Augsburg    

Quo vadis, Augusta Vindelicorum?

Augsburg - Ritterspiele hier, historisches Marktfest dort: Als Augsburg 1985 sein 2000-jähriges Bestehen feierte, war es noch etwas Besonderes, ja fast schon nie Dagewesenes, dass sich Bürger Kleider nach historischer Vorlage nähten und dann in der wunderschönen Kulisse der geschichtsträchtigen Stadt feierten. Danach wusste jedes Schulkind: "Augschburg" wurde einst als Augusta Vindelicorum von den Römern gegründet. Inzwischen gibt es Feste, deren Ambiente sich ans Mittelalter anlehnt, in vielen Städten und auch kleineren Orten, man denke nur an Inchenhofen oder Pöttmes. In Augsburg jedoch sieht es damit mittlerweile mau aus.

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2017 schlugen die Ritter zuletzt am Roten Tor ihr Lager auf. Im vergangenen Jahr gab es kein historisches Bürgerfest, und auch heuer wird es nichts damit. Schuld daran sind hauptsächlich die Finanzen. Denn die Feste arbeiten nicht kostendeckend. Und auch der Arbeitsaufwand dank steigender Auflagen und Sicherheitsvorschriften spielt eine Rolle.
Die Interessengemeinschaft (IG) Historisches Augsburg und der Stadtmauerverein, der Mitglied in der IG ist, hatten sich zuletzt als Veranstalter des historischen Bürgerfests abgewechselt. 2008 hatten Stadt und IG vereinbart, dass die IG sich künftig um die Feste kümmern sollte - natürlich unterstützt von der Kommune. Doch die stößt nun offenbar an ihre Grenzen, was die finanziellen Zuschüsse betrifft.
Vor fünf Jahren trieb das Defizit nach dem Wertachbrucker- Tor-Fest - 40 000 Euro - die IG an den Rand der Insolvenz. Die Stadt sprang ein. Beim Bürgerfest 2017 lagen die Ausgaben bei einer Viertelmillion Euro, zehn Prozent kamen von der Stadt. Zumal das Wetter immer ein unkalkulierbares Risiko darstellt, geht die Rechnung also nicht auf. Ganz zu schweigen von dem immer anspruchsvolleren, personellen Einsatz, der schon im Vorfeld zu leisten ist.
Die IG, die den Dachverband für ein gutes Dutzend Vereine bildet, hat sich im vergangenen Jahr neu formiert. Der Vorstand besteht aus Ramona Borowitzki, Johannes Aumiller und Anton Nowak. Alle drei arbeiten ehrenamtlich. Für ein Fest am Roten Tor 2019 reichte ihnen die Vorbereitungszeit nicht mehr aus. Alternativ dachte man zwischenzeitlich an ein kleineres Fest im Wittelsbacher Park. Das scheiterte aus mehreren Gründen, aber auch, weil die Stadt Bedenken hegte: Das Modular Festival wurde nach Anliegerbeschwerden von dort weg verlegt, wie könnte man dann ein anderes Fest an gleicher Stelle aufziehen?
Zuletzt entschieden die Mitglieder der IG, diese werde künftig gar nicht mehr als Veranstalter auftreten, sondern als das, was sie laut Satzung ist: Das Sprachrohr zwischen den historischen Vereinen und der Stadt sowie ein Organisator.
In Aichach finden alle drei Jahre die Mittelalterlichen Markttage statt. Als Veranstalterin agiert die Stadt, das Infobüro organisiert auch den Ablauf, an dem viele Vereine mitwirken. So wird es auch in Augsburgs Nachbarstadt gehandhabt, wo heuer im Juli wieder unter dem Motto Friedberger Zeit gefeiert wird. Dafür stehen 330 000 Euro im Haushalt. In Friedberg wie auch Aichach ziehen die historischen Feste viele Besucher magnetisch an. Doch auch genug? 2013 kamen 180 000, frei Jahre später, 2016, zählte man an den zehn Festtagen in der Herzogstadt 20 000 weniger. Und blickte auf ein Defizit, das auf rund 320 000 Euro gestiegen war.
Die Entscheidung der IG in Augsburg, sich quasi aus dem Feuer zu nehmen, ruft nun die Politik auf den Plan. "Was lange währt, wird niemals gut: So könnte man die seit Jahren andauernden Gespräche des Ordnungsreferenten mit der IG Historisches Augsburg betiteln" ätzt die CSU-Stadtratsfraktion in einer Mitteilung an die Presse. Trotz Referatszuständigkeit und Sensibilisierung für die schwierige Situation der IG seien die Versuche, der Dachorganisation bei ihrer Neuaufstellung zu helfen, gescheitert. Es sei keine erfolgversprechende Handreichung durch das Ordnungsreferat erfolgt, wird Referent Dirk Wurm, der OB-Kandidat der SPD ist, persönlich kritisiert. Diesem "für alle Seiten unzufrieden stellenden Agieren" solle nun ein Neuanfang unter inhaltlicher Federführung des Kulturreferats folgen, fordert die CSU einen Wechsel der Zuständigkeit und hat einen entsprechenden Stadtrats-Antrag gestellt. Fraktionsvorsitzender Bernd Kränzle möchte zudem, dass die Verwaltung die IG in die Lage setzt, ein zukunftsfähiges Konzept für die kommenden zehn Jahre zu erarbeiten.
Und wie könnte der Neuanfang aussehen? Der kulturpolitische Sprecher der CSU im Stadtrat, Andreas Jäckel, stellt sich vor, es könnte ab 2021 "ein neuer Festzyklus im Kontext von kulturhistorisch bedeutenden Daten der Augsburger Geschichte aufgesetzt werden".
2021 feiern die Fugger'schen Stiftungen 500-jähriges Bestehen. Die Stiftungs-Administration bereitet ein umfassendes Programm vor, das in Abstimmung mit dem Kultur- und OB-Referat auch die Einbindung der IG Historisches Augsburg vorsieht. "Zum Beispiel könnte rund um die Fuggerei bis zu den Wallanlagen am Roten Tor ein neues Stadtviertelfest initiiert werden", überlegt Kulturausschussmitglied Benedikt Lika. Bei der Konzeption könne die städtische Tochtergesellschaft Augsburg Marketing helfen, die durch die Ausrichtung der Sommernächte Erfahrung in der Veranstaltungsorganisation habe.
Entsprechende Gespräche hat das Kulturreferat unter Thomas Weitzel bereits initiiert. Bis dahin solle dem Verein, unabhängig von der Ausrichtung eines Fests, finanziell die Möglichkeit zum Fortbestand ermöglicht werden. Finanzreferentin Eva Weber habe dafür ein offenes Ohr, verspricht Fraktionsvorsitzender Kränzle.

Von Monika Grunert Glas


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Veröffentlicht am 14.06.2019 23:00 Uhr




 

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