Augsburg    

Traumahilfe-Netzwerk feiert Jubiläum

Augsburg - Das Traumahilfe-Netzwerk Augsburg und Schwaben gibt es nun schon seit zehn Jahren und hilft jährlich rund 1000 Menschen mit seelischen Verletzungen, ihren Alltag zu bewältigen. Seit vergangenem Jahr gibt es zusätzlich eine Corona-Hilfe für erschöpfte oder verängstigte Menschen. Darüber hinaus bildet das Netzwerk Traumafachberater oder Traumapädagogen aus und vermittelt Wissen über Trauma und dessen Bewältigung an Fachkräfte in medizinischen, therapeutischen und pädagogischen Berufen.


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Eine Stabilisierungsgruppe mit jungen Flüchtlingen machte einen Ausflug in den Niedrigseilgarten der Augsburger YouFarm. Foto: Cynthia Matuszewski


"Noch immer ist es für die Betroffenen eine große Erleichterung, wenn sie erfahren: Ein Trauma ist eine ganz normale Reaktion auf eine unerträgliche Situation", sagt die Vorstandvorsitzende des Traumahilfe-Netzwerks, Theologin und Traumatherapeutin Maria Johanna Fath. "Viele hielten sich bis dahin für verrückt."
Traumata könnten nach Verkehrsunfällen, sexuellen Übergriffen, dem plötzlichen Tod oder Suizid eines Angehörigen, durch häusliche Gewalt und Erlebnisse auf der Flucht entstehen. Sie äußern sich unter anderem in Angst, Schlaflosigkeit, Aggression oder Teilnahmslosigkeit.
"Auch auf die Corona-Zeit und ihre Verunsicherung in vielen Lebensbereichen reagieren viele Menschen mit Stressreaktionen. Gerade ältere oder geflüchtete Menschen erinnern sich zum Beispiel an negative Erlebnisse aus der Kriegszeit", erklärt Fath. Die Zahl der Hilfesuchenden beim Netzwerk ist von 200 im Jahr 2011 auf mittlerweile durchschnittlich 1000 pro Jahr angestiegen. Rund ein Viertel dieser Hilfesuchenden macht telefonisch einen Termin aus und kommt zum Clearinggespräch oder zur persönlichen Beratung. In den Stabilisierungsgruppen des Netzwerkes erlernen Betroffene Methoden zur Bewältigung des Alltages und überbrücken die Zeit bis zu ihrer Therapie. In diesen Gruppen hilft das Netzwerk beispielsweise Opfern von häuslicher Gewalt oder traumatisierten Flüchtlingen.
Ein weiterer Schwerpunkt sind Fortbildungen und Weiterbildungen. "Seit unserer Gründung hat der Verein das Ziel, das seelische Trauma raus aus dem Schattendasein zu führen", so Fath. Denn Traumafolgestörungen waren in Deutschland lange Zeit unbekannt. Erst nach dem schweren Zugunglück in Eschede 1998, mit über 100 Toten und zahlreichen schwerverletzten Überlebenden, rückte Wissen über Posttraumatische Belastungsstörungen in den Fokus: Einsatzkräfte, Verletzte und Angehörige benötigten eine spezielle Betreuung. "Nach seelisch und psychisch verletzenden Lebensereignissen braucht es oft nur wenig Erste Hilfe. Diese jedoch umso gesicherter: Durch Dasein, Zuhören und Einordnen des Erlebten," berichtet Dieter Lenzenhuber, Vorstand des Traumahilfe-Netzwerk Augsburg und Schwaben.
In Deutschland fehle es aber an Fachleuten und adäquaten Aus- und Weiterbildungsmöglichkeiten. "Wir brauchen traumatherapeutisch ausgebildete Kollegen, die bereit sind - auch schneller als jetzt möglich - entsprechende Therapien durchzuführen," so die Einschätzung des Diplom-Pädagogen und Psychotherapeuten Rudolf Müller-Schwefe. Seit 2012 bietet das Netzwerk Fortbildungen an und seit 2017 Zusatzausbildungen zu Traumafachberatern und Traumapädagogen - mit Zertifizierung der Deutschsprachigen Gesellschaft für Psychotraumatologie.
Das Netzwerk informiert zusätzlich in Vorträgen sowohl Fachleute als auch Laien ohne spezielle psychologische Vorbildung über Traumata. Dazu gehören Kriseninterventionsteams, Rettungsdienste, Feuerwehren, Polizei, Ärzte, Rechtsanwälte oder Mitarbeiter in Kindergärten, Schulen und Behörden.
"Dank des Engagements und der Expertise unseres ehrenamtlich aufgestellten Vorstands konnten wir die Arbeit des Traumahilfe Netzwerk in den vergangenen Jahren stemmen", sagt Fath. Anlässlich des zehnjährigen Bestehens des Netzwerks findet am 5. Mai online ein großer Fachtag zum Thema "Den Faden finden - Wege aus dem Trauma-Labyrinth" statt.
Für Psychotherapeutin Andrea Kerres, Gründungsmitglied und Vorstand, ist eine Sache besonders wichtig: "Ich wünsche mir für die Zukunft, dass wir eine Traumaambulanz werden. Dafür benötigen wir in erster Linie Geld. Ideen, wie man eine solche Ambulanz aufstellt, hätten wir genug." pb Folgestörungen von Traumata waren lange Zeit unbekannt


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Veröffentlicht am 29.04.2021 17:02 Uhr