Kühbach    

Geburtsort: Hauseinfahrt

Kühbach - Die meisten Babys, zumindest hierzulande, werden im Bett geboren. Vielleicht noch in der Wanne oder auf einem Hocker. Auf jeden Fall fast immer in einem Krankenhaus. Aber in der Einfahrt? Die kleine Constanze schlummert friedlich in ihrer blütenzarten Wiege, ab und zu verzieht sie das hübsche Mündchen zu einem kleinen Lächeln, einem ersten "Frieseln". Kein Zweifel, der Kleinen geht es prächtig. Dass ihre Geburt sehr aufregend war, sieht man der seit Jahrzehnten ersten "echten" Kühbacherin nicht an.


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Constanze (3800 Gramm, 52 Zentimeter) wurde genau dort geboren, wo nun ihre Eltern Carolin und Florian Schäfer stehen: In der Einfahrt, neben den Hortensien. Foto: Monika Grunert Glas


Am letzten Sonntag im August wachte Carolin Schäfer gegen 5.30 Uhr auf. In ihrem Bauch rumorte es, sie wusste, eigentlicher Geburtstermin wäre am 3. September. Würde es nun wirklich schon losgehen? Sie erinnerte sich an den Tipp, sich in die Badewanne zu legen. Normale Vorwehen hören dann auf, sind es "echte" Wehen, verstärken sich diese. Gegen 8 Uhr war Carolin Schäfer klar, dass sie ein Sonntagsbaby zur Welt bringen würde. "Ich dachte, am Nachmittag würde es soweit sein." Panik? Aber nicht doch. Der älteste Sohn Ferdinand lag falsch und kam vor fünf Jahren per Kaiserschnitt zur Welt. Vor drei Jahren bei Lorenz dauerte es rund 36 Stunden, davon acht in heftigen Wehen. Damals waren sie zeitig ins Krankenhaus gefahren, aber zweimal wieder heimgeschickt worden, da man "zu Hause ja doch am besten entspannen könne". Vor lauter Angst, sich langsam lächerlich zu machen und erneut zurückgeschickt zu werden, erreichten die werdenden Eltern dann kaum eine Stunde vor der Geburt die Aichacher Klinik.
Also galt auch dieses Mal: Nur keine Hektik. Man lud noch die Omi von nebenan zu Butterbrezen und Cappuccino ein und verständigte die andere Großmutter, damit diese ihre Enkelbuben abholen würde. Florian Schäfer speicherte schon mal die Telefonnummer vom Kreißsaal in der Friedberger Klinik an der Paar in sein Handy, damit er später problemlos anrufen und sie zur Geburt ankündigen könnte. Später?
"Ich weiß noch von Lorenz' Geburt, dass es so weit ist, wenn meine Frau zwischen den Wehen nicht mehr sprechen kann", berichtet der 38-Jährige. Zwischen "pressiert nicht so" und "das Baby kommt" liegen diesmal aber nur wenige Minuten. Kaum ist die Oma mit den Enkeln weggefahren und die Kliniktasche im Auto verstaut, wird es Florian Schäfer mulmig, als ihm seine keuchende Frau nicht mehr gleich antwortet. Er ruft im Kreißsaal an: "In 45 Minuten kommen wir." Da ist es etwa 8.45 Uhr.
Nun hangelt sich seine Frau von Wehe zu Wehe durch die Wohnung, Schritt für Schritt auf dem Weg zum Auto, da geht es auch schon los. Blasensprung im Flur vor der Eingangstür. Der werdende Vater spurtet durchs Haus, holt Handtücher. Jetzt aber schnell! In einer Wehenpause schafft man noch drei Meter Richtung Auto. Carolin Schäfer steht nun in der gepflasterten Einfahrt. Es regnet. Sie krümmt sich: "Ruf Mathilde an, wir schaffen es nicht mehr", bittet sie ihren Mann, die eigentlich schon pensionierte Kühbacher Hebamme zu holen, die ihr bei den Geburten ihrer Söhne beigestanden hatte. Deren Telefonnummer? Florian Schäfer hat sie nicht, findet in der Aufregung das Handy seiner Frau nicht, ruft einen Freund an: "Sag deiner Frau, sie soll Mathilde anrufen, bei uns geht es los, wir kriegen das Kind daheim!" Er legt auf, der Freund glaubt an einen Scherz.
Carolin Schäfer möchte nun noch schnell ein frisches Kleid. Ihr Mann bringt natürlich prompt das falsche. Er kann es seiner Frau noch über den Kopf stülpen, dann ist Schluss. Sie weiß instinktiv, sie hat jetzt nur noch eine Aufgabe: "Ich gehe keinen Schritt mehr", verkündet die 34-Jährige ihrem entsetzten Angetrauten, der eigentlich kein Blut sehen kann. Im Hocken bringt sie Constanze zur Welt, mit einer einzigen großen Presswehe, und fängt sie selbst auf. Ist alles in Ordnung mit dem Baby? Ein bisschen anpusten, dann schreit die neue Erdenbürgerin auch schon. Es ist 9.15 Uhr.
Als die Frau des Freundes, die die Hebamme verständigen soll, zurückruft, um sich zu erkundigen, ob das Ansinnen wirklich ernst gemeint war, haben sich Mutter und Kind schon wieder ins Haus geschleppt und warten auf den Notarzt. Dieser trifft etwa zeitgleich mit Hebamme Mathilde ein. Man stellt fest: Mutter und Kind wohlauf. Nur zur Sicherheit werden die beiden noch ins Friedberger Krankenhaus gefahren. "Die zwei Tage dort haben mir zur Erholung dann aber schon sehr gut getan", sagt die glückliche Mama. Und: "Dass es wegen der Schließung der Aichacher Geburtsstation so weit bis zum nächsten Kreißsaal ist, hat in unserem Fall keine Rolle gespielt. Wir hätten es nicht mehr geschafft, selbst wenn das Krankenhaus in der nächsten Straße stehen würde."
Wie berichtet, kam am letzten Julisonntag Baby Heidi im Auto auf der B 300 zur Welt, weil ihre Eltern Jasmin Jung und Paul Gutnik es aus Aichach nicht mehr rechtzeitig bis zum Krankenhaus in Friedberg geschafft hatten. Sonntagsbaby hatte es plötzlich sehr eilig

Von Monika Grunert Glas



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Veröffentlicht am 07.09.2020 16:00 Uhr



 
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