Fußball    

"Die Emotionen gehen nicht hoch"

Aichach - Marco Küntzel trainiert den FV Illertissen und empfängt am Samstag seinen Ex-Klub, den FC Pipinsried. Der ehemalige Profi spricht im Interview über die Regionalliga-Partie, die Überladung des Fußballs mit Analysen und das grundverschiedene Verhältnis zu seinen beiden früheren Arbeitgebern, dem FCP und dem BC Aichach. Als es um junge Spieler geht, hinterfragt Küntzel nicht nur den Fußball sondern auch die Gesellschaft.

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Aichacher Zeitung: Herr Küntel, 17 Punkte aus zehn Spielen mit dem FV Illertissen. Man kann sagen, Sie sind dort angekommen, oder?
Marco Küntzel: Ich fühle mich wohl. Das war genau der richtige Schritt zum richtigen Zeitpunkt. Ich habe eine Mannschaft, die gut mitmacht und umsetzt, was das Trainerteam vorgibt. Aber: Es gibt immer etwas zu verbessern. Und man sieht es an den Ergebnissen vom Wochenende: Es ist nicht leicht, aus dem Tabellenkeller rauszukommen.

AZ: Ihr Kapitän Manuel Strahler sagte in einem Interview, Sie haben die Hierarchie innerhalb der Mannschaft wiederhergestellt. Wie gelingt das?
Küntzel: Ich habe das nicht bewusst gemacht. Ich fordere von den Alten, dass sie Verantwortung übernehmen, und von den Jungen, dass sie die Klappe halten, wenn die Älteren Ihnen etwas sagen. Außerdem müssen sie auch das Tor tragen oder sich kümmern, wenn irgendwo etwas fehlt. Und natürlich auf dem Platz Leistung einbringen.

AZ: Werden junge Spieler heute ein bisschen zu sehr verhätschelt?
Küntzel: Absolut! Sie haben oftmals mehr Rechte als die Erfahrenen. Generell ist es heute oft so, dass es kein Dankeschön mehr gibt für diejenigen, die etwas geleistet haben. Das sieht man in der Nationalmannschaft bei Müller, Hummels und Boateng, aber auch in der Gesellschaft. Wenn einer mal eine schwere Phase durchmacht, wird er schnell abgesägt.

AZ: Was ist der Unterschied zu Ihren jungen Profijahren?
Küntzel: Heute wollen die jungen Spieler oft den maximalen Erfolg mit dem wenigsten Aufwand. Bei uns musste man noch Dreck fressen. Heute wird dagegen gemosert, wenn die Alten etwas sagen. Wir konnten uns das nicht erlauben, da wurdest im Training kurz mal weggesägt - und der Trainer hat da nichts gesagt. Die Situation heute geht aber über den Fußball hinaus. Eltern machen es ihren Kindern viel zu einfach. Dabei müssen die Kinder lernen, sich den Arsch aufzureißen und Dinge selber zu erschaffen. Ein Beispiel sind die Handwerksberufe. Die will heute kaum einer mehr machen, keiner will sich mehr die Hände schmutzig machen. Ich glaube auch, dass die Kinder durch die Digitalisierung und den Überfluss sich schwer auf eine Sache konzentrieren können. Dieser Wandel ist aber nicht mehr aufzuhalten.

AZ: Im kleinen Kosmos Illertissen ist Ihnen das aber ganz gut gelungen, Jung und Alt zusammenzubringen. Und es ist wichtig für die Art Fußball, die Sie spielen lassen.
Küntzel: Das Mannschaftsgefüge passt. Und wenn dann noch Kampf, Mentalität und Disziplin stimmen, können wir Fußball spielen, wie es der FVI und auch ich mögen: aus defensiver Stabilität heraus mutig angreifen. Abwarten, was der Gegner macht, das kann ich gar nicht.
AZ: Klingt nach alter Schule. Wird der Fußball momentan zu sehr seziert?
Küntzel: Meine rein persönliche Meinung: Ja. Der Sport ist völlig überladen, manche zelebrieren die tausendste Videoanalyse. Der Fußball wird zu sehr auseinandergenommen. So viel, wie analysiert wird, müsste jedes Spiel 0:0 ausgehen. Aber das tut es nicht, weil so viele unvorhersehbare Dinge passieren. Mir ist wichtig, dass die Spieler in meinem Training - das auch sehr modern und abwechslungsreich ist - gut arbeiten und die Inhalte am Wochenende gut umsetzen. Als ich 2017 in Gladbach hospitiert habe, hat Dieter Hecking zu mir gesagt: "Ich werde den Fußball nicht neu erfinden." Das sehe ich genauso.

AZ: Aber was am Samstag mit Pipinsried auf Sie zukommt, das wissen Sie?
Küntzel: (lacht) Klar. Und ich brauche ja auch für mich Analysen und habe mir ein Spiel angeschaut. Und klar mache ich mir Gedanken, ob alle meine Vorgaben funktionieren. Aber, um es mal allgemein zu halten: Das Wichtigste sind gewonnene Zweikämpfe. Ohne die kannst du analysieren wie Du willst und wirst nicht gewinnen. Pipinsried hat eine gute Mannschaft mit guten Einzelspielern. Kasim Rabihic habe ich ja schon in Aichach trainiert. Er kann ein Spiel alleine entscheiden.

AZ: Was werden Sie Ihren Spielern also mit auf den Weg geben?
Küntzel: Das Spiel ist wichtig für beide, für Pipinsried mehr als für uns. Für sie geht es um alles. Deshalb ist es wichtig, dass wir die richtige Einstellung zu dem Spiel finden. Wenn wir das nicht tun und denken, es wird schon irgendwie gehen, dann werden wir verlieren. Und klar, ich will kein Rumgebolze sehen, gerade im letzten Drittel verlange ich fußballerische Lösungen.

AZ: Spielt Ihre Pipinsrieder Vergangenheit eine Rolle. Immerhin war der FCP ihre erste Station als Trainer.
Küntzel: Überhaupt nicht. Würden wir gegen den BC Aichach spielen, wäre das etwas anderes. Mit Pipinsried bin ich nicht im Frieden auseinander gegangen, es war nicht gerade schön, dort als Trainer zu arbeiten, weil es mit Conny Höß - bei allem, was er geleistet hat - an meiner Seite nicht leicht war. Es war damals eine tolle Chance, gleichzeitig aber eine schwere Zeit - und dennoch möchte ich sie nicht missen. Aber die Emotionen gehen morgen nicht besonders hoch.

AZ: Und beim BC Aichach wäre das anders?
Küntzel: Ich verfolge, was dort passiert, die Manislavic-Entlassung, der neue sportliche Leiter. Der Verein liegt mir am Herzen.

Das Gespräch führte David Libossek


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Veröffentlicht am 07.03.2019 23:00 Uhr




 

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