Augsburg    

Ein zweites elektrisches Leben

Gersthofen - Immer mehr Menschen möchten ihren ökologischen Fußabdruck verkleinern und statt eines Autos mit herkömmlichem Verbrennungsmotor lieber mit einem klimaneutralen Fahrzeug unterwegs sein. Um diese Nachfrage künftig bedienen zu können, sei die Bayerische Staatsregierung laut Wirtschaftsminister Hubert Aiwanger bereits seit längerem mit MAN Energy Solutions in Augsburg oder zuletzt auch mit Quantron in Gersthofen in Kontakt.


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Das Quantron "e-Econic" Müllfahrzeug ist bereits seit einigen Wochen auf den Straßen unterwegs. Mehrere über Wochen dauernde Tests im täglichen Einsatz in unterschiedlichen Städten seien Quantron zufolge bereits erfolgreich verlaufen. Fotos: Quantron AG


"Ich bin überzeugt, dass Augsburg Wasserstoffregion werden wird", sagt der Wirtschaftsminister und ergänzt: "Ich glaube, wir haben damit aufs richtige Pferd gesetzt und können damit die Produkte der Zukunft in Augsburg produzieren, die am Weltmarkt gefragt sein werden."
Die Quantron AG will nach eigenen Angaben "Nutzfahrzeugen ein zweites umweltfreundliches Leben schenken". Die Firma elektrifiziert gebrauchte Fahrzeuge, stattet diese also mit einem Elektroantrieb aus. Zum Spektrum des Unternehmens gehören etwa Busse, Geräteträger, Einsatzfahrzeuge für Kommunen, aber auch große Sattelzugmaschinen, also die komplette Bandbreite der Nutzfahrzeuge zwischen 3,5 und 44 Tonnen. Seit Juli 2019 gibt es die Firma Quantron.
Sie ging aus einer Projektgruppe des Gersthofer Unternehmens Haller hervor, das 1882 als Pferdekutschenbetrieb gegründet wurde und bis heute Nutzfahrzeuge vertreibt und repariert. Aktuell ist Quantron noch mit in den Räumen von Haller untergebracht, in Gersthofen entsteht jedoch zur Zeit ein 3000 Quadratmeter großer Neubau. Rund 200 Mitarbeiter sollen in der neuen Firmenzentrale arbeiten, die neben Produktionshallen und Werkstätten auch ein Ausbildungszentrum beherbergen soll. Bis zu 500 Fahrzeugumrüstungen pro Jahr sollen dort stattfinden können.
Die Firma sieht sich ausdrücklich nicht als Hersteller. "Wir bedienen uns vom Markt", erklärt Marketingchef Serhat Yilmaz. Will beispielsweise eine Kommune einen Müllwagen elektrifizieren, wird bei Quantron zunächst der Antriebsstrang entnommen. Die gebrauchten Teile wie Motor, Getriebe, Abgasanlage und Kraftstofftank gehen zurück an den Hersteller, um dort als Ersatzteile weiter genutzt werden zu können. Im Anschluss wird der Wagen nach den Wünschen der Kommune neu aufbereitet. Schließlich wird das gesamte Elektro-System eingebaut. Die Größe der Batterien und der Elektromotor sollen dabei an die künftigen Anforderungen an den Wagen angepasst werden. Über welche Leistung und Reichweite ein Fahrzeug verfügen soll, werde deshalb immer vorab mit dem Kunden im Detail analysiert und ein Einsatzprofil erstellt. Quantron übernimmt auch die Schulung der Fahrer im Umgang mit dem E-Fahrzeug und Service- und Wartungsarbeiten.
Für Yilmaz hat die Idee von Quantron Zukunft. "Der Markt ist reif dafür", ist er überzeugt. Nicht zuletzt weil das allgemeine Umweltbewusstsein zunehme und weil gerade die Kommunen unter Druck stünden, ihre CO2-Emissionen zu reduzieren. Quantron will sich künftig breit aufstellen. Fahrzeuge sollen für den innerstädtischen Verkehr, bis 200 Kilometer Reichweite, vollelektrisch umgebaut werden. Für größere Reichweiten will das Unternehmen schon bald auch auf Fahrzeuge mit Wasserstoff-Antrieb setzen. Dabei handelt es sich ebenfalls um Elektro-Fahrzeuge, die ihren Strom aus einer chemischen Reaktion von Wasserstoff und Sauerstoff in der sogenannten Brennstoffzelle beziehen. Quantron beschäftige sich bereits seit seiner Gründung mit dem Thema Wasserstoff-Antrieb. Gemeinsam mit dem Technologieunternehmen Freudenberg, das die Brennstoffzellen liefert, arbeitet das Unternehmen nun daran, einen 44-Tonnen-Brennstoffzellen-Lastwagen zu produzieren. Dafür bekommen die beiden Firmen nun auch eine Förderung vom Freistaat. Das Bayerische Wirtschaftsministerium will im Rahmen seiner Hightech-Agenda rund 100 Millionen Euro in den Wirtschaftsraum Augsburg investieren. Ein besonderer Fokus soll dabei auf der Förderung im Bereich Wasserstoff liegen. Wie Wirtschaftsminister Hubert Aiwanger kürzlich bekannt gab, sollen Quantron und Freudenberg 3,9 Millionen Euro für die Erforschung und Erprobung des Brennstoffzellensystems erhalten.
Elektrofahrzeuge werden jedoch nicht von allen positiv gesehen. Ein großer Kritikpunkt an den E-Fahrzeugen sind die Kosten. "Das stimmt", räumt Yilmaz ein. Eine Kommune bezahle für ein E-Nutzfahrzeug etwa fünfmal so viel wie für eines mit Verbrennungsmotor. Allerdings seien rund 70 Prozent der Kosten förderfähig. Für die Kommune komme es also "am Ende aufs Gleiche raus", so Yilmaz. Und auch wenn die Fahrzeuge in der Anschaffung teurer seien, die Folgekosten seien dafür geringer. "Es ist kein Ölwechsel nötig und weniger Wartung. Dem E-Fahrzeug macht Stop-and-Go-Verkehr nichts aus." Weitere Argumente der Kritiker beziehen sich auf die Batterien der Elektrogefährte: Die Herstellung der Batterien wirkt sich negativ auf die Ökobilanz der Fahrzeuge aus, wird häufig bemängelt. Yilmaz zufolge versuche man, das dadurch auszugleichen, dass Quantron dafür keine neuen Fahrzeuge produziert, sondern gebrauchte umrüstet. Die Batterien, die nach einer Lebensdauer von fünf bis sechs Jahren nicht mehr für den Antrieb der Fahrzeuge verwendet werden können, sollen dann anderweitig eingesetzt werden, etwa in Verbindung mit Photovoltaik als Energiespeicher oder zum Laden von E-Fahrzeugen.
Quantron wolle seinen Beitrag leisten für die Bevölkerung, sagt Yilmaz. Gemeinsam mit dem Schauspieler und Umweltaktivisten Hannes Jaenicke hat das Unternehmen ein Umweltprojekt ins Leben gerufen, in dessen Rahmen bis zum Ende des Jahres 100 Bäume gepflanzt werden sollen. Pro verkauftem Fahrzeug komme ein weiterer Baum hinzu. So funktioniert der Umbau Umgebaute Fahrzeuge haben bis zu 200 Kilometer Reichweite

Von Kristin Deibl


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Serhat Yilmaz ist Marketingchef bei Quantron.



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Veröffentlicht am 15.11.2020 17:26 Uhr