Aichach    

Wohnglück auf 18 Quadratmetern

Aichach - "Das könnte ich nicht", höre er in letzter Zeit oft, erzählt Armin Därr. Und wenn er das zu hören bekommt, dann geht es im Gespräch um den neuen Lebensabschnitt, den der Aichacher momentan vorbereitet - und für den er mit Lebensgefährtin und Hündin aus einem 140-Quadratmeter-Haus in ein Tiny House mit knapp 18 Quadratmetern zieht.


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8,40 Meter lang, 2,55 Meter breit, 3,20 Meter hoch und dreieinhalb Tonnen schwer ist das neue Zuhause von Armin Därr. Den Innenausbau des Minihauses hat er selbst übernommen. Fotos: Nayra Weber


Man müsse es ausprobieren, um zu wissen, ob es für einen in Frage kommt, findet der 50-Jährige. In den vergangenen Monaten habe er gemerkt: "Ich brauche gar nicht mehr." Die Idee zum Leben auf kleinstem Raum entstand allerdings aus einer Not heraus: Därrs drei erwachsene Kinder leben mittlerweile selbstständig, daher wollten er und seine Partnerin in eine Wohnung umziehen. Ein Jahr lang suchten sie eine neue Bleibe - erfolglos. Mit Mischlingshündin Viki als Mitbewohnerin hätten sie meist erst gar keinen Besichtigungstermin bekommen, sagt Armin Därr. So sei die Idee entstanden, ein Tiny House zu beziehen
Den Rohkörper hat der Aichacher bei einem Hersteller im Kreis Biberach erworben, die Innenausstattung beinhaltete lediglich die Elektrik und die Fenster. Alles andere baute Därr in Eigenleistung aus. Rund vier Monate lang hat er sein neues Zuhause geplant, seit einem halben Jahr ist er am Werkeln. 100 Quadratmeter für den Rohkörper plus 50 Quadratmeter für den Innenausbau hat er an Holz verbaut. Es war ihm wichtig, für die Arbeiten nur auf natürliche Materialien zurückzugreifen, wie zum Beispiel Echtholzwolle zum Isolieren. Ohne Eigenleistung hätte ihn das Minihaus in dieser Ausstattung etwa 60 000 Euro gekostet, schätzt er. "Aber ich hab' schon immer alles selber gemacht. Und sowas kann man auch nicht kaufen", sagt er. Nur so habe er sein neues Heim genau nach seinen Vorstellungen realisieren können. Und dadurch habe er sich rund 20 000 Euro gespart, meint er. Auf den knapp 18 Quadratmetern hat Armin Därr eine Garderobe, eine Schlaf-Wohnzimmer-Kombination samt Kleiderschrank, einen Essbereich, der auch für Bürotätigkeiten dient, eine zweizeilige Küche und ein kleines Badezimmer - samt Sitz-Badewanne - unterbekommen. Kuschelig warm wird es dank einer Infrarot-Elektro-Fußboden-Heizung und eines kleinen Holzofens.
"Ich habe hier alles in vierfacher Ausführung, früher hatte ich alles 16 Mal - gebraucht habe ich es nicht", macht der Handwerker im Hinblick auf die Mini-Küche deutlich. Auf Geschirrspüler und Backofen musste er aber verzichten. Und Gäste - etwa die Kinder, wenn sie vorbeikommen - könnten aus Platzgründen nicht im Haus übernachten. "Besuchen können sie uns, schlafen müssen sie woanders", sagt Därr grinsend. Wobei er und seine Freundin auch ein Wohnmobil besitzen, in das Besucher notfalls ausquartiert werden kann.
Sobald der künftige Standort auf einem Grundstück eines Bekannten in Aichach genehmigt ist, soll der Umzug vollzogen werden. Das Minihaus wird wie jedes andere Bauobjekt auch an die entsprechende Wasser- und Stromversorgung sowie Abwasserentsorgung angeschlossen.
Das Domizil ist 8,40 Meter lang, 2,55 Meter breit, 3,20 Meter hoch und dreieinhalb Tonnen schwer. Von außen wirkt es wie ein größerer, hübsch gestalteter Bauwagen. Beim Innenausbau musste Armin Därr immer auch das Gewicht der Möbel im Blick haben, denn das neue Zuhause hat eine Straßenverkehrszulassung. Das war Därr wichtig, er wollte das Tiny House als Anhänger selbst mit seinem Pkw ziehen können, um unabhängiger zu sein. Das ist die Grundidee dieses Wohnabenteuers: Nach 20-jähriger Selbstständigkeit möchte der Handwerker nun einen Gang runterschalten, "freier, selbstbestimmter und naturnaher leben, mehr reisen und erleben", wie er sagt. Dazu reiche "eine kleine Homebase", das Tiny House. Auf Reisen geht es dann mit dem Wohnmobil, einem 3,5-Tonnen-Transporter, den er ebenfalls selbst ausgebaut hat und mit dem er auch schon unterwegs war. "Daher wissen wir, wie es ist auf vier Quadratmetern - dann schaffen wir es auch auf 18", stellt Därr klar
In der Paarstadt ist Armin Därr der erste Tiny-House-Besitzer. Der große Boom mit den winzigen Häusern ist auch im Rest des Wittelsbacher Landes noch nicht ausgebrochen. Derzeit vermeldet das Landratsamt Aichach-Friedberg zudem ein genehmigtes Tiny-Haus im Landkreisnorden (Baar, seit 2019) sowie ein genehmigtes Mini-Fertighaus im Landkreissüden (Steindorf, seit 2020).
Das Staatliche Bauamt am Landratsamt rät Leuten, die mit dem Gedanken spielen, ein Tiny House zu errichten, sich rechtzeitig mit der Bauaufsicht in Verbindung zu setzen. Die Behörde kann prüfen, ob der geplante Standort aus rechtlicher Sicht dafür geeignet ist. Wenn ein solches Minihaus einer Baugenehmigung bedarf, was laut Bauamt in der Regel der Fall sein dürfte, dann läuft das Prozedere wie in jedem anderen Baugenehmigungsverfahren für Wohnhäuser ab. Auch Tiny-Häuser auf Rädern, die nur gelegentlich bewegt werden, ansonsten aber zu Wohnzwecken genutzt werden, unterliegen den baurechtlichen Vorschriften. Eine zeitlich befristete Standzeit ändert daran nichts. Nur Tiny-Häuser, die nicht ortsfest abgestellt werden, sondern regelmäßig in kurzen zeitlichen Abständen auf wechselnden Grundstücken beziehungsweise an wechselnden Orten aufgestellt werden oder regelmäßig im Straßenverkehr genutzt werden, brauchen eine straßenverkehrsrechtliche Zulassung, wie zum Beispiel auch Wohnwagen. Sie sind aber dann keine baulichen Anlagen. Ein Abstellen dieser Minihäuser im Straßenraum ist eine "erlaubnispflichtige straßenrechtliche Sondernutzung", erklärt das Staatliche Bauamt. Idee zum Wohnen auf kleiner Fläche entstand aus der Not heraus

Von Nayra Weber

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..und über ein Badezimmer mit Sitz-Badewanne.


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Das knapp 18 Quadratmeter große Domizil auf Rädern verfügt über einen Schlaf- und Wohn- sowie einen Ess- und Büro-Bereich, eine Küche...



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Veröffentlicht am 16.04.2021 17:00 Uhr