Augsburg    

Höchstens ein laues Lüftchen

Augsburg - Globale Tiefdruckgebiete? Andreas Kopton, Präsident der Industrie- und Handelskammer für Schwaben (IHK), sieht die Auswirkung auf regionale Unternehmen entspannt. Er sei, sagt er, an der Nordsee aufgewachsen. Rauer Wind? "Das ist, wenn der Regen horizontal kommt." Und das Phänomen kenne man in Schwaben nicht. Maximal ein "laues Lüftchen" wehe hier. Neun Jahre lang ging es mit der Konjunktur bergauf. Aktuell gibt es noch immer ein Wachstum, es ist nur geringer als 2018. Dreimal im Jahr erforscht die IHK die Gemütslage der Unternehmen und stellt das Ergebnis anschließend vor. Gestern wurde der Frühjahrsbericht veröffentlicht.


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"Konjunktur stirbt nicht, sie wird umgebracht", ist Andreas Kopton überzeugt. Und was tötet sie? Was steuert die Konjunktur? "50 Prozent ist Psychologie", sagt der IHK-Chef. Nicht zuletzt deshalb gibt er sich stets optimistisch. Die Konjunktur stürze derzeit nicht etwa ab, sie gehe nur etwas gemächlicher voran. Kein Wunder, sie sei ja auch schon neun Jahre alt. Christine Neumann, IHK-Expertin für Wirtschaftsforschung, erklärt, normalerweise falle die Konjunkturumfrage im Frühjahr positiver aus als im Herbst: "Die Frühlingsgefühle bleiben heuer aus."
Für die Bewertung der Lage hat die IHK ein Punktesystem. Der Konjunkturindex liegt aktuell bei 128 Punkten, wie zuletzt 2016. Manche Unternehmen, vor allem aus der Baubranche, haben zwar weniger Auftragszuwachs zu verzeichnen, zehren aber gut vom Überhang der vergangenen Jahre, den sie nun erst einmal abarbeiten.
Auch unternehmensnahe Dienstleister haben laut Kopton keine Klagen, im Gegenteil habe die Umfrage ergeben, dass man verstärkt plane. Der private Konsum sei nach wie vor hoch, wovon in erster Linie der Einzelhandel profitiere, dessen Umsätze gesteigert worden seien. Als "Klagen" möchte Kopton auch nicht das Feedback der Industrie bezeichnen, dieses zeige lediglich ein rückläufiges Auftragsvolumen. "Unsere derzeitige Geschäftslage ist gut", sagen 55 Prozent der Betriebe in der Industrie, 86 Prozent derer der Bauwirtschaft, 50 Prozent der Einzelhändler, 53 Prozent des Großhandels, die Hälfte der Transportgewerbe, 73 Prozent der Dienstleister für Unternehmen und 45 Prozent der Firmen in der Touristikbranche. Gefragt nach den Erwartungen, sagen die 1005 Firmen, die an der Umfrage teilgenommen haben, überwiegend - zu 59 (Großhandel) bis 80 Prozent (Bauwirtschaft) -, es werde sich nichts verändern.
Fachkräftemangel ist noch immer das größte Risiko für eine gute wirtschaftliche Entwicklung, gefolgt von wirtschaftspolitischen Rahmenbedingungen und Arbeitskosten, der Inlandsnachfrage und Energie- sowie Rohstoffpreisen.
Entsprechend den Herausforderungen hat sich die IHK in Zusammenarbeit mit den Unternehmen "Fokusthemen" für die nächsten vier bis fünf Jahre erkoren, denen man sich unter dem Stichwort "FIDEM" verstärkt widmen möchte. Diese sind Fachkräftesicherung, Internationalisierung, Digitalisierung, Energie und Mobilität. Jedes Präsidiumsmitglied suchte sich einen Schwerpunkt. Reinhold Braun (Sortimo International GmbH) kümmert sich um die Fachkräftesicherung sowie Energie, Gerhard Pfeifer (Pfeifer Holding GmbH & Co. KG, Memmingen) um Internationalisierung, Josef Brandner (Brandner Bus Schwaben) um Mobilität und Andreas Kopton (HPC AG) um Digitalisierung. Gerhard Pfeifer etwa prangert den Regulierungsalltag an: "Die Mitarbeiter eines Unternehmens leben vom Export und der Wettbewerbsfähigkeit." Diese würden vernichtet, wenn man als Unternehmer "ständig das Gesetzbuch unterm Arm" trage.
"Passende Mitarbeiter zu finden, ist für die schwäbische Wirtschaft ein großes Problem", gibt Präsident Kopton zu. Man müsse sich fragen, wie attraktiv der Standort Deutschland für Fachkräfte sei, auch mit Blick auf Steuer- und Sozialabgaben. Da sei man in Europa im Nachteil. Man müsse deshalb eine bessere Balance zwischen sozialen Leistungen und Abgaben finden. Zum aktuellen Stellenabbau wie etwa bei Fujitsu in Augsburg meint er, dennoch sei die Arbeitslosigkeit in der Region nicht besorgniserregend. Die IHK werde das Ihre tun, um die Betroffenen umzuschulen und weiterzubilden, um sie anschließend in die Unternehmen zu bringen, die tatsächlich Mitarbeiter suchen.
Andreas Kopton ist bekannt dafür, kein Blatt vor den Mund zu nehmen. Und so spricht er vom "nervtötenden Soli", prangert die "Respektrente" - "Die heißt nur so, um einen moralischen Druck aufzubauen, dass da niemand drüber reden darf" - sowie die Körperschaftsteuer an und warnt vor der impliziten Verschuldung, die etwa wegen "teurer Versprechen im sozialen Bereich" zu Problemen führen werde. Auch von der CO2-Steuer hält Kopton nichts: "Damit werden Sie die CO2-Menge nicht reduzieren." Er bedauert angesichts der Bedingungen: "Sie finden keine mutigen Unternehmer mehr. Selbstständig werden? Meine Kinder zeigen mir den Vogel."
Die Bürokratie nehme dank Themen wie Dokumentationspflicht beim Mindestlohn oder verpflichtende Mitarbeit an statistischen Erhebungen mehr und mehr Zeit ein. Gründer würden durch zu viel Regelwerk gebremst. Das Urteil des europäischen Gerichtshofs zur Dokumentationspflicht jeglicher Arbeitszeit stehe, so Andreas Kopton, diametral der Entwicklung einer "modernen Arbeitsorganisation mit mehr Ergebnisorientierung statt Arbeitszeitkontrolle" entgegen. Hinsichtlich Start-Up-Mekkas wie Israel oder Silicon Valley fragt er: "Glauben Sie, dass die Menschen dort nach Stempeluhr tätig werden?" Ein "Artenschutz für Unternehmer" sei angebracht.
Kopton zieht das Fazit: "Wir sind manchen Politikern hilflos ausgeliefert. Deshalb: Gehen Sie zur Europawahl und wählen Sie - aber gescheit." Schwerpunktthemen der kommenden Jahre

Von Monika Grunert Glas


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Veröffentlicht am 24.05.2019 23:00 Uhr




 

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