Augsburg    

Barfuß über den Meraner Höhenweg

Schwabmünchen - Rainer Graf, 52 Jahre alt aus Schwabmünchen, läuft seit Jahren nur noch barfuß. 2014 hat er es geschafft, 60 Kilo abzunehmen und sieht seitdem jeden Tag als Geschenk. Er versucht, so nachhaltig wie nur möglich zu leben und möchte etwas Gutes tun. Bei einem Besuch auf dem Markt in Bad Grönenbach fällt ihm ein Gebäude auf, das er zu Hause erstmal googelt. Es handelt sich um das Kinderhospiz St. Nikolaus - und schon ist eine Idee entstanden.


Auf die Frage, wie denn alles angefangen hat, kann Rainer Graf nur lachen: "Wenn ich da alles erzählen würde, säßen wir morgen noch hier." 2014 gab es einen großen Umbruch in seinem Leben, als er es endlich schaffte, 60 Kilo abzunehmen. Dies war wie ein Geschenk für ihn, denn vor allem die Vorstellung, vielleicht nie mit seinem Enkel spielen zu können, machte ihm Angst. Seitdem dankt er dem Universum jeden Tag für diese Chance und es war klar für ihn, dass er dieses Geschenk nicht so leicht annehmen könnte, er müsste irgendetwas tun.
Bei einem Besuch auf dem Markt in Bad Grönenbach fiel ihm ein Gebäude ins Auge, das ihn fesselte. "Warum, ist mir heute noch nicht klar, aber ich musste wissen, was das ist." Hierbei handelte es sich um das Kinderhospiz St. Nikolaus, eine Herberge für Familien mit unheilbar und lebensverkürzend erkrankten Kindern, die hier seit 2007 herkommen können, um eine Auszeit zu genießen. Das Hospiz begleitet die gesamte Familie bereits ab Diagnosestellung, während der gesamten Krankheitsphase und über den Tod hinaus. Der ambulante Kinder- und Jugendhospizdienst Allgäu betreut zusätzlich die Familien in ihrem häuslichen Umfeld mit ausgebildeten Ehrenamtlichen. In Deutschland gibt es keine kostendeckende Finanzierung für Kinderhospize, deshalb finanziert sich das Hospiz durch Spenden und Erträge.
Doch die Idee, einfach Geld zu sammeln und dorthin zu spenden gefiel Rainer Graf nicht, da so eine Aktion schnell wieder in Vergessenheit gerät. Er wollte etwas machen, das noch lange nachhallt. Barfußgehen ist seit circa zwei Jahren immer mehr im Trend und das wollte er sich zunutze machen. Den Meraner Höhenweg ist er 2017 schon gelaufen und so entstand aus einer fixen Idee nach und nach ein Plan: er würde den Weg noch einmal laufen, nur dieses Mal barfuß! Ein Freund von ihm entwickelte das Logo und er selbst die Homepage, doch kurz vor der Veröffentlichung zögerte er. Da er die Tour kannte, wusste er auch, dass es heikle Stellen gab. Als er seine Frau um Rat bat, sagte diese nur: "Du machst es ja doch, also warum nicht jetzt?" Und schon war die Homepage und somit der Termin im Netz.
Bis zwei Wochen vor der Tour hatte er gar keine Zeit, so richtig darüber nachzudenken, da es etliches zu tun gab. Als es dann ans Packen und genauer Planen ging, wurde ihm immer mulmiger zu Mute. Das Vorhaben war rund um die Uhr in seinem Kopf. Doch er wusste jeden Tag, dass es das wert war, denn die Aktion hatte schon im Vorfeld viel bewegt. Freunde von ihm spendeten, Firmen schrieben ihm, dass sie bereits gespendet hatten und ein Kumpel, der ein paar Tage zuvor in Meran war, hatte ihm schon ein Zimmer in einer Hütte für den geplanten Tag gebucht. "Das war wirklich unglaublich!", meint Rainer Graf.
Doch als er dann am besagten Tag am Parkplatz der Bergbahn ankam, wurde ihm richtig schlecht. "Dieses Gefühl glich einer Prüfungsangst und hielt bis zum Abend an. Doch dann passierten schon die ersten guten Dinge." Auf der Hütte lernten sie - ein Freund war als Kameramann mit dabei - einen Schweizer kennen, der, nachdem er von dem Vorhaben erfahren hatte, einfach 50 Euro aus seiner Tasche zog und auf den Tisch legte, um die Tour zu unterstützen. Und dann ging es los. Immer dabei: Die Fahne mit dem Logo auf seinem Rucksack und das Maskottchen des Kinderhospizes, die Kuh Liesl.
Das Barfußlaufen hat viele Nachteile, die offensichtlich sind: spitze oder scharfe Steine und Unebenheiten. Hier war sein Wanderstab, den er sich auf dem Weg 2017 aus einem Haselnussstrauch rausgeschnitten hatte, gold wert. Außerdem sieht man nicht viel von der Umgebung, außer man bleibt explizit stehen. Doch es hat auch einige Vorteile, die Rainer Graf vorher gar nicht bewusst waren: Man muss zwar auf jeden Schritt achten, merkt, wie oft man sich täuschen kann und läuft teilweise wie ein Storch. Mental ist es anstrengend und die Füße sind auch kaputt, aber der Rest vom Körper bleibt viel fitter als beim Wandern mit Schuhen. Außerdem rutscht man barfuß bei Weitem nicht so schnell ab.
Rainer Graf hatte sich zu Hause extra eine Art Schneeschuh aus einer Gitterbox und Leder gebastelt, den er sich zur Not mit Panzertape um den Fuß gewickelt hätte. Doch das Schicksal meinte es gut mit ihm und der Schnee war schon leicht angetaut, wodurch er barfuß einen sehr guten Halt hatte.
Doch all die Mühe und die Schmerzen waren es wert, wenn er an die vielen positiven Begegnungen denkt, die er auf seiner Tour gemacht hat. Als er etwa auf einer Hütte einer Familie seine Geschichte erzählte, musste er kurz unterbrechen und sich abwenden, da ihm die Tränen schon in den Augen standen. Als er sich wieder gefangen hatte und sich seinen Zuhörern zuwendete, schaute er in lauter weinende Gesichter: "Zu sehen, wie man andere Menschen mit seiner Geschichte berührt, ist ein unbeschreibliches Gefühl!"
Rainer Graf war es sehr wichtig, strikt zu trennen, was die Leute ihm für seine Tour und was für das Hospiz gegeben hatten. Was er für das Hospiz bekam, überwies er zu Hause sofort. Seine Tourkosten sind vollkommen gedeckt worden und soweit er weiß, hat das Hospiz auch schon gute Spenden erhalten.
Am letzten Tag hatten weder seine Füße noch sein Kopf Lust, sich auf den Weg zu machen. Als er sich endlich überreden konnte, loszulaufen, versuchte er, den Abschnitt möglichst entspannt zu halten. An einem Gatter kurz vorm Ende wartete sein Freund schon auf ihn, der nicht ganz mitlaufen konnte, da er Hüftprobleme bekommen hatte. Dieser hatte dort das Logo des Barfußherzen mit Sägespänen auf den Boden gemalt. Das war der Moment, in dem es Rainer Graf plötzlich bewusst wurde: "Die sieben Tage waren vorbei. Ich hatte es tatsächlich geschafft! Bis zum heutigen Tag habe ich das noch nicht richtig realisiert." Graf wollte etwas machen, das noch lange nachhallt

Von Jana Häring


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Veröffentlicht am 18.09.2019 09:13 Uhr




 

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