Augsburg    

Wohnungsnot, Wrestling und Blattläuse

Augsburg - Mitten in der Pressekonferenz kommt es zu einer Prügelei. Eine blonde Frau im Glitzer-Outfit schlägt auf einen Zuschauer ein, der es gewagt hatte, zu behaupten, dass Wrestling nicht echt sei. Freilich ist der Kampf inszeniert und der vermeintliche Zuschauer Teil der Darbietung, doch die Szene als Teil der Pressekonferenz zum kommenden Brechtfestival im Februar 2023 illustriert, dass der neue Festival-Leiter Julian Warner Menschen mit verschiedensten Interessen ansprechen möchte.


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Auch mit Blick auf die Weltnaturkonferenz , die derzeit in Montreal stattfindet, starten Berliner Künstler in Augsburg das Experiment einer "Organismen-Demokratie". Fotos: Fabian Schreyer


Die Wrestlerin heißt Zelina Power, kommt aus Wien und will in Augsburg mit anderen Show-Kämpfern politisches Theater auf der Wrestling-Bühne darstellen. "Kampf um Augsburg" heißt die Veranstaltung, die Teil des Brechtfestival-Programm sein wird. Die Wrestler werden "Augsburger Konflikte im Ring austragen", erklärt Zelina Power.
Die Stadt und vor allem ihre Stadtteile bilden einen der Schwerpunkte von Julian Warner. Der Kulturanthropologe, Musiker und Performance-Künstler aus München wird in den kommenden drei Jahren das Brechtfestival leiten und tritt damit die Nachfolge von Jürgen Kuttner und Tom Kühnel an.
In seinem ersten Festival-Jahr, in dem zudem der 125. Geburtstag des Augsburgers Bertolt Brecht gefeiert wird, stellt Warner den Stadtteil Lechhausen in den Mittelpunkt - und so findet die Pressekonferenz am Montag auch direkt in Lechhausen statt, im alevitischen Kulturzentrum. Die Alevitische Gemeinde Augsburg sei genauso Kooperationspartner, wie der oberbayerische Trachtenverein Lechhausen, berichtet Warner. Kultur solle nicht vermittelt werden, sondern durch Begegnung entstehen.
Der Arbeiterstadtteil Lechhausen, in dem der junge Bertolt Brecht auch selbst unterwegs war, passe zudem gut zu Brecht, dessen Werke zwar auch Teil des Festivals sein sollen, aber nicht im Vordergrund stehen. Warner will Brecht von der Produktion und der Methode her denken, nicht von den Werken aus. Unter der Überschrift "Die Große Methode" soll das Festival die Arbeitsweise des Autors in den Fokus nehmen. "Wir verabschieden uns von der gut eingeübten Frage nach der Aktualität des Brecht'schen Werkes und widmen uns stattdessen der Erforschung Brecht'scher Welten."
"Neu auffalten und entfalten" wolle er Brecht, kündigt Warner an. All dies gemeinsam mit "Brecht's People". Unter dieser Überschrift kommen in Vorbereitung auf das Brechtfestival Kulturschaffende, Künstler und "Leute, die etwas verändern wollen" zusammen. Moderiert werden die Treffen von Isabella Helmi Hans, die den Bereich "Community Dramaturgie" des Festivals verantwortet. Sie erklärt, es gehe darum, die "einzelnen Lebensrealitäten, die sich dort treffen, zu einem Puzzle zusammenzusetzen".
Parallelen zum Jahr 2022, die erschreckend seien, hat Antigone Akgün in Brechts Stückfragment "Der Brotladen" ausfindig gemacht. Die Regisseurin vom Theater Bremen inszeniert das Gastspiel "Leer/Stand - Der Brotladen oder: Wem gehört der Stadtraum?". Ausgehend von Brechts Fragment wollen Akgün und ihr Team einen Leerstand in der Lechhauser Blücherstraße in einen Erzählraum mit Schauspiel, Videos und Installationen verwandeln. Im Mittelpunkt des Stücks stehen Wohnungsnot und Leerstände in den Städten, erklärt Akgün.
Ein aktuelles Thema greift auch die "Brechtmaschine" auf. In Kooperation mit dem Staatstheater Augsburg will das Festival der Frage nachgehen, ob künstliche Intelligenz Texte generieren kann, die sich für echte Texte von Bertolt Brecht halten lassen?
Tina Lorenz, Leitung des Bereichs Digitaltheater, schreibt dafür zusammen mit Algorithmen und menschlichen Autoren ein Theaterstück, das im Zuge des Festivals uraufgeführt wird. Nachdem Kurator Girisha Fernando dann das Musikprogramm des Brechtfestivals vorgestellt hat, wird die Pressekonferenz ein zweites Mal vermeintlich gestört. Ein Mann im Blattlaus-Kostüm fordert eine "Organismen-Demokratie". Auch dies ist natürlich Teil der Inszenierung und weist auf einen weiteren Programmpunkt hin, ein "mehrjähriges Multispezies-Stadtprojekt, die Organismen-Republik Augsburg".
Man solle nicht auf die Weltnaturkonferenz, die derzeit im kanadischen Montreal stattfindet, vertrauen, betont die Blattlaus, sondern am Experiment der Organismen-Republik in Augsburg teilnehmen.
Das Brechtfestival 2023 wird vom 10. bis 19. Februar stattfinden. Weitere Informationen zum Programm und zu den Festival-Machern sowie die Möglichkeit, selbst Teil des Festivals zu werden, gibt es online unter brechtfestival.de. "Lebensrealitäten zu einem Puzzle zusammensetzen"

Von Janina Funk

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Julian Warner wird in den kommenden drei Jahren das Brechtfestival leiten und möchte unterschiedlichste Zielgruppen ansprechen.



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Veröffentlicht am 12.12.2022 18:15 Uhr