Altomünster    

Unbändige Freude am Musizieren: Auftaktkonzert zum Europäischen Musikworkshop in Altomünster

Altomünster - Ein Moment, eine Geste, ein Klang fasste den Abend zusammen. Susanne Müller hob beide Arme und schlug das Tambourin hoch über ihrem Kopf, einmal, zweimal. Ein Zeichen der Freude, der Leidenschaft, ein Applaus für die Musik an sich. Zugleich der Kulminations- und Schlusspunkt der Zugabe, eine Version des hebräischen Volkslieds "Hava Nagila" - "Lasst uns glücklich sein!"


Die Botschaft kam an. Sekunden später erhielten die Sopranistin und ihre vier Kollegen des 14. Europäischen Musikworkshop Altomünster, kurz EUMWA, tosenden Beifall vom Publikum voll besetzten Evangelischen Gemeindesaal der Marktgemeinde zurück.
EUMWA-Erfinder Markus Kreul (Klavier) und seine Mitstreiter Lisa Riepl (Klarinette), Tassilo Probst (Violine), Luca De Falco (Cello) sowie Susanne Müller - alle zum Teil langjährige EUMWA-Teilnehmer - war ein Abend gelungen, der in sich ein Kunstwerk war, dank einer klugen Dramaturgie und einem gemeinsamen Thema: ihre unbändige Freude am Musizieren.
Jeder des Quintetts begeisterte sowohl durch Virtuosität und technische Brillanz, als auch durch Emotion und Witz.
Susanne Müller war es, die in den ersten Stücken den Ton setzte; mit den anspruchsvollen schottischen Liedern Ludwig van Beethovens und Joseph Haydns, sowie in Beethovens irischem Song "O might but my Patrick love". Die Freiburgerin flocht die fordernden Koloraturpassagen so spielerisch-leicht in ihren Vortrag ein wie einst Katharina Witt die Pirouetten in ihre Kür. Ein famoser Auftakt!
Dem der Luca De Falco nichts Geringeres als die Cello-Suiten Johann Sebastian Bachs folgen ließ, ein gewagter Sprung. Doch der 24-Jährige trat mutig aus dem Schatten der unzähligen Cello-Granden, die diese sechs Tänze schon eingespielt haben. Beim Prelude wählte der junge Römer einen mächtigen Ton, der Atem seines Instruments erfüllte den gesamten Raum des evangelischen Gemeindezentrums. Die vertrackten Doppelgriff-Passagen flossen ihm mühelos aus den Fingern. Schade nur, dass er zwei Suiten ausließ.
Die Klarinettistin Lisa Riepl wusste den Trennungsschmerz zu mindern, der zwangsläufig nach jeder Bach-Aufführung auftritt. Mit der "Hommage á Bach" des Ungarn Béla Kovacs, ein Werk, das zwischen Melancholie und Euphorie changiert und damit wunderbar in den Abend passte. Riepl ließ Kovacs Verbeugung vor dem Barock-Genie fast so elegant swingen wie einst Benny Goodman - die Münchnerin ist auch in der Jazzszene in Erscheinung getreten.
Dann der mit Spannung erwartete Auftritt des Geigen-Großtalents Tassilo Probst. Der 17-Jährige hatte sich ein Opus Fritz Kreislers (1875 - 1962) ausgesucht, das Recitativo und Scherzo Opus 6, das der Wiener im Jahre 1911 dem Jahrhundertwende-Paganini Eugène-Auguste Ysaÿe (1858 - 1931) auf den Leib schrieb.
Viele Geiger nutzen die Komposition, um ihre Fähigkeiten zu demonstrieren. So auch Probst. Der Emmeringer bewältigte die Aufgabe mit Bravour, egal ob Mehrfingergriffe, Daumen-Pizzicato oder gehauchte Flageolett-Töne. Doch Probst bot noch mehr: Emotion, Seele und mitreißende Freude. Als er endete, atmete das Auditorium erst tief durch, dann ging ein ungläubiges Raunen durch den Saal, schließlich befreiender Jubel.
Nach diesem Höhepunkt konnte nur der Chef selber einen Schnitt setzen. Markus Kreul trat Robert Schumanns Fantasiestücke Op. 73, in der Version für Klavier und Cello. Allerdings ohne seinen üblichen Partner Guido Schiefen, dafür mit Luca De Falco. Kreul und De Falco gehen behutsam miteinander um, lauschen sehr genau auf die Fragen und Antworten des anderen. Schiefens Tiefe ersetzt De Falco durch eine Luzidität, die nach seiner Bach-Interpretation überrascht. Ein Erlebnis!
Ebenso wie Lisa Riepls und Susanne Müllers witzige Interpretation des "Löwenzahn" (Dandelion) des Engländers Arthur Bliss (1891 - 1975). Ein fröhliches Frühlingslied, mit Moll-Untertönen.
Erneuter Schnitt: Tassilo Probst und Luca De Falco begeisterten mit den Variationen zu einem "Passacaglia"-Thema des zweiten deutschen Barock-Gotts Georg Friedrich Händel, die sich der Norweger Johan Halvorsen (1864 - 1935) im Jahre 1897 ausdachte. Der Oberbayer und der Italiener transportierten das barock-skandinavische Opus mit südländischer Expressivität ins Hier und Heute, als ob die Jahrhunderte eine Seifenblase wären - ein Wunder, das nur in den performativen Akten der Musik möglich ist.
Als das eigentliche Mirakel des Abends entpuppten sich jedoch die "Five Hebrew Love Songs" des US-Amerikaners Eric Whitacre (*1970), zarte Oden an seine Frau, die israelische Sopranistin Hila Plitmann: berührend dargeboten von Müller, Kreul und Probst. Vermutlich griffen nicht wenige im Saal zu ihrem inneren Taschentuch.
Als Publikums-Hit erwies sich wenig überraschend der "Czardas" des Italieners Vittorio Monti (1868 - 1922). Probst ließ seine Geige jubeln, jauchzen, jammern und zwitschern wie ein echter Piroschka-Puszta-Bewohner aus den seligen Fünziger-Jahre-Filmjahren. Klar, dass Kreul dem noch einen Kontrapunkt entgegensetzen musste: den Abschiedsgruß des todkranken Franz Schubert im Lied "Der Hirt auf dem Felsen".
Der EUMWA ist eine multinationale und interkulturelle Veranstaltung, wie auch ab dem 14. April zu erleben ist, wenn täglich ein bis zwei Konzerte in Altomünster über die Bühne gehen, mit dem Meisterkonzert am 15. April im Dachauer Schloss.
Weitere Informationen zum Programm unter www.eumwa.de.

Von Horst Kramer


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Kulminations- und Schlusspunkt des Auftaktkonzerts zum 14. EUMWA: Susanne Müller schlägt das Tambourin bei der Zugabe, einer eigens für diesen Abend instrumentierten Variante des hebräischen Volkslieds "Hava Nagila". Foto: Horst Kramer



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Veröffentlicht am 27.01.2020 15:31 Uhr



 
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