals eine Wahnsinnstruppe"

Von Herbert Walther


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Torjäger unter sich: Jürgen Kedrusch (links), wie Wolfgang Eberle, sein Kumpel aus alten Dasinger Zeiten, ein glühender AEV-Anhänger, und der ehemalige Panther-Angreifer Trevor Parkes (rechts, jetzt Red Bull München). Foto: Siegfried Kerpf



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Veröffentlicht am 27.04.2020 10:14 Uhr



 
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