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Der letzte Strohhalm?

Aichach - Kreativität und Flexibilität sind in der aktuellen Zeit an vielen Stellen gefragt. Während Eltern Einfallsreichtum in den eigenen vier Wänden brauchen, um ihre Kinder zu bespaßen, sie gleichzeitig ab Montag zu beschulen, geht es bei vielen Einzelhändlern ums nackte Überleben. Zumindest eine Lockerung soll dem Einzelhandel helfen. Ab heute heißt es auch in Bayern "click-and-collect" oder "call-and-collect", das heißt, die Abholung online oder telefonisch bestellter Ware wird erlaubt.


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Die Modeboutique Zartherb hat derzeit Corona-bedingt geschlossen. Geschäftsführerin Tina Ertl freut sich zwar über die leichte Lockerung ab heute, doch letztlich sei es ein Tropfen auf den heißen Stein. Foto: Tanja Marsal


Bayerns Wirtschaftsminister Hubert Aiwanger (FW) sagte dazu nach der Kabinettssitzung an Heiligdreikönig: "Das ist für viele Händler, gerade auch für den kleineren Einzelhandel, vielleicht der letzte Strohhalm. (...) Niemand kann wollen, dass wir nach Corona ein Ladensterben in unseren Städten erleben."
Tina Ertl, die seit 2012 in Aichach die Modeboutique Zartherb betreibt, freut sich über das neue Angebot. Seit kurzem hat sie ihrer Kundschaft über Facebook, Instagram und WhatsApp ihre Produkte präsentiert und die Ware ausgeliefert oder verschickt. Dass die Leute ab Montag zu ihrem Laden in der Hubmannstraße kommen und ihre Einkäufe selbst abholen können, erleichtert ihre Arbeit ein wenig. Aber gleichzeitig sei das alles nur "ein Tropfen auf dem heißen Stein", macht sich Ertl nichts vor. Aktuell könne sie gerade ihre Fixkosten bezahlen. Doch noch will sie sich ihren in Erfüllung gegangenen Traum vom Selbstständigsein nicht wieder nehmen lassen. "Alle haben die Situation satt, wollen raus. Ich denke, der Einzelhandel wird dann wieder funktionieren", ist die 39-Jährige noch überzeugt.
Auch Vera Junger, Geschäftsführerin des Blumenhauses Prima Vera in Aichach, lieferte zuletzt ihre Sträuße aus. Vormittags war sie mit der Aufnahme der Bestellungen und dem Binden beschäftigt, nachmittags brachte sie die Blumen zu den Kunden. Sie hofft, sich ab heute dank click-and-collect die Fahrerei zu sparen - "ich komme mir schon wie eine Lkw-Fahrerin vor und habe Mitleid mit den Paketboten". Doch bis Ende vergangener Woche wusste sie nicht sicher, ob das neue Angebot für ihren Laden auch gilt. Am Landratsamt konnte man ihr diese Frage am Donnerstag nicht beantworten. Zur Zeit macht sie mit ihrem Lieferservice lediglich sechs Prozent ihres üblichen Umsatzes, "aber bevor ich daheim sitze und grüble, bin ich froh um jeden Auftrag, denn ich liebe meinen Job". Seit 16 Jahren hat Junger ihr Blumengeschäft. Noch wartet sie auf die versprochene Staatshilfe. Bislang hat sie nur eine E-Mail mit entsprechenden Infos erhalten. Einen Kredit hat sie bereits während des ersten Lockdowns aufgenommen, "jetzt bekomme ich keinen", sagt die Blumenhändlerin.
Als "sehr gute Sache" bezeichnet Susanne Schneider, Filialleiterin der Buchhandlung Rupprecht in Aichach, das neue Angebot. Logistisch sei das eine große Erleichterung. Zuletzt wurden die Bücher zu Fuß oder mit dem Fahrrad in Aichach ausgeliefert. Ab heute soll anhand von Listen mit Terminen die Abholung am Laden am Stadtplatz organisiert werden. Große Menschenansammlungen sollen vermieden werden, es herrscht FFP-2-Maskenpflicht. Einige Kunden hätten sich bereits nach dem Ablauf ab Montag erkundigt. Auch die Buchhandlung Rupprecht hat indes mit "herben Umsatzeinbrüchen" zu kämpfen, sagt Schneider. Gerade das fehlende Geschäft eineinhalb Wochen vor Weihnachten lässt sich durch den Lieferservice keineswegs auffangen. Bleibt zu hoffen, dass der von Aiwanger zitierte Strohhalm Rettung für die gebeutelten Einzelhändler bringt . . .

Von Tanja Marsal


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Veröffentlicht am 10.01.2021 16:43 Uhr