Augsburg    

Psychisches Leid nimmt während Corona zu

Augsburg - Das Augsburger Bezirkskrankenhaus (BKH) hat für das Corona-Jahr 2020 eine Rekordzahl an psychisch erkrankten Eltern mit ihren Kindern verzeichnet. Das teilt das BKH nun in seiner Bilanz mit. Wie die Leiterin des Krankenhauses berichtet, setze sich dieser Trend auch weiterhin fort.


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Stützpfeiler für Eltern: 328 Kinder waren im vergangenen Jahr mit ihren Eltern in der Kindersprechstunde des Augsburger Bezirkskrankenhauses. Foto: SaskiaPavekP


Trotz oder gerade wegen der Corona-Pandemie bleibe die Kindersprechstunde des Bezirkskrankenhauses Augsburg eine wichtige Anlaufstelle. Im vergangenen Jahr fanden dort 182 psychisch erkrankte Eltern mit insgesamt 328 Kindern Unterstützung und Begleitung - so viele wie noch nie. "Dabei haben sich mit 73 Prozent wesentlich mehr psychisch erkrankte Mütter als Väter (27 Prozent) an uns gewandt", sagt Diplom-Psychologin Livia Koller, die die Kindersprechstunde leitet. Sie geht davon aus, dass der steigende Trend anhält.
Die mehrfach ausgezeichnete Einrichtung sei deutschlandweit ziemlich einzigartig, so das BKH. Doch warum gibt es dieses Angebot für Kinder in der Erwachsenenpsychiatrie seit 2007 in der schwäbischen Bezirkshauptstadt überhaupt? Studien zufolge seien zwei Drittel der psychisch erkrankten Frauen und Männer auch Eltern. Circa drei Viertel der erkrankten Eltern leben mit ihren minderjährigen Kindern zusammen. "Eine psychiatrische Erkrankung betrifft immer das ganze Familiensystem und wirkt sich unspezifisch auf viele wichtige Lebensbereiche des Kindes aus. Kinder sind unmittelbar von den Auswirkungen der Erkrankung betroffen", erläutert Koller. Das BKH habe die Kindersprechstunde damals als Kooperationsprojekt mit der St. Gregor Jugendhilfe Augsburg ins Leben gerufen. Seit Herbst 2017 bietet die Klinik das Angebot eigenständig an.
Die Corona-Pandemie stellte im Jahr 2020 auch für die Kindersprechstunde eine Herausforderung dar. Lediglich im April sei die Zahl der Anmeldungen zurückgegangen - vermutlich, weil Eltern durch die Kontakteinschränkungen und das Besuchsverbot in der Klinik verunsichert waren, so die Leiterin. Im Großen und Ganzen habe das Angebot jedoch aufrechterhalten werden können: Die Einrichtung im BKH war besonders in der belasteten Krisenzeit gerade für Eltern, Kinder und Jugendliche ein wichtiger Stützpfeiler. "In den Wochen nach dem ersten Lockdown erhöhte sich die Frequenz der Termine. Kinder und Jugendliche benötigten aufgrund einer starken Belastung durch die Corona-Einschränkungen eine intensivere Beratung, Unterstützung und Begleitung", blickt Koller zurück. Schulschließungen, weniger soziale Kontakte und häusliche Krisen hätten ihre Auswirkungen gezeigt.
Laut Statistik kommen die meisten der angemeldeten Familien aus der Stadt Augsburg (44 Prozent) und dem Landkreis Augsburg (43 Prozent). Zehn Prozent stammten aus dem Kreis Aichach-Friedberg. Die Anmeldungen erfolgen vorwiegend über die Stationen der psychiatrisch-psychotherapeutischen Fachklinik, aber auch vermehrt von den Patienten selbst. Der Sozialdienst des BKH vermittelt ebenfalls Kontakte.
Die in der Kindersprechstunde beratenen Eltern waren zu 77 Prozent in stationärer und teilstationärer (tagesklinischer) Behandlung, zu 23 Prozent ambulant im BKH. Die Hälfte der Erwachsenen leiden unter einer affektiven Störung, insbesondere an einer Depression. Auch die Diagnosen Alkoholabhängigkeit, paranoide Schizophrenie und emotional-instabile Persönlichkeitsstörung kämen im Vergleich zu anderen Störungen häufiger vor, informiert die Leiterin.
Die im vergangenen Jahr angemeldeten Eltern hatten insgesamt 328 Kinder. 211 von ihnen erhielten in der Kindersprechstunde Beratung und Behandlung. "Manchmal kommen nicht alle, sondern nur die belasteten Kinder der Familie. Und manche Eltern möchten nur das Angebot der Elternberatung nutzen, ohne dass die Kinder vorstellig werden", so Psychologin Koller. Der Altersschwerpunkt bei den Mädchen und Buben liegt zwischen drei und 14 Jahren, wobei die meisten zwischen sieben und zehn Jahre alt sind.
Aufgrund einer Kooperation mit dem Kreis Augsburg nahmen 2020 insgesamt 30 Eltern mit insgesamt 58 Kindern aus dem Landkreis, die nicht bei den Bezirkskliniken Schwaben behandelt wurden, die Angebote der Kindersprechstunde in Anspruch.
In der schwierigen Coronazeit sehr viel geholfen hat nach Aussage Livia Kollers, dass ihre Kindersprechstunde technisch erweitert worden ist. "Dank eines Smartphones und einer Kamera für den PC konnten Gespräche mit Eltern, Kindern und Jugendlichen über Videotelefonie angeboten werden, was gerne in Anspruch genommen wurde." Auch die nicht in Präsenz durchführbaren Mädchen-Gruppenstunden hätten durch Onlinekonferenzen ersetzt werden können. "So konnten wir ein kontinuierliches Gruppenangebot für die Jugendlichen möglich machen", sagt die Leiterin. Sowohl die Kinder- als auch die Elterngruppe mussten jedoch in fünf Monaten ausfallen und konnten nur im Sommer im Freien durchgeführt werden.
Finanziert wird die Sprechstunde hauptsächlich durch die Bezirkskliniken Schwaben als Trägerin der schwäbischen BKH. Das eigenständige Gesundheitsunternehmen des Bezirks hat auch die nicht durch Zuschüsse gedeckten Sachkosten übernommen. Die Personalkosten wurden 2020 wieder vom Bezirk und vom Landkreis Augsburg bezuschusst. An Spenden wurden etwa 1600 Euro eingenommen. Nach dem ersten Lockdown war die Sprechstunde besonders gefragt

Von Georg Schalk


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Veröffentlicht am 20.04.2021 17:05 Uhr