Augsburg    

Anwohner fürchten Gift in der Nachbarschaft

Augsburg - Häuser mit Garten, viel Grün, eine Kleingartenanlage, ein Kindergarten - so sieht es in der Schönbachstraße im Norden von Oberhausen aus. Es ist eigentlich eine ruhige Wohngegend, doch zur Zeit sind viele Anwohner in Aufruhr. Denn die Stadt hat beschlossen, dass am Ende der Straße ein Zwischenlager für städtischen Bodenaushub entstehen soll. Während die Stadt betont, dass von dem Lager keine Gefahr ausgehen soll, fürchten die Anwohner unter anderem, dass das gelagerte Material gesundheitsgefährdend sein könnte.


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Lager für Erde: Auf dieser Fläche an der Schönbachstraße will die Stadt künftig Bodenaushub von Baumaßnahmen zwischenlagern. Foto: Kristin Deibl


"Das hier war mal eine Grünfläche", sagt ein Mann und blickt ein wenig wehmütig auf das Grundstück, auf dem schon bald der Bodenaushub untergebracht werden soll. "Jetzt ist alles zubetoniert und schon bald soll hier Dreck gelagert werden. Das ärgert uns alle maßlos." Eine Nachbarin habe bereits Unterschriften gesammelt.
Weitere Anwohner zeigen sich ebenfalls besorgt und verärgert. 2016 sei die Fläche schon einmal als Zwischenlager genutzt worden, erzählt eine Frau. Die Lastwagen, die damals den Erdaushub gebracht hätten, hätten danach erstmal gereinigt werden müssen. "Da sieht man doch schon, wie giftig das Material ist", befürchten die Anwohnerin und ihr Mann. Die Siedlungsgenossenschaft hat sich mit ihren Bedenken an das Tiefbauamt gewandt und auch eine Antwort erhalten. Die Bedenken der Anwohner seien nachvollziehbar, heißt es in dem Schreiben, "jedoch können wir Sie hierzu beruhigen. Es geht zu keiner Zeit eine Gefahr für die in der Nähe lebenden Menschen und Tiere aus. Auf der zukünftig vollständig befestigten Fläche wird nur ungefährlicher Aushub aus städtischen Baumaßnahmen des Tiefbauamtes beziehungsweise weiteren städtischen Baumaßnahmen anderer Ämter zeitlich begrenzt zwischengelagert." In einer Pressemitteilung der Stadt allerdings findet sich eine Einschränkung. Dort heißt es: Bei den zwischengelagerten Materialien handle es sich "nahezu ausschließlich" um nicht gefährlichen Aushub, der bereits jetzt im Stadtgebiet verbaut sei.
Die Sorgen der Anwohnerin haben die Mitteilungen der Stadt nur noch vergrößert: Wenn dort jedes städtische Amt einfach alles lagern dürfe, wisse man gar nicht, was dort gerade liegt.
Generell kritisiert die Frau die mangelnde Informationsbereitschaft seitens der Stadt. "Wir haben aus dem Amtsblatt von dem Zwischenlager erfahren", berichtet sie. Anna Tabak, die für die Partei WSA als Oberbürgermeisterkandidatin antritt, schlägt in dieselbe Kerbe. "Niemand aus der Nachbarschaft wusste Bescheid. Man versuchte es mal wieder in einer Sammelabstimmung durchzuwinken - was ja mittlerweile der Usus bei der Stadtregierung ist", klagt sie an. "Die vielfach von der Rathaus-Koalition versprochene Bürgerbeteiligung sieht anders aus - da kann auch plakatives Grillen an schönen Plätzen nicht darüber hinwegtäuschen", teilt sie noch gegen CSU-Oberbürgermeisterkandidatin Eva Weber aus, die jüngst mit ihrer "Grill die Weber"-Kampagne in den Wahlkampf gestartet war (wir berichteten).
In Bezug auf das geplante Zwischenlager kritisiert Tabak konkret: Diese Fläche befinde sich direkt neben einem Biotop, einer Wohnanlage und einem Kindergarten und "entgegen den Behauptungen der Regierung sind mögliche Gesundheitsschäden nicht gänzlich auszuschließen." Baureferent Gerd Merkle weist diese Aussage als "falsche Tatsachenbehauptung und Irreführung der Bevölkerung" zurück. Bei einem Gesamtdurchsatz von rund 50 000 Tonnen Bodenaushub jährlich liege der Anteil, der als gefährlicher Abfall eingestuft wird, bei etwa zwei Prozent, so Merkle weiter. Bei den Schadstoffbelastungen im Aushub handle es sich meist um "Polycyclische Aromatische Kohlenwasserstoffe" sowie Schwermetallverunreinigungen. Weil die Konzentrationen in aller Regel die Grenze für gefährliche Abfälle unterschreite, sei auch eine Abdeckung oder Einhausung des Materials nicht erforderlich. "Dass die Allgemeinheit das Gelände nicht betreten kann, ist allein der Verkehrssicherheit eines Lagerplatzes geschuldet. Emissionen spielen dabei keine Rolle", versichert Merkle.
Bislang wurde Aushubmaterial auf die Deponie Nord gefahren und von dort entsprechend seiner Einstufung zu den jeweiligen Endlagerstätten gebracht. Aus Platzgründen stünden jedoch ab Mitte 2020 keine Flächen mehr auf der Deponie Nord zur Verfügung. Der Stadtrat habe deshalb im Juni beschlossen, dass auf dem Areal in der Schönbachstraße eine 8250 Quadratmeter große Ersatzfläche geschaffen werden soll. Dabei handle es sich nicht um eine Deponie, sondern um eine Zwischenlagerfläche, auf der das Material wenige Wochen gelagert, beprobt und weiter transportiert werde. Aus einer Reihe von Gründen sei das Areal in der Schönbachstraße als Zwischenlagerfläche gut geeignet. Nicht nur, dass sich in unmittelbarer Nähe ein Bauhof des Tiefbauamtes mit bestehender Infrastruktur befinde, auch die Zufahrt könne abseits von Wohngebieten erfolgen. Ein naher Verkehrsanschluss an die B 17 und A 8 sei gegeben. Vor allem aber sei ein Großteil der Gesamtfläche bereits asphaltiert, so dass keine weiteren Bodenversiegelungen erforderlich seien. Für die als Zwischenlager genutzte Fläche wurde zum Ausgleich eine südlich des Bauhofs liegende Fläche abgetreten. Damit sei ein durchgängiger Grüngürtel zwischen Lech und dem Biotop westlich der Zwischenlagerfläche vorhanden. Um die Anwohner vor Lärm zu schützen, soll zum Wohngebiet hin eine 4,8 Meter hohe Wand errichtet werden. Zudem will man die Betriebszeiten auf Werktage von 7 bis 16 Uhr beschränken.
Für die Anwohner ein schwacher Trost. Eine Mauer helfe auch nicht viel, wenn dort etwas Gesundheitsgefährdendes liege, sagt die Anwohnerin.
Zu den Vorwürfen, die Stadt habe die Bürger nicht informiert, nimmt Merkle ebenfalls Stellung. Das Vorhaben sei schon länger geplant gewesen. Bereits im Dezember 2016 habe die Stadt über die künftige Verwendung des asphaltierten Grundstücks in der Schönbachstraße informiert. Auch aktuell habe das Tiefbauamt der Stadt frühzeitig Kontakt mit der Siedlergemeinschaft "Marie-Juchacz-Siedlung" aufgenommen. Darüber hinaus seien alle Unterlagen während der Einspruchsfrist öffentlich ausgelegt und auf der Homepage der Stadt Augsburg veröffentlicht worden. Im Rahmen der formellen Auslegung seien keine Einwände eingegangen.
Doch Einwände sind da. "Ich würde am liebsten wegziehen", sagt der Mann der Anwohnerin. "Aber meine Frau will nicht." Seine Frau will lieber den Kampf aufnehmen, wie andere Bürger auch. Es sollen weiterhin Unterschriften gegen das Zwischenlager gesammelt werden. Für die kommende Woche hat die WSA zu einer Bürgerinformationsveranstaltung eingeladen, in der die Menschen aus der Siedlung "endlich über das Vorhaben ordentlich aufgeklärt werden" sollen. Das Material sei "nahezu ausschließlich" nicht gefährlich

Von Kristin Deibl


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Veröffentlicht am 18.09.2019 09:13 Uhr




 

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