Augsburg    

Wie der Augsburger Einzelhandel die neuen Corona-Regeln bewertet

Augsburg - Eine "stabile Sieben-Tage-Inzidenz von 35" - das ist für Bundeskanzlerin Angela Merkel die Voraussetzung dafür, dass die Läden im März wieder öffnen dürfen. In Augsburg könnte diese Zahl aktuellen Modellrechnungen des Gesundheitsamts zufolge im kommenden Monat tatsächlich erreicht werden. Im Augsburger Einzelhandel reichen die Reaktionen auf diese neuesten Entscheidungen von verhalten optimistisch bis offen verärgert.


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Geschäftsaufgaben, Pleiten, Leerstände: Auch Betriebe in der Region haben zum Teil schwer unter der Corona-Pandemie zu leiden. Foto: Monika Saller


Dass auch Betriebe in der Region zum Teil schwer unter der Corona-Pandemie zu leiden haben, hat sich in den vergangenen Wochen immer wieder gezeigt. Ende Januar hatten sich zahlreiche Mitglieder des Unternehmerkreises "Zukunft in Not" zu einer Protestaktion gegen die Corona-Maßnahmen auf dem Augsburger Rathausplatz versammelt. Pleiten und Insolvenzen fürchtet die Initiative, der mittlerweile rund 500 Unternehmer angehören. Sie wünschen sich einen "Augsburger Weg" und kündigten an, zusammen mit lokalen Politikern Alternativen erarbeiten zu wollen. Ein Treffen zwischen dem Unternehmerkreis und Oberbürgermeisterin Eva Weber, dem Augsburger Landrat Martin Sailer sowie dem Aichach-Friedberger Landrat Klaus Metzger hat bereits stattgefunden.
Unterdessen haben Bund und Länder eine Fortführung des Lockdowns bis Mitte März beschlossen. Und die Regelung, dass für eine Öffnung der Geschäfte ein Inzidenzwert von höchstens 35 vorliegen müsse. In einer Pressekonferenz am Freitag, in der die Stadt Augsburg über die aktuellen Corona-Maßnahmen informierte, betonte Oberbürgermeisterin Eva Weber das "Dilemma", in dem sich die Politik derzeit befände: "Auf der einen Seite geht es bei den Entscheidungen, die nun zu treffen sind, um Existenzen, auf der anderen Seite geht es um Leben schützen."
Er verstehe durchaus, warum die Regelungen notwendig seien, sagt René Berger, Marktleiter von Bauwaren Mahler, einem Augsburger Vertriebsunternehmen für Baustoffe. Hoffnung auf eine Öffnung der Läden habe er trotzdem. Auch wenn sein Unternehmen weit weniger betroffen sei als andere Branchen. "Da gibt es andere, die es viel schlimmer erwischt hat", so Berger. "Wir können einiges mit Click-and-Collect auffangen. Und wir sind mit Überstundenabbau und Urlaubstagen bisher gut durchgekommen." Man habe niemanden in Kurzarbeit schicken müssen. "Trotzdem freuen wir uns natürlich darauf, wenn alle wieder zu uns kommen dürfen", sagt der Marktleiter.
Deutlich kritischer äußert sich Bernd Zimmerly von der "Zimmerly Elektro GmbH". Über Wochen sei die Rede von einer Sieben-Tage-Inzidenz von 50 gewesen, ab der der Einzelhandel seine Türen wieder öffnen dürfe. "Man bereitet sich auf die Wiedereröffnung vor und dann wird man wieder vertröstet", ärgert sich Zimmerly. Das Elektrounternehmen habe zwei Standbeine: Den Handel und Elektroinstallationen. "Im Bereich des Handwerks sind die Auftragsbücher zum Glück voll, da haben wir Glück", sagt er. Im Handel allerdings gebe es trotz Click-and-Collect und einem neu eröffneten Onlineshop Umsatzeinbußen von 40 Prozent. Einige Mitarbeiter befinden sich derzeit in Kurzarbeit. "Ich bin mit dieser Hinhaltetaktik nicht einverstanden", stellt er klar. Er wünsche sich eine bessere Corona-Politik mit verlässlicheren Aussagen.
Ähnlich sieht das Andreas Gärtner, Bezirksgeschäftsführer des Handelsverbands Bayern in Augsburg. Das Vertrauen in die Politik, was Zuverlässigkeit betreffe, sei "stark erschüttert". Es sei dem Handel nie darum gegangen "auf Biegen und Brechen alles auf zu machen, sondern darum, einen Mittelweg zu finden aus maximalem Schutz und einer Eindämmung des wirtschaftlichen Schadens", sagt Gärtner. So habe man gehofft, mit Hygienemaßnahmen und verantwortungsvollen Wiedereröffnungen an ausgewählten Standorten langsam beginnen zu können. Die Bundes- und Landesregierung habe mit ihrem Herabsetzen des nötigen Inzidenzwertes von 50 auf 35 nun einen "massiven Vertrauensbruch" begangen. Und auch die neue Regelung gebe kaum Anlass für Hoffnung. Sie sei sehr vage formuliert und beinhalte viele Unwägbarkeiten. "Aus unserem Verständnis muss ganz Bayern die 35 erreichen, damit gewährleistet ist, dass es nicht zu Einkaufstourismus kommt", erklärt Gärtner. Weite man diese Überlegung aus, müssten auch die umliegenden Bundesländer ihre Läden wieder aufmachen, damit die Menschen nicht zum Einkaufen pendeln. Und schließlich müsse man noch bedenken, was das für Grenzgebiete zu Deutschlands Nachbarländern bedeute. Es sei "blauäugig", zu glauben, dass das flächendeckend klappe.
Für die Zukunft sieht Gärtner zwei mögliche Wege für den Handel: Entweder die Inzidenz sinke in weiten Teilen Bayerns unter 35 und der Druck durch Handel und Bürger auf die Staatsregierung nehme zu. Oder der Weg führe über Klagen zum Erfolg. "Als Verband dürfen wir nicht selbst klagen, aber wir unterstützen andere dabei", berichtet der Bezirksgeschäftsführer. Die Hoffnung des Verbands sei dabei, dass mit sinkenden Zahlen und der Öffnung der Friseure ab März auch Gerichte die "Unverhältnismäßigkeit der Maßnahmen" einsehen. Verband befürchtet "Einkaufstourismus"

Von Kristin Deibl


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Veröffentlicht am 15.02.2021 17:09 Uhr