Augsburg    

Ein zweites Leben für Rotorblätter

Im Siebentischwald von Augsburg wird nun ein Konzept erprobt, bei dem Carbonstäbe aus ausgedienten Rotorblättern von Windkraftanlagen weiterverwendet werden. Durch das stabile Material sollen abgestorbene Bäume, die ohne Unterstützung nicht mehr standfest sind, eine zweite Chance bekommen. Denn die toten Bäume stellen einen wichtigen Lebensraum dar und haben eine große Bedeutung für die Artenvielfalt im Siebentischwald.


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Gurte übertragen die Kräfte vom Baum auf das Exoskelett.


Zahlreiche Organismen haben sich an diesen Lebensraum angepasst. Viele Pilz- und Käferarten leben von totem Holz, und auch viele weitere Tier- und Pflanzenarten sind auf Holz in verschiedenen Zerfalls- und Zersetzungsphasen angewiesen. Dazu zählen die meisten Wespen- und Bienenarten. Obwohl tote Bäume also ein wertvollen Beitrag zur Artenvielfalt leisten, führen rechtliche Vorgaben oft dazu, dass Kommunen abgestorbene Bäume frühzeitig entfernen müssen, um die Verkehrssicherheit zu gewährleisten.
Durch die Maßnahme im Siebentischwald zeichne sich nun eine Möglichkeiten ab, dieser Pflicht gerecht zu werden und gleichzeitig die Bäume für die Umwelt zu erhalten, so die Initiatoren.
Die Idee für das Projekt hatten Franz Weißgerber, Geschäftsführer der Firma III-Carbon, und Michael Heine vom Lehrstuhl "Materials Engineering" der Universität Augsburg. Sie stellten es der Stadt Augsburg vor und Umweltreferent Reiner Erben bot schließlich mehrere Bäume in Siebentischwald an, an denen die Experten im Bereich Carbonfasern und Verbundstoffe ihre ersten Exoskelette aus ehemaligen Windrad-Rotoren anbringen dürfen. Am Donnerstag konnten die Wissenschaftler den ersten so gestützten Baum präsentieren.
Das Material sei besonders stabil, langlebig und widerstandsfähig gegen Korrosion und Umwelteinflüsse, und für die Abstützung von Bäumen auch deshalb ideal geeignet, weil das Exoskelett relativ unscheinbar ist und sich nach einiger Zeit eine dem Baum ähnliche Witterungsschicht aus Moosen und Flechten auf den Stützen bilden soll, ohne das Material zu zersetzen. Carbon besteht aus Kohlenstoff-Fasern, die durch hochwertige Polymere fixiert werden und ist laut Heine bei gleicher Festigkeit bis zu 80 Prozent leichter als Stahl. Es sei außerdem um ein Vielfaches belastbarer als etwa Aluminium.
Bei dem nun gestützten Baum handelt es sich um den abgestorbenen Torso einer Buche, der rund 7,5 Meter hoch ist und rund drei Tonnen wiegt. Der Stamm steht seit vielen Jahren auf einer Wiese in der Nähe des Botanischen Gartens. Ohne das Exoskelett hätte der Baum wohl gefällt werden müssen, denn die Standsicherheit war nicht mehr gewährleistet.
Zur Vorbereitung des Projekts erstellte ein Sachverständiger vorerst eine Abschätzung der Spitzenlasten, die bei starkem Wind auf den Baum einwirken. Professor Tobias Dickhut von der Universität der Bundeswehr München gestaltete daraufhin die Konstruktion, um den Baum sicher abzustützen. Vor Ort wurde zunächst ein ein zwei Meter tiefes Bohrloch direkt neben dem Stamm hergestellt, in das zur Befestigung der Carbon-Stütze schließlich natürlicher Mineralbeton eingebracht wurde. Als letzter Schritt wurde der Stamm mit Gurtbändern mit dem Exoskelett verbunden. Über die Gurte sollen nun bei Sturm die Kräfte des Baumes auf das Exoskelett übertragen werden.
Heine und Weißgerber wollen nun auch die Wirtschaftlichkeit weiterer Möglichkeiten zur Weiterverwendung von Carbonfasern untersuchen, deren Nutzungsdauer in ihrem ursprünglichen Anwendungsbereich abgelaufen ist.
Denn die Fasern finden im Verbund mit Kunststoffen, Keramiken und Beton zunehmend Bedeutung bei Fahrzeugen, Flugzeugen, im Maschinenbau, im Brückenbau, in der Architektur von Gebäuden und bei der Windenergie. Besonders die Auflagen zum Rückbau von Windrädern machten es notwendig, die hier verbauten, großen Mengen an Material sinnvoll weiter zu verwenden. Wertvolle Lebensräume für das Ökosystem erhalten

Von Laura Türk


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Im Stadtwald wurde der erste Baum abgestützt. Foto: Michael Heine



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Veröffentlicht am 30.07.2020 23:00 Uhr



 
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