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FC Pipinsried: Reinhard Höß plädiert für Anerkennung der Bayernliga-Tabelle bei Saison-Abbruch

Der Münchner Jurist Dr. Reinhard Höß beschäftigt sich aufgrund der Corona-Krise mit einem möglichen Abbruch der Fußballsaison und mit den Szenarien, wie die Punktrunde in diesem Fall dann gewertet werden sollte.


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Dr. Reinhard Höß. Foto: privat

AZ:  Fußballspiele sind derzeit wegen der Corona-Krise auch im Amateurbereich verboten. Die Amateurvereine sind in den Rückrunden der Saison und haben noch rund ein Drittel zu spielen. Es könnte sich die Situation ergeben, bei der der Bayerische Fußballverband (BFV) die Saison abbricht. Geht das überhaupt?
Dr. Höß: Ich denke, es ist derzeit zu früh, um sagen zu können, dass die Saison nicht mehr zu Ende gespielt wird. Man muss auch sehen, dass die Vereine zu Saisonbeginn, zumindest die in den Verbandsspielklassen, von Mitte Juli bis Ende August neun Spieltage absolviert haben. Dazu kommen drei Pokalrunden. Das heißt, in sechs Wochen werden bis zu zwölf Partien gespielt. Das ist genau die Zahl, die in dieser Saison noch aussteht. Warum sollte das auch nicht am Ende der Saison möglich sein? Das ist die gerechteste Version von allen.


AZ: Unter welchen Voraussetzungen könnte überhaupt eine Saison abgebrochen werden?
Dr. Höß: Es ist festzuhalten, dass es dafür in den Statuten des BFV keine Regelungen gibt. Trotzdem kann sich eine Situation ergeben, dass der Verband die Saison abbricht. Diese Entscheidung hat zumindest auch einen rechtlichen Charakter. Die Grundsätze der Verhältnismäßigkeit und der Gerechtigkeit sind einzuhalten. Darüber kann man nicht einfach abstimmen lassen. Wendet man diese Grundsätze an, zeigt sich sehr rasch, dass die zum Zeitpunkt des Abbruchs bestehende Tabellensituation, welche die Leistungen der Mannschaften abbildet, die entscheidende ist.


AZ: Das klingt alles sehr juristisch. Können Sie das auch einfacher erklären?
Dr. Höß: Egal, wie entschieden wird, es wird immer Vereine geben, die unzufrieden sind. Das liegt in der Natur der Sache. Die Entscheidung wird daher voraussichtlich gerichtlich überprüft werden. Prüfungsmaßstab wird dann sein, ob es überhaupt notwendig war, die Saison abzubrechen und ob die Folgen für die betroffenen Mannschaften unverhältnismäßig und ungerecht sind. Zudem darf die Entscheidung nicht eine Einzelfallentscheidung sein, sondern muss auf verallgemeinerungsfähigen Grundsätzen beruhen.


AZ: Wie wäre das Szenario, falls die Saison tatsächlich abgebrochen werden sollte?
Dr. Höß: Es gibt grob drei Modelle, die diskutiert werden. Die aktuelle Tabelle ist Schlusstabelle, Annullierung der Saison und Wiederholung der Saison mit den gleichen Vereinen oder irgendeine Zwischenlösung. Betrachtet man diese Modelle, zeigt sich sehr rasch, dass das Modell "Annullierung" unhaltbar und unverhältnismäßig und das am wenigsten gerechte Ergebnis wäre. Aktuell haben die Süd-Bayernligisten 23 Punktspiele absolviert. Die Leistungen der Vereine werden in der Tabelle dokumentiert. Wer für die Lösung "Annullierung" ist, muss diesen Leistungen, um bei seiner Argumentation zu bleiben, kein Gewicht beimessen. Tut er das aber wirklich, was wäre dann, wenn der FC Pipinsried nicht mehr eingeholt werden könnte? Ich gehe davon aus, dass bei dieser Konstellation niemand argumentieren würde, dass der FC Pipinsried trotzdem nicht Meister wäre. Warum soll es dann einen Unterschied machen, wenn der FCP zwar noch theoretisch, aber praktisch nicht mehr eingeholt werden kann.


AZ: Nun herrscht in dieser Saison in der Bayernliga Süd durch die Dominanz des FCP eine Ausnahmesituation. In anderen Ligen sind die Abstände zwischen den Spitzenmannschaften deutlich geringer. Da ist die Wahrscheinlichkeit, dass sich noch etwas ändern könnte, größer.
Dr. Höß: Das ändert aber nichts daran, dass sich bis zum aktuellen Spieltag die Chancen der Mannschaften im Vergleich zum Saisonbeginn verändert haben. Diese Änderung der Chance nicht zu gewichten, widerspricht dem Leistungsprinzip. Natürlich kann man dann sagen, die Wahrscheinlichkeit, dass sich noch etwas ändert, ist umso höher, je weniger Spiele gespielt sind und je dichter die Mannschaften beieinander liegen. Wenn aber jede Mannschaft schon mindestens einmal gegen jede andere Mannschaft gespielt hat, ist dem Wettbewerbsgedanken ausreichend Rechnung getragen. Im Ergebnis gilt, dass dann der Tabellenerste auch Meister ist. Auch deswegen, weil der Hinweis, nach einer Annullierung würden die gleichen Vereine die Saison neu spielen, irreführend ist. Das Ziel, dadurch Chancengleichheit herzustellen, wird verfehlt. Eine Wiederholung der Saison gibt es nicht. Denn die Vereine spielen mit anderen Mannschaften, die Spieler können den Verein wechseln und nicht zwangsverpflichtet werden. Deshalb ist insbesondere die Tabellensituation zu berücksichtigen. Da kann man sich auch nur an die aktuelle Tabelle halten. Alles andere ist sachwidrig.


AZ: Argumentieren Sie nur deshalb so, weil dann der FCP Nutznießer wäre?
Dr. Höß: Nein! Meine Argumente, warum die aktuelle Tabellensituation entscheidend ist, beruhen auf verallgemeinerungsfähigen Überlegungen. Die Vereine haben sich die Tabellensituation erarbeitet, man darf sie nicht auf den Hinweis eines fiktiven Geschehens, die gleichen Vereine wiederholen die Saison, nehmen. Überdies ist der aktuelle Tabellenplatz auch ein wirtschaftlicher Wert. Wer jemals einen Sponsor gewinnen wollte, weiß das.


AZ: Sie sprechen auch Zwischenlösungen an. Wie würde eine solche ausschauen?
Dr. Höß: Eine Zwischenlösung, die darauf hinausläuft, aufsteigen, aber nicht absteigen zu lassen, sind aus meiner Sicht rechtlich riskant. Pragmatisch betrachtet, könnte sich der Verband aber dadurch einige Klagen ersparen.


AZ: Gibt es vergleichbare Präzedenzfälle?
Dr. Höß: Ja, die gibt es. Die Uefa hat dem serbischen Fußballverband empfohlen, Roter Stern Belgrad, der an der Spitze stand, zum Meister zu küren. Zu diesem Zeitpunkt waren erst zehn Spiele absolviert. 2018 ist der thailändische König gestorben. Die Saison wurde daraufhin abgebrochen. Meister wurde der aktuelle Tabellenführer. Auch in Chile gab es letztes Jahr einen Saisonabbruch. Auch dort wurde der aktuelle Tabellenführer zum Meister gekürt.

Das Gespräch führte
Herbert Walther


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Aller Jubel umsonst? Oliver Wargalla, Marcel-Pascal Ebeling und der FC Pipinsried bangen um den Lohn für ihre sportlichen Höchstleistungen, sollte die Saison abgebrochen werden. Foto: Siegfried Kerpf



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Veröffentlicht am 27.03.2020 13:52 Uhr



 
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