Augsburg    

Ein halbes Jahrtausend: Die Fuggerei feiert Geburtstag

Augsburg - Seit einem halben Jahrtausend bietet die Augsburger Fuggerei nun bedürftigen Menschen für wenig Geld ein Dach über dem Kopf. Um den Geburtstag der weltweit ältesten Sozialsiedlung in diesem Jahr gebührend zu feiern, hat die Fuggersche Stiftung Ausstellungen, Tagungen, Führungen, Workshops und ein großes Familienfest geplant. Unklar ist allerdings noch, inwiefern die Corona-Pandemie die angedachten Aktionen beeinträchtigen wird.


Als Geburtstag der Fuggerei gilt der 23. August 1521. An diesem Tag unterzeichnete Jakob Fugger die Stiftungsurkunde und regelte damit rechtlich, dass in die "Fuckerey", wie sie damals genannt wurde, fleißige, schuldlos verarmte Augsburger katholischen Glaubens aufgenommen werden sollen. Er legte fest, dass die Bewohner für einen Rheinischen Gulden Jahresmiete eine voll ausgestattete Wohnung erhalten sollten, im Gegenzug sollten sie dreimal täglich für die Familie Fugger beten. 1525 verfügte Fugger zudem, dass seine Familie auch in Zukunft für die Finanzierung der Sozialsiedlung sorgen solle.
Das Projekt Fuggerei hatte seinen Ursprung allerdings schon einige Jahre zuvor. Bereits 1514 erwarb Jakob Fugger die ersten vier Häuser in der Jakobervorstadt. 1516 kamen drei weitere Häuser dazu und Fugger schloss mit dem Stadtrat ein Abkommen, in dem der Zweck der Gebäude als künftige Sozialsiedlung festgehalten war. Im selben Jahr wurden auch die ersten beiden Häuser bezogen. 1519 dann waren es bereits 39 Häuser und die Gestaltung der Anlage nahm jene Form an, die bis heute erhalten ist: Eine große Herrengasse und fünf kleinere Nebenstraßen. Über die Jahre und Jahrhunderte entwickelte sich die Fuggerei immer weiter. 1581 etwa wurde eine kleine Kirche gebaut, im 17. Jahrhundert erhielten die Häuser eigene Hausbrunnen, im 19. Jahrhundert kam ein Verwaltungsgebäude dazu.
Es blieb nicht aus, dass immer wieder auch Teile der Siedlung zerstört wurden. 1642, während des Dreißigjährigen Kriegs etwa, fielen 23 Wohnungen den Schweden zum Opfer. Im Zweiten Weltkrieg, bei einem Großangriff vom 25. auf den 26. Februar, wurde die Fuggerei zum Teil zerstört, zum Teil schwer beschädigt. Nur noch wenige Wohnungen waren bewohnbar. Bereits im Juli 1945 begann man jedoch mit dem Wiederaufbau, bei der das historische Erscheinungsbild der Fuggerei erhalten blieb und sogar noch angebaut wurde. 1955 waren die Arbeiten beendet, die Fuggerei noch um ein Drittel gewachsen.
Bis heute leben in der Sozialsiedlung in 142 Wohnungen bedürftige Menschen für eine Jahreskaltmiete von 88 Cent. Und bis heute entscheidet das Fuggersche Familienseniorat, wer eine der Wohnungen erhält. Verwaltet wird die Fuggerei von der Gräflich Fuggerschen Stiftungs-Administration und finanziert vor allem aus dem Stiftungsvermögen. Erst in den vergangenen 15 Jahren kamen zu dem Vermögen, das vor allem aus Immobilien und Forstwirtschaft stammt, Einnahmen aus Eintrittsgeldern zur Besichtigung der Fuggerei hinzu. Rund 200 000 Touristen pro Jahr schauen sich die alte Sozialsiedlung an, die heute auch ein Museum beherbergt, sowie originalgetreue Wohnungen aus dem 17. und 18. Jahrhundert, die Besuchern einen Einblick in die Geschichte der Fuggerei vermitteln.
In allen Generationen der Familie Fugger seien immer wieder neue Wege gesucht und gefunden worden, für die Sicherung der Stiftungen zu sorgen - allen Widrigkeiten der Geschichte zum Trotz, erinnert sich nun anlässlich des 500. Geburtstags der Fuggerei die Vorsitzende des Fuggerschen Familienseniorats Maria-Elisabeth Gräfin Thun-Fugger, die seit 51 Jahren dem Gremium angehört. "So hoffen wir natürlich, dass unsere Jubiläumsfeierlichkeiten ab dem 23. August nicht von der Corona-Pandemie ausgebremst werden."
In der Steintafel über einem Tor der Fuggerei steht geschrieben, dass Jakob Fugger die Fuggerei seinerzeit "in exemplum" gestiftet hat, um so Menschen und Institutionen auf der ganzen Welt die Möglichkeit zu bieten, sich dem Stiftungsgedanken der Fuggerei anzuschließen. "Die Fuggerei ist in ihrer Tradition eine soziale Innovation und hat von Beginn an Maßstäbe gesetzt, die die Kraft hat, die Gesellschaft positiv zu verändern und individuell auf gesellschaftliche Herausforderungen unserer Zeit zu reagieren", erläutert Alexander Graf Fugger-Babenhausen, Mitglied im Fuggerschen Familienseniorat. "Zum Geburtstag im August planen wir einen Ausstellungspavillon, der neue Erkenntnisse über Sozialsiedlungen der Zukunft erlebbar macht und die Idee der Fuggerei zum Impulsgeber für die nächsten 500 Jahre werden lässt."
Neben dem Verständnis für die Leistungen von Stiftungen in Augsburg soll dort eine Debatte über die gesellschaftlichen Herausforderungen unserer Zeit stattfinden und eine Neugierde geschaffen werden, selber zum Stifter zu werden - möglicherweise einer "Fuggerei der Zukunft".
Zum Auftakt ist nun aber erstmal ein neues Standardwerk zur 500-jährigen Geschichte der Fuggerei erschienen. Das Buch berichtet von dieser weltweit einzigartigen Stiftungsgeschichte samt deren Krisen und Umbrüchen, der Familie Fugger als Stifter und von den Geschichten der Bewohner, die in der ältesten Sozialsiedlung der Welt lebten und leben. Die umfassende Darstellung soll erstmals die Bedeutung der Fuggerei für die Gesellschaft aufzeigen, heute und auch für die Zukunft. Voraussichtlich am 22. April soll das Historische Museum in der Mittleren Gasse der Fuggerei eröffnet werden. Ab dem Sommer soll eine App die Besucher durch das ganze Areal der Fuggerei führen. Über das Jahr verteilt sind je nach den aktuellen Corona-Regeln zudem verschiedene Veranstaltungen geplant: vom Fugger Forum, das sich unterhaltsam und kritisch zugleich aktuell relevanten Themen im Kontext des Themas Fugger stellt, über Veranstaltungen zur Stifterkultur in Augsburg sowie Veranstaltungen, die neue Impulse für ein stärkeres Gemeinwohl und soziale Innovationen setzen wollen.
Am 27. August soll das Max-Museum seine Ausstellung zur reichen, historisch gewachsenen Stiftungskultur mit dem Titel "Stiften gehen! Wie man aus Not eine Tugend macht" eröffnen. Am 28. August wird - sofern es Corona zulässt - ein Festakt stattfinden und am Wochenende vom 27. bis 29. August soll es ein Familienfest geben. Am Ende der fünfwöchigen Jubiläumswochen ist von 22. bis 25. September eine medizinhistorische Tagung geplant, die darlegt, welchen Stellenwert Augsburg in der Medizin- und Hygienegeschichte hatte - in einer Zeit, in der die Pest in Europa grassierte - und welche Rolle die Stiftungen der Fugger diesbezüglich spielten. Den Abschluss der Feierlichkeiten bildet von 8. bis 10. Oktober das Festival "Alte Musik Augsburg". Feierlichkeiten sollen im August beginnen

Von Kristin Deibl


Ausführliche Nachrichten aus dem Wittelsbacher Land, aus Bayern und der Welt im E-Paper der Aichacher Zeitung. Hier bestellen.


Veröffentlicht am 28.03.2021 15:49 Uhr