Aindling    

Im Dienst für die Vergessenen: Heidi Bentele verstorben

Aindling - Heidi Bentele, das Gesicht und die langjährige erste Vorsitzende des Vereins "Hilfe für Kinder aus Tschernobyl", ist am vergangenen Dienstag verstorben. Die weit über die Landkreisgrenzen hinaus bekannte Aktivistin hatte sich über ein Viertel Jahrhundert lang in den Dienst der schwächsten Opfer der Atomkatastrophe von Tschernobyl gestellt.


Heidi2015-04-18TransportAndlin
Mehr als 25 Jahre war sie das Gesicht des Vereins "Hilfe für Kinder aus Tschernobyl" und hat sich für die Belange der an Krebs erkrankten Kinder und deren Familien eingesetzt. Nun ist sie mit 82 Jahren gestorben. Foto: Martin Golling


Unvorstellbare Ausmaße des Elends dieser Vergessenen hatte sie bei rund 30 Besuchen in der Region um die weißrussische Stadt Gomel vorgefunden. "Jedes dritte Kind kämpft gegen Krebs, meist Leukämie", hatte sie noch beim letzten von ihr organisierten Benefizkonzert vor drei Wochen betont. Entsprechend sei die psychische und soziale Lage der Familien vor Ort.
Ihr Engagement begann im August 1994. Heidi und Georg Bentele luden zum ersten Mal zwei Kinder aus der kontaminierten Region Gomel in Weißrussland in ihre eigene große Familie ein. Mascha Yasenetskaja und Tanja Usenkowa, beide gerade zehn Jahre alt, verbrachten vier Wochen in der Familie. Das veränderte damals nicht nur deren Leben, sondern auch das der Benteles.
Beim Abschied versprach Heidi Bentele den beiden Mädchen, sie in Weißrussland zu besuchen. Gerade dieser folgende, erste Besuch ließ Heidi Bentele so viel erschütterndes Elend erleben, dass ihr auf dem Rückweg klar wurde, diesen von der Atomkatastrophe betroffenen Kindern und deren Eltern muss geholfen werden. Ihre Freundin Heide Harlander und die evangelische Kirchengemeinde St. Lukas unterstützten sie.
Der Durchbruch gelang nach einem Benefizkonzert, das Heidi Bentele mit dem Aindlinger Tenor Udo Scheuerpflug, ihrem Bruder, dem Cellisten Wilfried Fauth und anderen sehr qualifizierten Musikern in der St. Martinskirche in Aindling organisiert hatte. Mit dem unverhofft reichen Geldsegen aus diesem Konzert reiste Bentele überglücklich mit dem Männerwerk Stuttgart im Frühjahr 1999 wieder nach Gomel und knüpfte erste Kontakte mit den Schwestern der Mutter Teresa, die gerade dabei waren, für elternlose Kinder und Obdachlose einmal am Tag ein warmes Essen zu spenden.
Als Heidi Bentele dort einen Besuch machte, wurde sie von der Oberin mit den Worten empfangen: "Ich wusste, dass Du kommst. Wir haben seit heute kein Geld mehr, um Lebensmittel zu kaufen, wir haben auf Gott vertraut. Er würde uns helfen."
Bentele engagierte sich seither mit Helferinnen und Helfern aus dem Verein Hilfe für Kinder aus Tschernobyl. Sie besuchte Schulen, organisierte zweimal jährlich Basare und Hilfstransporte mit Lebensmittel und medizinischem Gerät, Nähmaschinen, Fahrrädern und begleitete diese Fahrten nach Weißrussland meist persönlich. 1961 war das junge Ehepaar Bentele nach Aindling gezogen, um hier eine Tierarztpraxis zu eröffnen. "Trümpfe wie das Kreiskrankenhaus, die Drogerie oder das Kaufhaus Greiner", so erzählte Heidi Bentele selbst, hatte sie bewogen, sich in Aindling niederzulassen. Bis zum vierten von fünf Kindern war die Frau des Tierarztes voll mit dabei. "Eine harte Zeit, mordsmäßig aufregend", sagte sie selbst über diese Lebensphase. Die Tierartpraxis haben längst die Söhne Markus und Stefan übernommen.
Heide Bentele hinterlässt neben ihrem Ehemann Georg fünf Kinder, acht Enkelkinder und eine Urenkelin - und bei Hilfe für Kinder aus Tschernobyl eine nur schwer wieder schließbare Lücke.

Von Martin Golling


Ausführliche Nachrichten aus dem Wittelsbacher Land, aus Bayern und der Welt im E-Paper der Aichacher Zeitung. Hier bestellen.


Veröffentlicht am 24.10.2021 16:56 Uhr